Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Von Jan Wigger
Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute dabei: Ein neuer großer Wurf des Briten-Trios Supergrass, ein weiteres Album der Norweger Motorpsycho, ein gewagtes Experiment der New Yorker Radio 4, eine Rückkehr zu alter Qualität von St. Etienne und ein neues, wie gewohnt gut abgehangenes Rock-Album von Bon Jovi.
Supergrass - "Life On Other Planets"
(Parlophone/EMI)
Seltene und zudem berechtigte Einigkeit herrscht über den Tatbestand, dass Supergrass zu den verlässlichsten und geschmackvollsten Bands Großbritanniens gehören und per se nichts wirklich Schlechtes
veröffentlichen können. So viel also wusste man bereits und ist ob des vierten Supergrass-Albums dennoch ein wenig überrascht, denn "Life On Other Planets" ist ziemlich genau die Essenz des bisherigen Schaffens der drei Eklektiker aus Oxford. Unwiderstehlich der rasante Muppet-Show-Punk von "Never Done Nothing Like That Before", voll von Sixties- und Seventies-Reminiszenzen, dazu meisterhaft auf den Punkt gebracht die
Single "Grace" und dramaturgisch clever "Evening Of The Day". Mehr als ein halbes Dutzend potenzieller Hits finden sich auf "Life On Other Planets", allesamt besser als die rätselhafterweise noch immer so beliebte Rolling-Stones-Hommage "Pumping On Your Stereo" vom famosen "Supergrass" (1999). Das Songwriting
der Briten mutet mittlerweile etwas schablonenhaft an, doch wer will es ihnen verdenken, den fast perfekten Song noch ein, zwei Mal zu variieren?
Supergrass - offizielle deutsche Website
Supergrass - offizielle Website
Motorpsycho - "It's A Love Cult"
(Stickman Records/Indigo)
Noch eine Formation, bei der es von cleveren Zitaten aus den Sechzigern und Siebzigern nur so wimmelt: Gemeint sind Motorpsycho aus Norwegen, die nicht nur für ihre dreistündige Live-Performance berühmt sind, sondern auch dafür, dass sie schon wieder eine neue Platte gemacht haben, während man gerade angefangen hat, sich mit dem Vorgänger zu beschäftigen. Dieses Jahr: "It's A Love Cult" mit dem für ein Eröffnungsstück umwerfenden Titel "Überwagner Or A Billion Bubbles In My Mind". Überhaupt besteht wenig Anlass zur Kritik, denn ausreichend wehmütig trottet "Circles" vorbei, behende wird in "Neverland" die Orgel angeschmissen und Streicher wie Gitarrenwände sind bei Motorpsycho ohnehin obligatorisch. Sollte doch noch Platz sein im heimischen Motorpsycho-Fach, spricht rein gar nichts dagegen, auch "It's A Love Cult" dazuzustellen. Man bedenke nämlich dies: Das Fach von The Fall ist immer noch viel voller.
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Radio 4 - "Gotham !"
(City Slang/Labels/Virgin/EMI)
Post-Punk, New Wave und Disco, vereinigt in einer einzigen Band? Geht nicht, gibt es nicht, informiert uns der in Sachen Musikhistorie niemals verlegene Platten-Nerd vom "Vinyl Only"-Laden an der Ecke. Geht aber doch, denn Radio 4 aus - natürlich - New York bringen diese bislang noch recht seltene Mischung mit "Gotham!" aufs Parkett: Schroff, gemein, rumpelig, dabei aber voller Groove und mit Hooklines, die sitzen. Schenkt man den
Trendbeauftragten Glauben, heißt das neue Credo schon bald "Dance To The Underground", was ja nur begrüßenswert wäre. Das stärkste der 13 Stücke aber heißt "Eyes Wide Open" und ist ein gerissener, natürlich augenzwinkernder Diebstahl von "More Songs About Buildings And Food" (1978) und "Fear Of Music" (1979), den beiden gefährlichsten Alben der Talking Heads. Wir zwinkern nicht mit den Augen, sondern drücken sie für heute noch mal zu.
Radio 4 - offizielle Website
Saint Etienne - "Finisterre"
(Mantra/Beggars Group)
Vermutlich haben Bob Stanley, Peter Wiggs und die cherubinische Sarah Cracknell selbst gemerkt, dass es das allzu ziel- und willenlos dahingleitende letzte Saint Etienne-Album "The Sound Of Water" eindeutig
nicht mit früheren Großtaten wie "Tiger Bay" (1994) oder "Good Humour" (1998) aufnehmen konnte. Auf dem deutlich stringenteren, neuen Album "Finisterre" hat das idiosynkratische, weil durch und durch popvernarrte
Trio glücklicherweise wieder alles richtig gemacht: Allein "Soft Like Me", veredelt durch einen zunächst ungewohnten Rap-Part, gehört sofort zu den perfekten Pop-Tracks, für die Saint Etienne seit "She's On The Phone" oder "Like A Motorway" schon so lange stehen. Ebenso geglückt und unbedingt tanzbar: "Amateur". Genau so kann's weitergehen in London.
St. Etienne - offizielle Website
Bon Jovi - "Bounce"
(Island Mercury/Universal)
Wenn sich ein neues Bon-Jovi-Album ankündigt, ist das den wenigsten, die in irgendeiner Form mit populärer Musik zu tun haben, komplett egal. Die Eiferer verkünden stolz ihre seit mindestens drei der letzten Alben kultivierte Abscheu, die heimlichen Verehrer, die man für gewöhnlich auf Konzerten der Band Modest Mouse antrifft, loben "Born To Be My Baby" und "Livin' On A Prayer" verstohlen als Vorläufer des so genannten
Emo-Core und bedauern, dies nicht offen hinausposaunen zu dürfen. Die Restlichen, das sind die Bon-Jovi-Fans. Sich über Jon Bonjovi und Band lustig zu machen, greift schon deshalb nicht mehr, weil katastrophal frisierte
Formationen wie Nickelback die Meßlatte für Unerträglichkeiten längst zu hoch gehängt haben. Bon Jovi spielen also auch auf "Bounce" in ihrer eigenen Liga und tun dies bei weitem rockiger als zuletzt. Für leidlich
gelungene Balladen wie "Joey" und "Right Side Of Wrong" scheint man sich am frühen, guten Elton John orientiert zu haben, der Mainstream-Rock alter Bon-Jovi-Schule aber überwiegt. "Bounce" stört nicht weiter und das kann, wer will, auch durchaus als Kompliment werten.
Bon Jovi - offizielle deutsche Website
Bon Jovi - offizielle Website
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