Von Werner Theurich, Köln
Herbert Grönemeyer räumte beim "Comet" gleich zwei Preise ab
Köln - Leonardo di Caprio plant offenbar ein Remake des Film-Klassikers "Jenseits von Eden", Deutschlands Soulpop-Barde Sasha versuchte sich zur Eröffnung der diesjährigen Comet-Verleihung als Haartollen-gestylter Rock'n'Roller mit Standbass und nostalgischer Revue-Tanzgruppe. Ob Leo der allerdings der neue James Dean oder Sasha der neue Peter Kraus wird, bleibt abzuwarten.
Nach der Einlage jedenfalls kam der gute alte Sasha wieder als Präsentator auf die Bühne, gewohnt charmant, smart casual jeansig gewandet und fast bescheiden neben seiner Sangeskollegin und Mit-Moderatorin Kollegin Yvonne Catterfeld. Ganz in sommerlichem Weiß mit glitzernden Akzenten, hätte die schöne Blondine auf jedem Ball eine gute Figur gemacht. Aber hier ging's ja um Pop. Aber der Pop ist ja erwachsen geworden, wie man noch sehen sollte.
Selbst die allgegenwärtigen No Angels - hier sinnigerweise als "Beste Band national" ausgezeichnet - geben sich längst als souveräne Diven, man denkt an die Zukunft und versucht auch in der visuellen Darreichung per Video den Spagat zwischen verschwitzter Street-Erotik und elegantem Abendkleid. "Und es gibt sie schon länger als manche ihrer Kritiker", bemerkte Sasha. Ja, das Leben kann kurz sein. Als recht langlebig erwiesen sich auch die Schwerstmetaller von Metallica, die als bester Rock-Act einen Cometen erhielten. Natürlich waren die nicht da, sondern bedankten sich auf dem Bildschirm von irgendeiner Konzert-Location. Metaller müssen arbeiten.
Lieber mal eine Schicht in Deutschland legte die kanadische Pop-Country-Lady Shania Twain ein, die mit Fiddlern, Gitarristen und Choristen in voller Live-Besetzung eingeschwebt war, um ihren hiesigen Erfolg ein wenig zu befeuern. Schon früh am Abend ein Glanzlicht, aber so war vielleicht der letzte Flieger für die vielköpfige Crew noch in Reichweite. Ähnliche Gedanken bewogen wohl Ricky Martin, der frühzeitig die Hüften schwang. Dessen neue musikalische Impulse klingen derzeit eher orientalisch als latin, und dafür gab's dann auch nur eher höflichen Beifall.
Ein echter Superstar
Doch, es gab da schon Abstufungen. Das erstaunlich kritikfähige Publikum - obwohl überwiegend durchaus noch im kreischfähigen Alter - bedachte "Superstars" wie Alexander mit heftigen Buhs und bejubelte Herbert Grönemeyer mit langen Ovationen. Denn natürlich bekam der "Mensch" gewordene Musiker den Preis als "Künstler des Jahres" plus als bester Live Act und ließ damit Xavier Naidoo hinter sich. Überhaupt Naidoo: Er war in vielen Sparten nominiert und legte die wohl beste Live-Performance des Abends hin. Inzwischen gelingt es ihm, ohne übertriebenes Pathos zu bewegen und zu begeistern. Eine lockere Perfektion, die längst alle erdenschwere deutschen Pops hinter sich gelassen hat. Ein echter Superstar.
Die Buhs bei der Ankündigung hatten einen anderen "Superstar" namens Küblböck denn doch ein wenig zornig gemacht. Bei seinem Auftritt stoppte der Zappelphilipp das Playback und improvisierte "für alle Gegner" nach der Melodie von Nenas "99 Luftballons" eine A-cappella-Strophe zur Selbstverteidung. Mutig war's schon, denn das Publikum rückte auch danach nicht von seiner Antihaltung ab. Immerhin, ein Jungmann stand auf.
In Stilettos über die Bühne toben
Die Dame, die seinerzeit besagte Luftballons fliegen ließ und zur Ikone der Neuen Deutsche Welle wurde, feiert derzeit ein atemberaubendes Comeback und ist längst ein Star von eigenen Graden geworden. Als hätte ganz Deutschland auf nichts anderes als die neue/alte Nena gewartet. Verändert hat sie sich kaum, sagt immer noch "Oh mein Gott!" wenn sie eine Auszeichnung erhält, und hätte an diesem Abend jeden Fall den Preis für die besten Sprints in High Heels verdient. In Stilettos über die Bühne toben - das macht der Nena so schnell keine nach.
Jedenfalls nicht die frisch gebackene "Star Search"-Expertin Jeanette Biedermann, die in Leder und Patronengürtel gewandet zwar ähnlich hohe Hacken präsentierte, aber die hohen Töne nur mit beherztem Kreischen über die Rampe brachte. Von Toben natürlich keine Rede, das gute Kind wusste sich zu benehmen.
Überhaupt wussten alle, was sich gehörte, selbst die natürlich ebenso vertretene deutsch HipHop-Fraktion, die inzwischen auch eine Award-Routine entwickelt hat und als Showblock in der Mitte der Veranstaltung integriert war. Lediglich bei den Massiven Tönen kam jedoch so etwas wie Stimmung auf, aber die sind auch nicht ganz griesgrämig wie einige Kollegen und verstehen etwas von Ironie ("Wir sind cool!"). Weniger konziliant war natürlich Eminem ("Bester HipHop Act international"), der in seinem Dankesvideo mit der runden Comet-Trophäe gleich Basketball spielte.
Ob der Comet im nächsten Jahr ohne die PopKomm noch diese Anziehungskraft ausüben kann oder ob er gleich mit an Spree umzieht, um womöglich dem "Echo" Konkurrenz zu machen, das steht freilich in den Sternen. Aber wo viele Stars sind, haben auch Cometen ihren Platz, vor allem so lange es so viele gibt, die sich gern in ihrem Licht sonnen. Und sei es nur für einen Abend.
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