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12.03.2003
 

Hamburger Popband Go Plus

"Wir sind spezieller als Blumfeld"

Von Jan Wigger

Die Hamburger Gitarrenpop-Band Go Plus wehrt sich nicht gegen die Schublade mit der Aufschrift "Gymnasiasten-Mucke". Mit neuer CD, poetischen Texten und jeder Menge Nachdenklichkeit versucht das Trio nun schon zum dritten Mal, den Durchbruch zu schaffen - ohne dabei unbedingt erwachsen zu werden.

Popband Go Plus, Sänger Przygodda (l.): "Ich bin kein Malocher"
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Enver Hirsch

Popband Go Plus, Sänger Przygodda (l.): "Ich bin kein Malocher"

Wirft man einen genaueren Blick auf die Protagonisten der dämlicherweise einst und auch heute noch allzu häufig als "Hamburger Schule“ bezeichneten, irgendwie anderen Musikszene der Hansestadt, stößt man auf eine Menge Zugereiste: Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow stammt aus Offenburg, Tilman Rossmy aus Essen, Liedermacher Bernd Begemann, Frank Spilker (Die Sterne) und Jochen Distelmeyer von Blumfeld kamen aus dem Ostwestfälischen an die Elbe.

Für die Hamburger Band Go Plus, die das Glück hatten, niemals wirklich in oben erwähnte Schublade gesteckt zu werden, gilt dasselbe: Songschreiber Pit Przygodda (Gesang/Gitarre), sein Bruder Christian "Lumpi“ Przygodda (Bass) und Lars O’Horl (Schlagzeug) kommen allesamt aus einem Kaff bei Hannover und Pit Przygodda hat für das dritte, selbstbetitelte Go-Plus-Album eine unpeinliche und sehr persönliche Widmung an seine Heimatstadt verfasst: "Meine Freunde bleiben bei dir/ Ich bin erschrocken und begeistert von dem Schmerz/ Ich hab die Koffer ausgepackt/ O Hannover, mein Hannover“. Zuerst denkt man dabei noch an niedersächsische Schauergestalten wie Fury In The Slaughterhouse oder die Scorpions, aber kurze Zeit später hat man sie zum Glück vergessen.

Go Plus im Swimming Pool: "Wir machen poetischen Pop"
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Go Plus im Swimming Pool: "Wir machen poetischen Pop"

Der Pop-Entwurf von Go Plus, der bei den Beach Boys und Prefab Sprout beginnt und bei Codeine und Leonard Cohen noch nicht endet, erschien Apologeten des Einfachen textlich wie musikalisch schon immer etwas zu prätentiös, vulgo: studentisch. Auf der zweiten Platte "Largo“, auch schon fünf Jahre her, befand sich das Stück "Song For Brian“, eine Hommage an das kindliche Beach-Boys-Genie Brian Wilson. Damals fragten Freunde den verwunderten Przygodda, ob man so etwas denn überhaupt schreiben dürfe. Pit selbst haderte nicht mit der Anmaßung, dafür aber mit seinem Versäumnis, im Text zu erwähnen, dass es sich um Brian Wilson und nicht um irgendeinen anderen Brian handelt.

Auch heute noch fordern Przygoddas eher dichterische Herangehensweise und die sprachlichen, oft angenehm naiven Bilder der Go-Plus-Texte die Polarisierung geradezu heraus. "Die Beschimpfungen bezüglich 'Gymnasiasten-Mucke’ treffen ja eigentlich sogar zu, weil wir alle auf dem Gymnasium waren“, findet Przygodda. "Ich bin kein Malocher und dass meine Texte ziemlich elaboriert sind, ist mir klar. Das will ich dann aber auch so. Wenn man sich einmal die Leute anschaut, die auf Konzerte von Blumfeld oder Kante gehen, sind das doch in den seltensten Fällen Hauptschüler.“ Der Sänger ist mittlerweile zweifacher Vater, arbeitet nebenbei bei einer Telefon-Hotline und komponiert auch Musik für Underground-Filme.

Album "Go Plus": Dritter Anlauf zum Ruhm

Album "Go Plus": Dritter Anlauf zum Ruhm

Der Frage nach dem Standort, der Position und dem Zuhause von Go Plus stellt er sich auch weiterhin nicht ungern: "Wir sind halt noch spezieller als beispielsweise Blumfeld, auf die sich einfach mehr Leute einigen können. Ich hatte immer ein bisschen Schwierigkeiten mit Musikern und Menschen, die so etwas Agitierendes und politische Ansprüche in ihren Songs haben. Ich schreibe halt über mich und erzähle von mir, wobei man natürlich darüber streiten könnte, inwieweit das nicht auch politisch ist. Und Songs über Beziehungen, die ich ja auch ganz oft schreibe, sind vielleicht das Politischste überhaupt. Ich jedenfalls würde sagen: Wir machen poetischen Pop.“

Wobei die Popularität des Trios, das lange Zeit ohne Bassist dastand und sich nach langem Ringen dafür entschied, Pits Bruder als festes Mitglied in die Band aufzunehmen, bislang zu wünschen übrig ließ: Schon bei "Largo“, einem weit ausholenden, wehmütigen, fast zärtlichen Album, dessen Zeit 1998 schlichtweg noch nicht gekommen war, waren sich Band und Plattenfirma einig, es mit einem großen Wurf zu tun zu haben. Verglichen mit dem betriebenen Aufwand waren die Verkäufe jedoch mehr als dürftig.

Der immer wieder verschobene, neuerliche Anlauf mit "Go Plus“ ist für Pit Przygodda auch deshalb willkommen, weil er eine weitere Bestätigung dafür ist, dem "Raussein“, wie Kristof Schreuf von der Band Brüllen es einmal formuliert hat, dauerhaft entflohen zu sein. "Wenn man zehn Jahre in dieselbe Kneipe geht“, sagt Przygodda, "fragt man sich einfach, ob das alles ist, oder ob das Leben nicht irgendwo anders hin will. Wenn man für längere Zeit nur noch nachts aktiv ist, vermisst man das Tageslicht. Es gab einen Punkt, da wollte ich mich nicht mehr fragen, warum ich in einer Scheiß-Firma arbeite, keine Freundin habe, mich jeden dritten Abend betrinke und immer noch als Student eingeschrieben bin, aber nicht hingehe. Jetzt merke ich langsam, dass wirklich etwas passiert.“

"Go Plus" (Kitty-Yo/Zomba) wurde am 10. März 2003 veröffentlicht

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