Von Werner Theurich
Manchmal ist es eine Frage der Darreichungsform. Als Stanley Kubrick für sein Weltraum-Epos "2001 - Odyssee im Weltraum" György Ligetis Komposition "Atmosphères" auswählte, verpasste er dem vermeintlich spröden Avantgarde-Komponisten aus Rumänien popmusikalische Weihen. Seine ambitionierten und fein verästelten Klangwelten genossen zwar bei einem Expertenkreis hohe Anerkennung, boten sich aber eigentlich nicht gerade als das an, was man mal so eben bei einem Glas Wein konsumierte. Oder doch? Die hypnotischen, sich seltsam windenden, leisen Klänge, die zu Beginn des Kultfilms den bekannten Monolithen musikalisch beschreiben, waren bald Inbegriff jener "Neuen Musik", die zum Szene- und Bildungskanon gehörte. Der Zugang für ein größeres Publikum war geschaffen.
György Ligeti gilt als ebenso innovativ wie zuverlässig publikumswirksam. Längst ist er auch bei Nicht-Experten in aller Munde, populär wie ein Picasso des Klanges und ein dauerhaftes Synonym für musikalische Avantgarde. Ein lebender Beweis, dass man ohne Kompromisse an Markt und Masse erfolgreich sein kann. Seine Ausbildung erhielt er 1945 bis 1949 an der Franz-Liszt-Akademie in Budapest. Zum Neuerer und Avantgardisten wurde er allerdings erst, als er nach seiner Flucht aus Ungarn 1956 zu Karlheinz Stockhausen und dem Studio für Elektronische Musik beim WDR nach Köln kam.
Ligeti hat fast alle Konzert-Genres bis hin zur Oper ("Le Grand Macabre" 1974-77) bedient und dabei einen höchst individuellen Stil entwickelt. Seine "Mikropolyphonie" aus dichten, sich ständig subtil und variantenreich verändernden Klangflächen, ist auch für Neuton-Neulinge so markant und identifizierbar wie der Sound der Beatles oder Rolling Stones. Und noch etwas hebt Ligeti aus dem experimentierenden Kollegenkreis hervor: Humor. Seine sprühenden Vocal-Eskapaden in "Aventures" (1962) spielen mit Inhalten, Klängen, Emotionen und den Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme - in bester Dada-Tradition und dennoch streng komponiert. Eben original Ligeti: scharfer Intellekt und sinnliche Freude am Klang, kein Chaos, sondern geformte Ideen. Ligeti spielt nicht mit dem Publikum sondern mit den Klängen, die jeder irgendwo versteckt im Kopf hat und die vom Komponisten neu und überraschend geordnet werden. So hat man das noch nie gehört - und dennoch ist es einem nicht völlig fremd.
Dennoch müsste der am 28. Mai 1923 in kleinen Dorf Diciosanmartin (Transsylvanien) geborene György Ligeti an seinem heutigen Geburtstag eigentlich verzweifeln, denn in Zeiten, in denen die Klassik- oder, unschöner genannt, E-Musik-Umsätze in nie gekannte Tiefen purzeln, erscheint hoch komplexe und entschieden intellektuelle Musik wie die seine nicht nur exotisch, sondern beinahe unverkäuflich. Doch solcherlei schnöde Tatsachen kümmern den ebenso fröhlichen wie selbstbewussten Tonschöpfer herzlich wenig. Getreu der Curt Goetzschen Erkenntnis, "Talent kann, Genie muss!" schreibt er munter weiter und fügte seinem Œuvre jüngst ein "Hamburger Konzert" hinzu und baut weiter an seinem Denkmal als einer der erfolgreichsten Neutöner des letzten und wahrscheinlich auch des neuen Jahrhunderts.
Ingo Metzmacher, Hamburger Opernchef und engagierter Streiter für Neue Musik in den Konzertsälen, ist ein erklärter Bewunderer Ligetis und setzt seine Werke oft aufs Programm. "Er hat mich immer wieder überrascht und gefesselt", sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wie alle großen Komponisten hat er eine unverwechselbare Sprache. Er wird 'bleiben'!" Metzmachers Lieblingsstücke sind die "Aventures", das ebenso berühmte "Lontano" (1967) und das Violinkonzert (1992 vollendet). "Ich glaube, Ligeti war ein Glücksfall für die Entwicklungsgeschichte der Musik", sagt der Generalmusikdirektor. "Er hat einen vollkommen neuen, authentischen Tonfall eingeführt." Vor allem aber macht Ligetis Musik Spaß - wenn man Lust hat, sich ein wenig musikalisch ent- und verführen zu lassen.
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