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02.04.2004
 

Interview mit Thomas Anders

"Die Leute haben dieses Casting-Zeug satt"

Thomas Anders, Ex-Sänger von Modern Talking, moderiert jetzt das Revival der Kultsendung "Formel Eins" - obwohl er eher schlechte Erinnerungen daran hat. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum man Fernsehmoderatoren nie den Rücken zudrehen sollte, wie die "Nora"-Kette entstand und was er von Dieter Bohlen hält.

Anders, Bohlen: "Ein paar Stufen liegen dazwischen"
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AP

Anders, Bohlen: "Ein paar Stufen liegen dazwischen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Anders, Sie sind zur Zeit verblüffend aktiv. Erst sind Sie bei Stefan Raab im Wok gerodelt, dann haben Sie Max mit zum Grand Prix geschickt, jetzt moderieren Sie das "Formel Eins"-Revival - was um Himmels willen steht in Ihrem Vertrag mit ProSiebenSat.1 noch alles drin?

Thomas Anders: Ich habe keinen Vertrag mit ProSiebenSat.1, das ist eher eine Verkettung von glücklichen Umständen. Ich kenne Stefan Raab schon zehn Jahre, und er hat mich gefragt, ob ich in der Jury für den Grand Prix mitmache, na ja, und hinterher hat er mir erzählt, dass ich auch in den Wok muss.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum wollte Kabel 1 Sie denn als Moderator für "Formel Eins" - da gibt es doch schon genug Original-Moderatoren.

Anders: Ja, eben. Weil von denen keiner allein in den Vordergrund gestellt werden sollte. Die kommentieren die Sendung zwar so aus dem Hintergrund, aber es brauchte jemand, der die Sendung zusammenhält. Kabel 1 hat jemanden mit einem hohen Bekanntheitsgrad gesucht, der irgendwie für die Achtziger steht und der auch noch fehlerfrei sprechen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt zwingend. Allerdings sind Sie mit Modern Talking früher bei "Formel Eins" nicht immer gut behandelt worden.

Anders: "Was schert es die Eiche wenn sie der Hund anbellt"
DPA

Anders: "Was schert es die Eiche wenn sie der Hund anbellt"

Anders: Während der Sendungen haben wir davon gar nichts mitbekommen. Das ist doch immer das gleiche, ob in den Achtzigern oder heute. Da sind die Moderatoren ganz zahm und fressen einem aus der Hand. Wenn wir es dann später gesehen haben, hat man bei der Abmoderation plötzlich irgendwelche spitzen Bemerkungen gehört - das wurde aber erst später aufgezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich hinterhältig, oder?

Anders: Tja, sind das nicht letztlich viele Menschen? Es ist in jedem Fall eine weit verbreitete Unart bei Moderatoren. Erst kriechen Sie einem, na, Sie wissen schon wohin, aber sobald man ihnen den Rücken kehrt, lassen sie ihre Sprüche ab. Das ist natürlich auch feige. Journalisten sind bei Interviews oft nicht viel anders. Egal - was schert es die deutsche Eiche, wenn der Hund sie anbellt?

SPIEGEL ONLINE: Aber jetzt müssen Sie doch genau mit diesen Moderatoren zusammenarbeiten, haben Sie da vorher eine Friedenspfeife geraucht?

Anders: Ich sehe es heute eher sportlich. Modern Talking hat ja auch eine wunderbare Vorlage für miese Sprüche abgegeben, wir haben extrem polarisiert. Und wenn Stefanie Tücking nun mal auf Rock stand, dann konnte sie uns natürlich nicht gut finden.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie damals eigentlich begriffen, dass manche Leute Sie regelrecht gehasst haben?

Max, Raab: "Hinterher in den Wok"
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REUTERS

Max, Raab: "Hinterher in den Wok"

Anders: Ich kann grundsätzlich nicht verstehen, wenn man jemanden hasst wegen der Musik, die er macht, oder weil er damit so erfolgreich ist und Millionen Platten verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Die Punkband Die Goldenen Zitronen hat damals vom "Tag, als Thomas Anders starb" gesungen. Fanden Sie das noch witzig oder schon bedrohlich?

Anders: Ach, das war mir völlig egal, die gingen mir sonstwo vorbei. Thomas Anders stand halt im Blickpunkt als Teil eines supererfolgreichen Duos, und die haben versucht, aufgrund meines Namens Popularität abzukriegen. Aber man muss sich ja nur die Frage stellen: Wo sind die Goldenen Zitronen heute, und wo ist Thomas Anders?

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Sie denn zumindest selbst einen Schreck, wenn sie heute Ihr Outfit von den "Formel Eins"-Auftritten sehen? Sie sahen, nett gesagt, lustig aus ...

Anders: Ja, natürlich! Aber alle sahen in den Achtzigern komisch aus. Schauen Sie sich mal das Bild in Ihrem Führerschein an.

