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27.01.2003
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Neue Meisterleistungen von den Go-Betweens und Ron Sexsmith, Hippieskes von The Future Sound Of London, Post-Grunge von Eyes Adrift und Trauerspiele von Aqualung.

The Go-Betweens - "Bright Yellow Bright Orange"
(Clearspot/Efa)


Wie langweilig, wie überflüssig es doch wäre, an Hand von "Bright Yellow Bright Orange" die leidige Diskussion um Relevanz und Daseinsberechtigung der Australier wieder von Neuem anzuzetteln. Folgendes sei deshalb vorab gesagt: Der enigmatische Robert Forster und der milde, gemütvolle Grant McLennan sind und bleiben das perfekteste noch existierende Songschreiber-Team im zeitgenössischen Pop. Neun von zehn Stücken waren makellos auf der meisterlichen, holzschnittartigen Wiederkehr "The Friends Of Rachel Worth" (2000), zehn von zehn sind es auf "Bright Yellow Bright Orange", einer Art Lehrbuch für kommende Songwriter-Generationen, einer Kunstanstrengung, die den beschwerlichen Teil nicht einmal ansatzweise vermuten lässt. Das vielleicht allerbeste McLennan-Stück "Poison In The Walls" und das unfehlbare, zentral platzierte "Too Much Of One Thing", in dem Forster schillernd von McLennan erzählt, sind Vergewisserung und Versprechen zugleich. Vollkommen ausgeschlossen, dass die Go-Betweens bei Vergabe der Alben des Jahres 2003 absent sein werden.
Jan Wigger


The Go-Betweens - offizielle Website


Ron Sexsmith - "Cobblestone Runway"
(V2 Records/Zomba)


Grübelnder, verlässlicher Ron Sexsmith. Nach dem vom damaligen Produzent Steve Earle leider etwas ins Muckerhafte gewendeten Vorgänger "Blue Boy" (2001) ist Sexsmith, um die 40 und dabei noch immer pausbäckig wie ein Schuljunge, zur Freude aller Fans recht schnell wieder aufgetaucht. "Cobblestone Runway" steht schon seit ein paar Monaten als Import im Laden, doch erst jetzt erfolgt die offizielle deutsche Veröffentlichung, weshalb auch wir nicht mehr verstohlen darüber flüstern müssen, dass Sexsmith längst wieder so großartig wie auf "Other Songs" (1997) und vor allem "Whereabouts" (1999) ist. Gewohnt strahlende Kompositionen ("Disappearing Act"), angereichert mit zagem Funk ("Dragonfly On Bay Street") oder einem Gastauftritt von Coldplay-Sänger Chris Martin beim abschließenden Remix des wundervollen "Gold In Them Hills". Sexsmith speiste bereits am Tisch von Paul McCartney und wurde von Elvis Costello hofiert - ob er jetzt auch mal Platten verkauft?
Jan Wigger


Ron Sexsmith - offizielle Website


Future Sound Of London - "Amorphous Androgynous: The Isness"
(Artful Records/Universal)


Gaz Cobain und Brian Dougans hätten größer und wichtiger als die Chemical Brothers werden können - wenn sie sich nur einmal dazu durchgerungen hätten, ihre sphärischen Techno-/ Ambient-/ BigBeat-Klänge live darzubieten. Stattdessen beschränkte sich das Duo mit dem angeberischen Titel The Future Sound Of London (FSOL) darauf, über eine ISDN-Leitung mit dem Publikum zu kommunizieren. Verschroben? Sehr. Viele Jahre sind seit den bejubelten FSOL-Alben "Lifeforms" (1994) und "Dead Cities" (1996) vergangen, die Techno-Manie ist vorbei und von den Chemical Brothers redet auch niemand mehr. Bester Zeitpunkt für ein Comeback, und was für eins: "Amorphous Androgynous: The Isness" passt noch weniger in das dritte Jahrtausend als Carlos Santana: Ambiente Klangsphären treffen auf rückwärts abgespielte Gitarren und jede Menge Sitar-Sound. Man fühlt sich in einen warmen Hippie-Traum versetzt, in dem George Harrison selig mit einem langhaarigen Donovan einen Ringelreihen auf grüner Wiese tanzt. Keine Spur mehr von hartem Sequencer-Gerät, die Instrumente auf "Isness" wurden live eingespielt und später durch den Computer-Fleischwolf gedreht. Cobain singt dazu hin und wieder von göttlichen Girls "Divinity" oder zitiert den Beatles-Klassiker "Tomorrow Never Knows" im "Guru Song". Die Techno-Freaks von einst sind zu ätherischen Blumenkindern geworden - 30 Jahre zu spät, aber wen kümmert das schon. Ein Mords-Trip!
Andreas Borcholte


The Future Sound Of London - offizielle Website


Eyes Adrift - "Eyes Adrift"
(Cooking Vinyl/Indigo)


Schade, Freunde: Dieses ganz grausame Cover könnte hinderlich sein auf dem Weg zum Weltruhm. Oder nennt man das heute immer noch "Alternative"? Geschenkt, denn der kleine, schwarze Aufkleber auf der Außenhülle der Platte verheißt nur Gutes: Meat Puppets-Sänger Curt Kirkwood, Ex-Nirvana-Bassist Krist Novoselic und Bud Gaugh, ehemals Schlagzeuger bei Sublime bilden Eyes Adrift und spielen lässigen, sehr solide durchkomponierten Post-Grunge, der am ehesten an die Kirkwood-Brüder und an die auch nach ihren gelungenen LPs "Too High To Die" (1994) und "No Joke" (1995) europaweit schmählich vernachlässigten Meat Puppets erinnert. Richtig spaßig wird es bei "Dottie Dawn & Julie Jewel": Man scheint ausgiebig Dylan gehört zu haben - ein mögliches Zeichen dafür, dass dieses treffliche Debüt noch zu übertreffen sein könnte.
Jan Wigger


Eyes Adrift - offizielle Website


Aqualung - "Aqualung"
London Rec/Wea)


"Just for a moment I faced my life alone/ Just for a moment my luck has finally run out/ Oh how I love you", erkennt Matt Hales sich in "Just For A Moment" plötzlich selbst. Trotz Garagen-Revival nimmt sie kein Ende, die Flut von Trauerklößen, die wie Hales bevorzugt in England gedeihen. Wem Thom Yorkes bewegungsloseste Radiohead-Momente die tröstlichsten waren, wer Turin Brakes mehr denn bloße Gefälligkeit abgewinnen kann, der mag "Aqualung" getrost nach Hause tragen. Viel schneller als auf dem schon werbungserprobten Hit "Strange & Beautiful (I Put A Spell On You)" wird es in kaum einem der elf leise dahin pluckernden Songs, wirklich langweilig aber auch nicht. Lediglich das leicht inspirationslose Schlussdrittel hätte Hales noch einmal überarbeiten können.
Jan Wigger


Aqualung - offizielle deutsche Website
Aqualung - offizielle Website


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