Von Markus Brügge
Hamburg - Wenn man Daniel Küblböcks Karriere-Aussichten beurteilen will, ist das ein bisschen so wie bei einem Urlaubs-Schnappschuss: alles eine Frage der Perspektive. Geht man ganz nah ran, dann waren es tolle Ferien unter Palmen, blauer Himmel und Sonnenschein inklusive. Tritt man dagegen drei Meter zurück, dann steht neben den Palmen ein achtstöckiges Hotel und eine vierspurige Autobahn trennt den Besucher von der Playa.
Die Fans von Küblböck (die ihren Star so sehr lieben, dass sie sich "Faniels" nennen) sind nah dran an Daniel, ganz nah. In Saal 3 des CCH in Hamburg - in den eigentlich fast 3000 Besucher passen - drängen sich gut 300, vielleicht 400 Menschen an den Bühnenrand, denn dort wird er gleich auftreten. Auftreten? Erscheinen wäre wohl das bessere Wort, denn die Arme, die sich ihm entgegenrecken, die spitzen Schreie, die seine Anhänger regelmäßig ausstoßen, verleihen Küblböck etwas Messianisches.
Und tatsächlich ist seine Show eine bonbonbunte Mischung aus pseudo-buddhistischer Lehre, Wohlfühl-Parolen ("Finde das Paradies in dir"), Daniel-Kinderfotos und Heldenverehrung. Ach ja, gesungen wird auch noch, bei einigen Liedern ist man sogar überrascht: Küblböck hat das Froschige in seiner Stimme reduziert, bei den schnellen Nummern erahnt man einen Hauch von Rock 'n Roll.
Vielleicht sollte man aber auch gar nicht von Daniel Küblböck als "Sänger" reden. Gut, "Deutschland sucht den Superstar" war eine Gesangs-Talent-Show, irgendwie zumindest. Aber ebenso wenig, wie RTL wirklich den besten Sänger finden wollte, wollen die Bewunderer von Daniel einen jungen Mann mit glockenklarer Stimme.
"Positiv", das ist das häufigste Urteil, das man an diesem Abend über Küblböck hören kann. Manche der Fans haben Plakate dabei, auf denen sie Daniel "meinen Sonnenschein" nennen. "Er ist einfach immer gut drauf, ein richtiger Entertainer", findet Pauline. Das Überraschende: Pauline ist nicht acht und trägt eine Zahnspange. Pauline ist 35, Tierärztin und hat ein Küblböck-Poster in ihrer Praxis hängen.
Natürlich gibt es auch die Kinderfans. Und auf den ersten Blick könnte man meinen, die Erwachsenen, die im CCH sind, seien nur der Aufsicht halber da. Ein Irrtum: Schaut man genauer hin, dann sind es die Frauen zwischen 30 und 50, die am lautesten kreischen und rufen, die sich am dichtesten an den Bühnenrand drängen, wenn Küblböck singt,
"Der ist einfach sexy", sagt Sabine, 33. Sie ist wie Pauline Mitglied im Fanclub "Danielwelt" und eigens aus Salzburg angereist. Es ist ihr sechstes Konzert, Pauline hat schon sieben hinter sich und Michaela, die neben den beiden steht, war acht Mal bei Daniels Auftritten dabei. Michaela, die lieber "Michel" genannt werden möchte, kann sich ihre Liebe zu Küblböck auch nicht so genau erklären. Als Teenie, vor 20 Jahren, habe sie keinen Popstar so bewundert wie heute Daniel Küblböck. "Wenn der die Bühne betritt, dann wird es hell", sagt sie und ihre Augen leuchten.
Alles eine Frage der Perspektive. Wenn man sich nicht so nah an die Bühne stellt wie Pauline, Sabine und Michel, dann sieht man, dass der Saal nur zu einem Drittel besetzt ist. Dass im hinteren Teil ein stetes Kommen und Gehen herrscht und ein Dutzend Leute im Vorraum stehen, die Kaffee trinken und rauchen, während die Show läuft.
Und dann ist da die Sache mit dem Singen: "Der Daniel" habe Gesangsunterricht genommen, sagt Arno, Fleischer von Beruf, der seine Frau zu den Konzerten begleitet und das Internetforum von danielwelt.de betreut. "Manche stört das ja, denen wird der Daniel zu unauthentisch." Arno dagegen findet es gut: "Der hat sich entwickelt."
So gesehen hat Küblböck Entwicklungspotenzial, sehr viel Entwicklungspotenzial. Die Balladen, die Dieter Bohlen für ihn geschrieben hat, presst er in einem gekünstelten Basston aus sich heraus, um dann und wann in den berühmten nasalen Tonfall zu rutschen. Am übelsten fällt das auf, als Küblböck Sinatras "My Way" exekutiert: Irgendwo zwischen Frosch und Brüllaffe, mit unangenehm viel Hall unterlegt.
Erträglich, manchmal sogar unterhaltsam wird Daniel Küblböck dann, wenn er über die Bühne wirbeln kann, wenn er die drei Höhenmeter zwischen Bühnenrand und Showtreppe in fünf Sekunden absolviert, als gelte es einen Sprint zu gewinnen. Dann quietscht und lacht und winkt und hüpft der Sänger und seine Fans lachen und quietschen und hüpfen mit. Bei "Satisfaction" ist das so oder bei "Proud Mary".
Und dann, für einen Moment, kann man ihn wirklich mögen und die Faniels verstehen, die ihn mit leuchtenden Augen anschauen. Dann ist es für einen Augenblick egal, dass er nach professionellen Maßstäben eigentlich nicht singen kann. Dann steht ein überdrehtes, aber liebenswertes Kind da oben vor seinen Fans und tobt sich aus. Spielt den Charmeur mit zu großem Hut. Spielt die laszive Diva. Spielt Tina Turner, spielt Mick Jagger. Und es ist ein sehr authentisches Spiel.
Alles eine Frage der Perspektive. Denn wenn man Küblböck für einen Moment so gesehen hat, fallen einem die 300 oder 400 Leute ein, die zu seinem Konzert gekommen sind. 300, vielleicht 400 verkaufte Eintrittskarten. Vielleicht 10.000 Fans in Deutschland. Das wird für die Charts nicht mehr reichen und für die großen Hallen schon gar nicht. Zumal mit Lorenzo aus der zweiten DSDS-Staffel schon das nächste hyperaktive Kind auf seinen großen Auftritt im Popsternchen-Durchlauferhitzer wartet.
Die echten Fans wollen davon nichts hören: Lorenzo sei "einfach zum Kotzen", sagt Sabine aus Salzburg - "ein Abklatsch", pflichtet Pauline ihr bei. "Ich find den Daniel richtig sexy und toll. Mit 25 brauchste doch 'nen Waffenschein für den", sagt "Michel" und lacht.
Nur ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in sieben Jahren noch irgendjemand für den 18-Jährigen interessiert, sehr gering.
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