Von Stefan Krulle
Im Westen von London, inmitten herrlicher Parklandschaften und geplant verwildernder Gärten, liegt ein düsteres Haus aus Backstein mit einer alten roten Telefonzelle davor. Hinter seinen Mauern gehen seltsame Dinge vor sich. Vor knapp neun Jahren saß dort ein Musikant, der Gäste in den wenig lichten Räumen empfing, um dann mit ihnen nicht über sein jüngstes Album reden zu wollen. Stattdessen bekam man dreidimensionale Riesenfische am 17-Zoll-Bildschirm zu sehen, die der Hausherr selbst geschaffen hatte. Das war recht kurios, aber im Jahre 1993 noch wenig hilfreich.
Kürzlich lud Mike Oldfield erneut auf sein Anwesen, das er zwar nicht gerne teilt, aber noch weniger gerne verlässt. Inzwischen saß er vor einem Screen, der größer war als die der teuersten TV-Geräte, und wollte wieder nicht nur über das neue Album sprechen. Das werde halt "Tres Lunas" heißen und "so eine Art Chill-out-Platte sein". Damit hat der Künstler durchaus Recht, und dass nun unter dem Zeichen der drei Monde das angenehmste Oldfield-Album der letzten anderthalb Dekaden auf den Markt ist, liegt hauptsächlich an dessen Vorgängern: verwirrende Neuauflagen seines Debüt-Erfolgs "Tubular Bells", den der exzentrische Brite immer und immer wieder und stets vergeblich zu wiederholen bemüht war.
Jetzt wechselt Oldfield die Branche und das Genre noch dazu. Im Grunde nämlich, so vermittelt der 49-Jährige seinen Zuhörern, sei das Wichtigste an "Tres Lunas" die beigelegte CD-Rom, die den Zugangscode zu jener kunterbunten Spiele-Welt offeriert, in der Mike sich offenbar komplett verloren hat. Beseelt und offenbar besessen von der eigenen Phantasie, schwitzt Oldfield den Joystick nass, lässt Schmetterlinge und Gitarren oder freundliche Zeppeline über sein "in unzähligen, langen Nächten" zurechtgefrickeltes, virtuelles Himmelreich schweben, rasen oder taumeln, durch atemberaubende Schluchten, über Zauberwälder hinweg oder unter Wasser durch Korallengärten hindurch.
So ganz allmählich wird dem Betrachter dieser Computerwelten klar, dass Oldfield, vermutlich ohne es zu ahnen, mit seinem PC-Game "Music VR" eine Käufergruppe erschließen könnte, die all den Salesmen seiner Plattenfirma bisher als unerreichbare Masse gegolten hatte. Wer immer Computerspiele bisher hasste, weil das stupende Ballern auf Aliens oder rasante Asphalt-Duelle nicht sein Ding waren, könnte sich hier zum Kuscheln mit dem Genre veranlasst sehen.
Ihn selbst, sagt Oldfield, hätten virtuelle Rennen auf langweiligen Rundkursen auch stets angeödet, "aber das Gefühl von Tempo fand ich schon faszinierend. Und mich als Schütze auszuprobieren war mir auch bloß deshalb unangenehm, weil ich als Freund alles Lebendigen einfach keine Waffe auf irgend welche Wesen aus Fleisch und Blut richten wollte, ohne eine Strafe zu riskieren." Deshalb zielt der Spieler von "Music VR" auch unbehelligt auf Asteroiden, die unsere zum Teil noch immer schöne Welt zu zertrümmern drohen, erntet beim Schuss auf den netten Delphin aber dessen höhnisches Gegacker, weil sich das Projektil beim Treffer in einen Goldreif auf der kecken Nase des Meeressäugers wandelt. Alles pc im PC.
Oldfield, der Phantast und Träumer, glaubt allerdings wirklich an die positiven "Vibes", die sein Spiel unter der Zockergemeinde schleichend verbreiten könnte. "Music VR lässt sich mit maximal dreizehn Leuten weltweit im Internet spielen, das trägt doch endlich einmal dem tieferen Sinn dieses Netzwerkes Rechnung." Vor allem für Menschen, die - wie er selbst - die aushäusige Kommunikation zunehmend als Zumutung empfinden. Wann immer ihm danach ist, ruft er beim Techniker im Büro nebenan an, auf dass eine heitere Netzwerk-Jagd durch die tolkienschen Ländereien von "Music VR" beginnen möge. Rechts und links seines Screens türmen sich dann von Hand gemachte Lautsprecher, die Oldfields jüngste Symphonie als glanzlackierten Soundtrack in den Raum schicken.
Oldfield-CD "Tres Lunas": Chill-Out für Esoteriker
Mike Oldfield: "Tres Lunas" (Warner Bros.); veröffentlicht am 3. Juni 2002
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