Von Katrin Meinke
Die Plattenindustrie hat die Witterung aufgenommen. "Vorsicht, ein Trend geht um", brüllen Florian Zwietnig und Gerald Mandl synchron auf der engen Bühne des Berliner Indie-Clubs "Bastard", in dem die Mediengruppe Telekommander die Veröffentlichung ihres Debüt-Albums "Die ganze Kraft einer Kultur" feiert. "Du brauchst Veränderung", schallt es refraingemäß aus den vorderen Reihen zurück, die bereitwillig hopsend der wiederholten Aufforderung zum Mitmachen nachkommen. Die hinteren Ränge geben sich zurückhaltender: Man reckt die Köpfe, um morgen mitreden zu können beim Flurgespräch im Büro.
"Das ist immer so, wenn die Hälfte des Publikums aus geladenen Gästen wie Plattenfuzzis und deren Freundinnen besteht", seufzt Zwietnig. "In Berlin hat es bislang immer gekocht. Bei einer so hohen Erwartungshaltung ist man schnell auch enttäuscht." Eine solide Fanbasis erspielte sich die Mediengruppe bereits mit zwei auf dem kleinen Hamburger Indie-Label Enduro erschienenen EPs und einer Unzahl von Konzerten. Dass ihre mit dem Irrsinn von New Economy und Fashion Victims abrechnende Botschaft so gut ankommen würde, damit hatten die Macher allerdings nicht gerechnet. In radikalen HipHop-Indie-Dance-Crossover verpackt werden selbst Textzeilen wie "Präzises Befolgen/ der Lifestylinstruktion/ sind Voraussetzung für/ solide Funktion" ("Kommanda") zur Tanzkanone.
Telekommander-Debüt "Die ganze Kraft einer Kultur": Zeitgeist getroffen
Mittlerweile sind die Telekommandeure sich sicher: Sie haben den Zeitgeist getroffen. Angeödet von Castingshows und inhaltsleerem Popgedudel dürstet es die Leute wieder nach handgemachter Musik mit Attitüde. Das Interesse des mit dem Plattenmulti EMI verbändelten Labels Mute bestätigte den Verdacht. Mandl: "Wenn wir Erfolg haben sollten, dann traut sich auch Sony, so eine Band aus dem Boden zu stampfen!" Tatsächlich: Labelmacher wissen schon jetzt von Soundklonen zu berichten, die sich um Aufnahme in ihren Künstlerkatalog bewerben. Das Agitpop-Trio Die Türen verzichtet gleich ganz auf Rückendeckung seitens der Industrie. Die Begründung: Man habe nicht auf irgendein Loch im Veröffentlichungsplan warten, sondern die Musik auf den Markt bringen wollen, solange sie noch frisch sei. Anfang des Jahres gründete man das eigene Label Staatsakt, dessen erste Veröffentlichung dann auch gleich das Banddebüt war: "Das Herz war Nihilismus".
Die Rechnung ging auf: Nach rekordverdächtigen 14 Tagen war die Erstauflage von 1000 Stück vergriffen, ein größerer Vertrieb musste einspringen. Der Erklärungsversuch von Bassist Gunnar Osburg: "Die Leute haben diese vielen, sehr ambitionierten Popgeschichten in Deutschland über. Oder sie wollen dieses typisch Indie-Nörgelige nicht mehr hören. Blumfeld sind zu alt, Leute wie Mia. zu gewollt frech, und deshalb auch schon wieder peinlich. Und 'Wir sind Helden' sind einfach zu nett!"
Das Türen-Rezept: Elektrobeats treffen auf Synthiemelodien, Schlager auf Indie-Rock, schwer erträgliche Kitschballaden auf Tanznummern. Dazu verdrehte Wortspiele, Gedankenfetzen, Insider-Witze, agitatorische Nonsense-Parolen: "Erhebt euch, wenn ihr wollt/ dass alles so bleibt/ Klatscht in die Hände/ und seid bereit/ wenn ihr wollt dass alles so bleibt" ("Auto Kaputt").
Auf eine eindeutige Position wollen sich Die Türen nicht festklopfen lassen: Die Texte seien verkatert am WG-Frühstückstisch entstanden, betonen die Wahlberliner aus dem Münsterland, die für den Spaßfaktor auch schon im schwarz-rot-goldenen Bühnenoutfit vor dem Reichstag posierten - "einmal auf bundesdeutsche Hauptstadt machen", so Sänger Maurice Summen. Gesungenes Material wurde geschnitten, durcheinander gewürfelt und neu eingesungen. Das Ergebnis kann sich jeder selbst auslegen: "Wochenendrevolution/ Einen Standpunkt beziehen mit Blick auf die Stadt/ Die Pose als Position/ Das Surfbrett für die neue Welle der Kraft" ("Das Ende der Woche"). Zurück bei der Release-Party der Telekommandeure im "Bastard": Auf der Bühne ergeht man sich mittlerweile in endlosen Dankesreden, von der Grafikerin bis zum Bandentdecker bleibt keiner verschont. Die eigene Plattenfirma muss sich mit der letzten Erwähnung und einem Seitenhieb der Telekommandeure zufrieden geben: "Hierzulande tut sich die Plattenindustrie schwer mit innovativer Musik. Da braucht man schon mal etwas länger, um auf den Zug aufzuspringen."
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