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CD-Kritik Blumfeld - "Old Nobody"

Stilistische Reife: Nach fünf Jahren erklimmen Distelmeyer & Co einen Höhepunkt deutscher Popmusik.

Ganz schön mutig, ein Album nur mit Worten zu beginnen. "Eines Tages" ist die knapp sechsminütige, resümierende Seelenspiegelei eines Suchenden nach sich selbst: Schweigen und Sprechen, Wahrheit und Images, immer wieder falsches Verstehen. Wie der Mensch seinen Weg nicht findet, sich verliert an viele Hoffnungen und Schmerz erntet: "Du bist ein Gefangener vergangener Zeit / stehst vor dem Nichts / und erinnerst Dich dunkel / Du bist, was Du bist / älter, nicht schlauer." - Unbeschönigt, ehrlich und keine Spur geheimnisvoll. Bekenntnisse eines x-beliebigen Menschen dieser Tage. Gleich im Anschluß das Kontrastprogramm: Eintauchen in orchestrale Ornamente, schwelgende Geigen und Gitarren - "Tausend Tränen Tief".

Der neue Stil der Blumfeld-Songs hat sich auf ihrem dritten Album meilenweit vom ursprünglichen Diskurs-Pop der Hamburger Schule entfernt. Eingängiger, kompatibler, abgeklärter sind die Rhythmen, Melodien und Strukturen der elf Lieder. Teils gesungen, teils als Wortstakkato über Musik gesetzt, passen sie zu den offenen Gesichtern von Distelmeyer & Co, die einem vom Cover direkt in die Augen blicken.

Fünf Jahre sind seit ihrem letzten Album "L´Etat Et Moi" vergangen. Reifer und weicher geworden, sind Blumfeld dennoch ihren Idealen und zentralen Themen treu geblieben: Wer und was bin ich? Gibt es das richtige Leben im falschen? Immer wieder Liebe, die Last und Lust der Worte im Alltäglichen, und die Frage nach der Musik für eine andere Wirklichkeit.

Zeit braucht's, um das Album in all seinen Facetten zu erkunden. Denn trotz seiner sympathischen Offenheit erlauben Jochen Distelmeyers bisweilen assoziative Gedankenketten viel Zwischenraum für Interpretationen. Manche mögen das Hirnwichserei nennen, andere sich über die Seichtigkeit des einen oder anderen Liebeslieds mokieren. Doch Stücke wie das neunminütige, monotone "So lebe ich", das wie ein Film vorbeirauschende "Pro Familia" und "Tausend Tränen Tief" zählen zweifellos zu den seltenen Höhepunkten deutscher Pop-Musik.

Blumfeld: "Old Nobody" (ZickZack/Big Cat/Rough Trade)

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