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23.06.2003
 

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Die wichtigsten CDs der Woche

Jede Woche stellt SPIEGEL ONLINE die wichtigsten CD-Neuveröffentlichungen vor. Heute: Vermeintlicher Prog-Rock von The Mars Volta, Unvergleichliches von The Polyphonic Spree, Chansons von Ex-Model Carla Bruni, einzigartiger Gitarren-Pop von Pinback und dekadenter R&B von Ginuwine.

The Mars Volta - "De-Loused In The Comatorium"
(Universal Music)


Man kann da kaum der Übertreibung bezichtigt werden: At The Drive-In waren, gerade mit dem wegweisenden und unerbittlichen letzten Album "Relationship Of Command", neben den Strokes die wohl hoffnungsvollste Gitarren-Band seit Nirvana. Doch das vor allem Kräfte zehrende, zermürbende Touren führte erstaunlich schnell zur Auflösung. Danach konnte Jim Ward zwar mit Sparta reüssieren, doch erreichte diese Band zu keiner Zeit die kreativen Höchstleistungen von At The Drive-In. Deren früherer Sänger Cedric Bixler, der sich bei den wahnwitzigen Auftritten von ATDI gern und oft mit dem Mikrofon-Kabel strangulierte, machte gemeinsam mit Omar Rodriguez-Lopez (ebenfalls Ex-ATDI) als The Mars Volta weiter. Prog-Rock sei zurück, argwöhnten die Ordnungshüter nach dem Hören von "De-Loused In The Comatorium", dessen Cover lustigerweise tatsächlich von Dream Theater oder Fates Warning stammen könnte. Doch hatten dieselben Leute aus denselben Gründen damals nicht auch Angst vor Radioheads "OK Computer"? "De-Loused In Comatorium" ist natürlich in allererster Linie eine Rock-Platte. Mit den üblichen prätentiösen Songtiteln zwar ("This Apparatus Must Be Unearthed", "Take The Veil Cerpin Taxt"), mit zahlreichen Tempiwechseln und gewöhnungsbedürftigem Gesang, aber auch mit der altbekannten, vertrackten Wucht. Jan Wigger


The Mars Volta - offizielle Website


The Polyphonic Spree - "The Beginning Stages Of..."
(WEA)


Vor ein paar Monaten brachte fast jeder, der für ein paar Tage in London war, diese Platte mit zurück. Während The Polyphonic Spree in der Heimat ignoriert wurden, liebten die britischen Musikschreiber diese höchst seltsame und apokryph wirkende Kongregation offensichtlich glücklicher Menschen, die allesamt in weißen Kitteln auftraten und es zusammen auf 24 (!) Mitglieder brachten. Ab und an war sogar von einer Sekte die Rede, doch das war Unsinn. Tim DeLaughter, früher bei Tripping Daisy, ist der Sprecher der Polyphonic Spree, es gibt den Flötisten, den Violinisten, den Posaunisten und einen zehnköpfigen Chor, den man auf dem wunderbaren Einstieg "Have A Day/Celebratory" hören kann. Wer will diese maßlosen, symphonischen und anscheinend vollkommen unironischen Mantren auf "The Beginning Stages Of..." schon einordnen? Die Brillanz der Beach Boys auf dem unveröffentlichten Meisterwerk "Smile", vielleicht die Jenseitigkeit der Flaming Lips auf "The Soft Bulletin" - davon abgesehen greift kein Vergleich. Jan Wigger


The Polyphonic Spree - offizielle Website


Carla Bruni - "Quelqu'un m'a dit"
(Naive/SPV)


