Von Ulf Lippitz
Wen kümmert Rumänien? Das war der erste Kommentar, den Stefan Harder zu hören bekam. Der Talentscout bei Universal Music liebäugelte mit einem Trio, das in dem Balkanstaat drei Nummer-Eins-Hits und das erfolgreichste Dance-Album aller Zeiten produziert hatte. Harder blieb am Ball. Eine fast identische Coverversion des rumänischen Liedes "Dragostea Din Tei" stand schließlich bereits seit Wochen an der Spitze der italienischen Charts.
Aber den Epigonen fehlte die Echtheit - das "Ostflair", wie er es nennt , und so erhielt das Original O-Zone den Vertrag. Eine kluge Entscheidung: Inzwischen stehen die Jungs in den deutschen, französischen und spanischen Single-Charts ganz oben. "Dabei sind wir nicht einmal aus Rumänien", beschwert sich Sänger Dan Balan. "Wir kommen aus Moldawien."
Vergesst das East Village, Soho oder Kreuzberg: Kischinjow, Lwow, Tallinn - das sind die Orte, aus denen die Popstars von morgen kommen. Osteuropa avanciert langsam aber stetig zum neuen Pop-Mekka für die westliche Plattenindustrie. Hier finden sich unverbrauchte Talente, Gesichter und eine eigene Folklore. Bestes Beispiel: die Grand-Prix-Gewinnerin Ruslana. Sie gilt mit ihrem Karpaten-Pop als "Shakira der Ukraine" und hat dort mehr als 170.000 Exemplare ihres letzten Albums abgesetzt.
Erwartet uns nach Tatu, O-Zone und Ruslana ein Boom osteuropäischer Popmusik? "Das steht für mich fest", sagt Peter Müller, A&R-Manager des Plattenkonzerns EMI, der Ruslana vertritt. Die Erweiterung der EU im Mai habe der Tuchfühlung gen Osten Auftrieb gegeben. Müller glaubt: "Wir sind politisch und wirtschaftlich dichter dran. Da wird die Kultur, nicht nur musikalisch, ein Thema werden." In der Literatur ist der neue Trend bereits salonfähig. Autoren aus Osteuropa stehen hoch im Kurs: die junge Dorota Maslowska aus Polen, der alte Viktor Jerofejew aus Russland - sie feiern nicht nur bei Kritikern Erfolge.
Stefan Harder hält das Potenzial im Osten gar für "riesig", fast spürt man eine Goldgräberstimmung mitschwingen. Er spricht von einer "verbesserten Kommunikation", die sich beidseitig auswirke: Zum einen haben die früher stark abgeschotteten Länder heute die Möglichkeit, Trends direkt per MTV oder Radio zu absorbieren - was in der musikalischen Aneignung zu einem internationalen Sound führt. Zum anderen kommen die Produkte aus dem Osten über die Einwanderer aus beispielsweise Polen oder Russland schneller in die Bundesrepublik - was eine gewisse Nachfrage zur Folge hat.
Peter Müller vergleicht die Entwicklung mit dem kulturellen Austausch, der seit den Wirtschaftswunderjahren mit unseren südlichen Nachbarn stattfindet. "So, wie wir nach Italien fahren und uns dort die Sommer-Hits mit nach Hause nehmen, wird der Austausch mit den östlichen Ländern bald sein", sagt er. Ein russischer Eros Ramazzotti könnte bald im Plattenregal von Karstadt stehen. Eine Kostenfrage sei das nicht, behauptet Müller. Künstler aus dem ehemaligen Ostblock seien zwar nicht billiger zu lizenzieren oder kostengünstiger zu vermarkten. Ein großer Pluspunkt sei aber: "Die Länder sind noch nicht so verdealt wie Großbritannien oder Frankreich", erklärt Harder, "was dort läuft, kriegen sowieso alle mit." Wer hingegen zuerst die ungarische Madonna entdeckt, stößt möglicherweise auf eine Goldader.
Musikalisch scheint sich die Ernte momentan auf Trash-Pop zu konzentrieren. Tatu haben dabei das Tor weit aufgestoßen. Das russische Mädchen-Duo wurde als Lesbenpaar vermarktet, jeden Auftritt krönte ein inniger Zungenkuss, und die von Trevor Horn überarbeiteten Songs deuteten dezent gleichgeschlechtlichen Sex an. Horn hat mit effektivem Marketing Erfahrung: In den frühen achtziger Jahren lancierte er die Skandal-Band Frankie Goes To Hollywood, die harte Beats und schwule Posen zu einem provozierenden Image verquirlten.
Die Ukrainerin Ruslana verdankt einen Großteil des Medieninteresses ihrem ekstatischen und freizügigen Tanz beim diesjährigen Eurovision Song Contest. O-Zone treten zwar bisher adrett bekleidet auf, geben aber im Interview zu, dass Gothic-Bands aus der eigenen Heimat sie genauso beeinflusst haben wie C.C. Catch, Blue System und Modern Talking. Spätestens hier schrillt im Westen der Trash-Alarm.
Single-Cover der italienischen Band Haiducii: Das "Ostflair" fehlt
Exotisch muss es sein, sonst funktioniert es in Deutschland nicht. Der Konsument will keine Kopie von Britney - eine Verbindung von folkloristischen und internationalen Sounds soll es sein. Das sehe man sehr gut bei Ruslana, sind sich Müller und Siebert einig. Sie vereine Blas- und Percussion-Instrumente der "wilden Bergvölker" mit modernen Rhythmen. Auch Dan von O-Zone nimmt für sich einen Gesang in Anspruch, der seinen Charme aus alten rumänischen Volksliedern bezieht.
Eventuell wird das zarte Pflänzchen Ost-Pop jedoch bald wieder eingehen - dies hängt vor allem von der wirtschaftlichen Entwicklung der jeweiligen Regionen ab. Die Plattenbranchen der östlichen Länder expandieren unterschiedlich schnell: Polen steht zwar erst auf Rang 32 der weltweit umsatzstärksten Märkte, läuft einem Land wie Belgien aber bereits den Rang ab. Russland erschließt sich kontinuierlich kreative und wirtschaftliche Ressourcen, kämpft aber stark mit Piraterie. Armin Siebert ist dennoch überzeugt: "Der Osten wird nach vorne stürmen."
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