Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Neues von PJ Harvey, Mission Of Burma, Devendra Banhart, Royal City und den Boxhamsters.
PJ Harvey - "Uh Huh Her"
(Island/Universal Music)
"Uh Huh Her". Oh, oh, oh. Wie ja schon überall zu lesen war, hat Polly Jean Harvey diesmal also wieder ein Album aufgenommen, das den Hörer unter Umständen überbeanspruchen könnte. Was ja schon deshalb nichts Neues ist, weil "Stories From The City, Stories From The Sea" ganz offensichtlich eine (übrigens sehr schöne) Platte war, die sich sacht dem Mainstream annäherte und im Nachhinein nicht wirklich zum restlichen Katalog der Harvey passen wollte. Folglich ist "Uh Huh Her" genau die Platte, die eigentlich auf "Is This Desire?" hätte folgen sollen und an vergangene Großtaten wie "Dry" und auch "Rid Of Me" anschließt. "Who the fuck do you think you are?/ Get your comb out of here/ Coming out my hair/ I'm not like other girls/ You can't straighten my curls" ("Who The Fuck?"). Sicher wird "Uh Huh Her" von zahlreichen Stadtzeitschriften als "gewöhnungsbedürftig" bezeichnet werden. Was, wie Max Goldt einmal ganz richtig schrieb, beredt Auskunft über den engen kulturellen Horizont derjenigen gibt, die dieses Wort verwenden. (8) Jan Wigger
PJ Harvey - offizielle Website
Mission Of Burma - "ONoffON"
(Matador/Beggars/Indigo)
Glücklicherweise kein neuerliches Lebenszeichen der Zillo-Band The Mission, sondern, mit über 20 Jahren Verspätung, das zweite Mission-Of-Burma-Album "ONoffON". Ohne Mission Of Burma würde nicht nur Dave Grohl heute ganz andere Musik machen, auch authentischste Indie-Veteranen wie Jawbox, Fugazi oder zuletzt ....And You Will Know Us By The Trail Of Dead hätten möglicherweise gar nicht erst zusammengefunden. Zu dumm, dass dieses fiebrige Trio immer bloß dann erwähnt wird, wenn Eierkopf und Star-Veganer Moby mal wieder "That's When I Reach For My Revolver" nachspielt. "Of course you must know that it did all end/ How then to recall what we really were?" - nicht nur das exzellente "What We Really Were" beschwört den alten Zauber, auch die anderen 15 Stücke sind diesem veritablen "Comeback-Album" würdig, das zuweilen etwas schleppend, nicht aber träge klingt. Vorsicht vor Leuten, die jetzt behaupten, 22 Jahre lang auf "ONoffON" gewartet zu haben. Das ist fast immer gelogen.
(7) Jan Wigger
Mission Of Burma - offizielle Website
Boxhamsters - "Demut & Elite"
(L'Age D'Or/Rough Trade)
Damals, als unsere besten Freunde noch "Ratte" oder "Notbier" hießen, saßen wir vor dem ortsansässigen Jugendkulturzentrum und tranken aus Dosen. Spätestens zu Zeiten von "Tötensen" und "Prinz Albert" (das sind Boxhamsters-Platten), also ganz zu Beginn der neunziger Jahre, versuchten wir den beiden zu erklären, warum die Boxhamsters immer toll bleiben werden, man sich von Gesindel wie A.O.K oder The Exploited aber fernzuhalten habe. "Ratte" und "Notbier" wohnen heute auf den Treppen des Kölner Hauptbahnhofs, die Boxhamsters sind - nicht zu glauben - ausgerechnet bei L'Age D'or gelandet, was für echte Punks fast schon dem Ausverkauf gleichkommt. Jedoch passt diese Allianz ganz gut - einer von den Boxhamsters sieht ja mittlerweile genau so aus wie der Kritikerpapst Diedrich Diedrichsen. Die unbedachte und ungewohnte Zeile "Ich hab zu lange zugeschaut/ wie HipHop diese Welt versaut" ("Winnetou IV") verdirbt so manches, doch das Geschrammel und Geschrummel dieser Punk-Intellektuellen ist so mitreißend wie eh und je. Zur Feier des Tages hören wir noch einmal die alten Hits: "Unfallflucht", "Löwenzahn" und "Hotzenplotz".
(7) Jan Wigger
Boxhamsters - offizielle Website
Devendra Banhart - "Rejoicing In The Hands"
(XL Recordings/Beggars/Indigo)
New York, New York. Niemand will mehr den alten Sermon vom Anti-Folk, den durchgesessenen Matratzen und den Diktiergeräten hören. Devendra Banhart jedoch gehört zu jenen Songschreibern, die ihre ersten Song-Entwürfe auf die Anrufbeantworter von Freunden und Bekannten gesungen haben und sich hinterher beschwerten, dass die mit Herzblut gesungenen Stücke achtlos gelöscht wurden. "Rejoicing In The Hands", dies sei vorab bemerkt, ist ein großartiges und ein wunderliches zweites Album und Devendra Banhart, eigentlich allein schon des Namens wegen, sicher einer der kommenden Songwriter-Helden. Über sehr weite Strecken geht es spartanisch zu, Banharts Stimme erinnert dabei tatsächlich an Marc Bolan, nicht aber an Tim Buckley oder Nick Drake, wie gemutmaßt wurde. Ein unheimlich dickes Booklet hat der 23-Jährige vollgekritzelt und die Erstauflage von "Rejoicing In The Hands" ist so liebevoll, so empfindsam gestaltet wie Banharts zage, seelenvolle Lieder. Im Internet finden sie außerdem gleich mehrere Fotos, die den Folk-Singer nur in Unterhose zeigen.
(8) Jan Wigger
Devendra Banhart - Homepage bei Young God Records
Royal City - "Little Heart's Ease"
(Rough Trade/Sanctuary)
Mit tollen Folk-Pop-Songs wie "My Brother Is The Meatman" konnten Royal City aus Kanada bereits mit ihrem letzten Album "Alone At The Microphone" begeistern, das gut war, aber erwartungsgemäß unterging in der Flut von essenziellen Rough-Trade-Veröffentlichungen der letzten Zeit. "Little Heart's Ease" ist dichter und gedrängter als "Alone At The Microphone", das Songwriting wurde noch einmal verbessert und mit "My Body Is Numbered", "O Beauty" und "Ain't That The Way" kommen drei fabelhafte Lieder gleich hintereinander. Für jene, die regelmäßig die letzten beiden Silver-Jews-Platten "American Water" und "Bright Flight" auflegen, ist "Little Heart's Ease" übrigens eine fast todsichere Empfehlung. "But you know, the darkest hour is always just before the dawn/ And it appears to be a long time before dawn." Na gut, ertappt: Das waren jetzt Crosby, Stills, Nash & Young.
(7) Jan Wigger
Royal City - Homepage bei Three Gut Records
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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