Passend zur Renaissance des französischen Chansons veröffentlicht das ehemalige Dior-Model Carla Bruni ihr erstes Solo-Album, auf dem sie sich als Songschreiberin, Gitarristin und natürlich als Sängerin versucht. Singende Models? Dabei kam nur selten etwas Gutes heraus, man erinnere sich schaudernd an Naomi Campbells musikalisches Trampeln im Porzellanladen Mitte der Neunziger. Doch Frau Bruni macht einiges anders und vieles besser. Nicht nur, dass sie auffällige Unzulänglichkeiten ihrer Singstimme und ihres Gitarrenspiels hinter jeder Menge Unschuld und Charme versteckt, sie macht als Interpretin ihrer wohl klingenden Chansons eine kaum schlechtere Figur als auf dem Laufsteg (naja). Das rauh dahin geflüsterte, gemurmelte oder gehauchte Ergebnis kann es zwar rein vom musikalischen Anspruch her nicht mit inspirierten Erneuerern wie Francoiz Breut oder Benjamin Biolay, bzw. Coralie Clement aufnehmen, verzaubert aber dafür mit naiver Erotik wie einst Jane Birkin. Nur, dass Carla Bruni nicht nur besser aussieht, sondern auch die bessere Sängerin ist. Die Franzosen haben "Quelqu'un m'a dit" bereits zum Bestseller gemacht. Andreas Borcholte


Carla Bruni - offizielle Website


Pinback - "Offcell"
(Touch And Go/EFA)


Es ist an dieser und an anderer Stelle oft geklagt worden über die geringe Wertschätzung, die den komplett wahnsinnigen Three Mile Pilot aus San Diego, einem Kollektiv von Amokläufern, das die Booklets seiner majestätischen Alben gern mit Koordinaten für Bombeneinschläge oder Totenvögeln zierte, zuteil wurde. Während Sänger Pall Jenkins mit Black Heart Procession eine der düstersten Bands unserer Zeit gründete, entwarf Bassist Armistead B. Smith IV mit Pinback eine mildere, doch kompositorisch kaum weniger hochklassige Variante von Three Mile Pilot. Das unterschätzte Pinback-Debüt "This Is A Pinback CD" bleibt Armisteads größte Anstrengung, das zweite Album "Blue Screen Life" und die EP "Some Voices" konnten nur schwerlich mithalten. "Offcell" nun ist eine dreißigminütige Mini-LP mit fünf Titeln. Manischer und dabei zager Gitarren-Pop, einzigartig. Jan Wigger


Pinback - offizielle Website


Ginuwine - "The Senior"
(Epic/Sony Music)


Amerikanischer Soul, ob man's jetzt R&B nennt oder "Urban Pop", zeichnet sich in den letzten Jahren eigentlich nur durch scheinbar grenzenlose Langeweile aus. Zwischen den zahlreich dahingecroonten "Uhhh Babys" der diversen Schmerzensmänner regiert die Gier (nach Frauen und Geld), aber längst nicht mehr der Groove. Ein Garant hierfür war - bisher - der Soul-Sänger Ginuwine, der seinen lasziven Texten ("Pony") zumindest einen angemessen pumpenden Rhythmus verpasste. Statt wie gewisse Kollegen wortreich über Sehn- und Sexsucht zu schwafeln, kam der Newcomer aus Washington Mitte der Neunziger ohne viele Umstände auf den Punkt und wurde flugs zum Platin-Star. Nun ist aus dem "Bachelor" (Titel des Debüt-Albums) ein "Senior" geworden, und das hört man - leider. Signifikant für das vierte Album ist die Kollaboration mit seinem über-etablierten Konkurrenten R. Kelly, der Ginuwine seinen Song "Hell Yeah" überließ: Übersättigter, überproduzierter Schmonz-Soul der Dekadenz-Klasse, der - natürlich - von einigen der derzeit hippsten Produzenten der R&B-Szene betreut wurde. Vom Hunger-Pragmatismus früherer Tage ist dabei zwischen plätschernden Midtempo-Nummern ("Sex") und schmachtenden Balladen ("Bedda To Have Loved") nicht mehr viel zu hören, vom Groove kaum noch etwas zu spüren. Dann lieber die alten Barry-White-Scheiben wieder ausgraben. Andreas Borcholte


Ginuwine - offizielle Website

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