Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Von Jan Wigger
Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Hamburgs Intelligenzpopper Die Sterne, Jeff Tweedys neues Wilco-Album, die stillen Pop-Songwriter von The Promise Ring, die dEUS-Epigonen von Coparck und drei wieder veröffentlichte Alben von Ryan Adams' ehemaliger Band Whiskeytown.
Die Sterne - "Irres Licht"
(Virgin/EMI)
Geriet der Vorgänger "Wo ist hier" auch auf Grund bandintern aufkommender Querelen etwas halbherzig und die dazugehörige Tournee manchmal sogar zum lästigen Pflichtakt, ist bei den Sternen mit "Irres
Licht" fast wieder alles in Ordnung. Für den dringend benötigten frischen Wind sorgt nach dem Ausstieg von Keyboarder Frank Will nicht nur der smarte Neuzugang Richard von der Schulenburg, sondern auch die zuletzt vermisste und nun wieder gewonnene Bissigkeit: "Hängen Hart" heißt eine der Hymnen auf den neuen Zusammenhalt, in der sich Sänger und Gitarrist Frank Spilker eindrucksvoll freischwimmt: "Wir hängen herum, wo wir nur können/und versuchen zu stören, um das Spiel zu gewinnen/das ist mehr als unsere
Pflicht/ich hab nur dich und du hast mich". Ganz Sterne-untypisch und sehr gelungen auch der mit Dudelsack garnierte Heimatschmalz "Wenn dir St.Pauli auf den Geist fällt".
Die Sterne - offizielle Website mit Soundfiles und Video
Wilco - "Yankee Hotel Foxtrot"
(Nonesuch/Wea/Warner Bros.)
Sollte es auf dieser Welt wider Erwarten doch gerecht zugehen, müsste man die Verantwortlichen des Reprise-Labels eigentlich auf lebenslanges Hören von mindestens zwei Stunden Reamonn (mit Videos!) täglich verdonnern. Die fatale Entscheidung, das exzellente neue Album von Jeff Tweedy und seiner
herzerwärmenden Band Wilco nicht zu veröffentlichen, ist im Nachhinein betrachtet eine echte Lachnummer. "Yankee Hotel Foxtrot" erscheint nun bei Nonesuch und markiert den Höhepunkt in Tweedys bislang ohnehin schon genialischem Schaffen. Die Country-Wurzeln von Uncle Tupelo, die zumindest
bis zum Doppel-Album "Being There" noch vorhanden waren, hat Tweedy mittlerweile vollends ausgespart, um Raum für gleißenden, rührenden Pop zu schaffen. "Heavy Metal Drummer", scheinbar eine kleine Hommage an Stephen Malkmus (Pavement), bringt die Gesamtstimmung von "Yankee Hotel Foxtrot"
ganz gut auf den Punkt: "I miss the innocence I've known/playing Kiss-Covers beautiful and stoned." Absolute Meisterleistung.
Wilco - offizielle Website mit Live-Video
Wilco - die offizielle deutsche Website
The Promise Ring - "Wood/Water"
(Anti/Connected)
Noch vor drei Jahren spielten The Promise Ring auf "Very Emergency" veritablen Power-Pop, der den unermüdlich wartenden Weezer-Anhängern immerhin den einen oder anderen Tag retten konnte und fälschlicherweise in die sperrangelweit offene Emo-Schublade gesteckt wurde. "So if I had a dime for
every time I should've stopped playing guitar/and put my nose in a book/then my head would be healthy and my guitar would be dusty" singt Davey von Bohlen nun auf der unerwarteten Wiederkehr "Wood/Water", und das Wissen über Bohlens Kampf mit einem heimtückischen Hirntumor gibt der nostalgischen Sentenz gleich eine ganz andere Bedeutung. Was The Promise Ring heute machen? Subtil-melancholischen und ganz reizenden Songwriter-Pop, der manchmal sogar an die späten Blur erinnert. Spielen sie "Wood/Water" einem beliebigen Promise-Ring-Fan vor, ohne das Geringste zu verraten - er wird sie nach der Auflösung erst für verrückt erklären und die Platte danach nie mehr hergeben wollen.
The Promise Ring - offizielle Website
Coparck - "Birds, Happiness & Still Not Worried"
(Labels/Virgin/EMI)
Ob der etwas kauzige und womöglich ironisch gemeinte Titel des eklektischen Debüts von Coparck ganz ernst zu nehmen ist, weiß ganz allein das kunstbeflissene Quartett aus Amsterdam. Unstrittig dagegen ist die
Tatsache, dass "Birds, Happiness & Still Not Worried" trotz holländischer Provenienz irgendwie belgisch klingt: Gleich der Einstieg "Awake" erweckt den leider irrigen Eindruck, dEUS seien endlich wieder aufgetaucht. "Insert
Space" und "Easy Install" beerben erfolgreich Radiohead zu "OK Computer"-Tagen, die wie aus der Ferne erklingende Piano-Ballade "Sustain" ist ebenfalls einer der Höhepunkte. Freunde der neuen Innerlichkeit wie
Anhänger von Soulwax, Zita Swoon oder den Briten I Am Kloot können bei Coparck bedenkenlos zugreifen - eine Enttäuschung ist eher unwahrscheinlich.
Coparck - offizielle Website mit Soundfiles
Whiskeytown - "Faithless Street", "Strangers Almanac", "Pneumonia" (Re-Issues)
(Mercury/Universal Music)
Oft war die Rede davon, was Medien- und Kritikerdarling Ryan Adams machte, bevor er mit "Heartbreaker" und "Gold" zwei der wichtigsten Singer/Songwriter-Alben der letzten Jahre veröffentlichte. Auch von Whiskeytown erzählte man sich Wunderdinge, allein hörbares Material war nur unter starken Mühen aufzutreiben. Mit dem 96er Debüt "Faithless Street" (übrigens der primus inter pares), "Strangers Almanac" (1997) und dem drei Jahre lang unfreiwillig unter Verschluss gehaltenen und erst 2001 herausgegebenen "Pneumonia" werden nun drei der vier Whiskeytown-Longplayer wieder veröffentlicht. Müßig zu erwähnen, wie informiert und geschmackssicher Adams, der sich die Vocals meist mit dem zweiten Gitarristen Phil Wandscher teilte, schon vor seiner furiosen Solo-Karriere musizierte. Andere Songwriting-Größen wie Son Volt, die ein Jahr zuvor debütierten, oder die Jayhawks schimmern ab und zu durch, Songs wie "Crazy About You" sind nicht sehr weit weg von Adams' heutigem Schaffen.
Ryan Adams - offizielle deutsche Website mit Video
Ryan Adams - offizielle Website mit Video und Soundfiles
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