SPIEGEL ONLINE: Besser nicht.

Anders: Eben. Aber das war wenigstens noch ein buntes und ein komisches Jahrzehnt. Ich meine, für was stehen denn die Neunziger? Wenn ich die Neunziger malen müsste, würde ich ein hellgraues Bild malen, auf dem viele Menschen in dunkelgrauen Anzügen sind.

SPIEGEL ONLINE: Dann bleiben wir lieber in den Achtzigern. Ihre schlimmste modische Verfehlung war ja wahrscheinlich die überdimensionale "Nora"-Kette. Haben Sie sich die eigentlich selbst ausgedacht?

Anders: Das ist aus Übermut entstanden, irgendwo am Pool, als wir im Urlaub waren. Udo Lindenberg hatte einen Gürtel, auf dem groß "Panik" stand, und da hatten wir die Idee, ja mache ich doch mal die "Nora"-Kette. Zumal wir wussten, dass Nora von vielen in der Branche kritisch beäugt wird. Hätte ich gewusst, was das auslöst, hätte ich das Ding nie getragen.

SPIEGEL ONLINE: Bei unserer Grand-Prix-Hoffnung Max, die Sie in "TV Total" mit entdeckt haben, legen Sie jetzt ja auch andere modische Maßstäbe an.

Anders: Soll ich Ihnen was sagen? Die Leute haben dieses Casting-Zeug satt. Die können diese geklonten Gesichter und geklonten Klamotten nicht mehr ertragen. Und dann kommt da einer, der aussieht, als wenn er mal eben zur Mensa rübergeht. Ich habe ihm aber schon gesagt, dass es in Istanbul mit dem Rollkragenpullover vielleicht ein bisschen heiß wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Stefan Raab so gut kennen - haben Sie ihn schon gefragt, ob er Sie nicht auch mal zum Eurovision Song Contest bringen kann?

Modern Talking: "Ich wollte es!"
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DPA

Modern Talking: "Ich wollte es!"

Anders: Die Frage ist, ob ich das überhaupt will.

SPIEGEL ONLINE: Etwa nicht?

Anders: Bei mir ist die Fallhöhe ja eine ganz andere als bei einem Newcomer. Ich sehe das bei Sabrina Setlur, die mal als Vorzeigegesicht für deutschen Rap stand, und nach der Endausscheidung für den Song Contest steht sie überall als große Verliererin da. Damit hat sie sich keinen Gefallen getan. Wenn ich antrete und nur Zweiter werde, passiert mir doch das Gleiche. Und wenn ich gewinne, heißt es: Ach, wer da wohl alles dran gedreht hat.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben Sie eine neue CD rausgebracht, die etwas origineller klingt als Modern Talking - hat es Sie eigentlich irgendwann gelangweilt, immer nur als die bessere Hälfte von Dieter Bohlen betrachtet zu werden und seine Songs singen zu müssen?

Anders: Nein. Ich finde das übrigens fürchterlich, wenn erfolgreiche Künstler, die in irgendeiner Band waren, sich danach hinstellen und sagen: Hach, ich fühle mich endlich befreit und kann machen, was ich schon immer tun wollte. Wer hat die denn gezwungen? Ich kann doch bei jeder Vertragsverlängerung sagen: Nein, ich will nicht mehr. Ich hätte Modern Talking nicht ein zweites Mal machen müssen - aber ich wollte es! Modern Talking gefällt mir, ich mag die Musik immer noch, außerdem haben wir damit Musikgeschichte geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Steht uns da etwa noch mal ein Comeback bevor?

Anders: Ach Comeback, wenn ich das schon höre. Das ist ja in unserer Medienlandschaft ein wenig krass geworden - wenn man im Sommer mal Urlaub macht, dann muss man danach schon sein Comeback vorbereiten. Mal ehrlich: Wenn ich nicht gerade darauf angesprochen werde, verschwende ich keinen einzigen Gedanken an Dieter Bohlen. Durch die Geschichte vom letzten Herbst, als er meinte, sich in seinem Buch über mich auslassen zu müssen, ist das Kapitel endgültig abgeschlossen. Darum kümmern sich jetzt die Anwälte.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sich nicht mal revanchieren? Über Dieter Bohlen gibt es doch bestimmt genug Schlechtes zu erzählen, oder?

Anders: Dann wäre ich ja nicht besser als er. Ich glaube, vom Niveau her liegen schon ein paar Stufen zwischen uns beiden. Ich hatte einige Angebote, ein Buch zu schreiben, aber immer unter der Vorgabe, ihm eins überzubraten. Aber das besorgt er schon ganz alleine, das muss ich nicht machen. Das ist auch nicht meine Art. Ich bin nicht auf solche Effekthascherei aus, und da will ich mich auch nicht verstellen. Das Schöne ist ja: Dieter Bohlen verstellt sich auch nicht. Der ist so.

Interview: Jörg Schallenberg

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