Von Daniel Haas
"Die Beats dürfen nicht gebitet sein", antwortet sie auf die Frage, was einen guten Track ausmacht. Biten (sprich: beiten) heißt so viel wie stehlen, und Diebstahl ist natürlich unter der Würde von Deutschlands erster HipHop-Produzentin. "Wenn sich alles gleich anhört, ist das uncool": Melanie Wilhelm alias Melbeatz weiß, dass im Rap Innovation alles ist und Zweitklassigkeit das Aus bedeutet. Kein anderes Genre ist so auf Konkurrenz ausgelegt, kein Musikstil bezieht seine Kreativität derart massiv aus Wettbewerb und Kontroverse.
Aber die 26-jährige DJane muss sich keine Sorgen machen: Ihre Beats sind bei internationalen HipHop-Größen heiß begehrt, die Stars der Branche machen ihr den Hof und spätestens seitdem sie für "Die besten Tage sind gezählt", das Debütalbum ihres Lebensgefährten Kool Savas, den kompletten Sound geschaffen hat, steht fest: Das Land hat seine eigene Missy Elliott. Melbeatz wäre der Vergleich vermutlich unangenehm, sie ist ein unprätentiöser, nüchterner Typ, ein Working Girl eben, das Beats und Karriere macht.
"Mainstream und Underground, das funktioniert doch so gar nicht", sagt sie und amüsiert sich über die alte Gewaltenteilung im HipHop: Hier die politisch versierten Intellektuellen, dort die luxusgeilen Gangster. Die Produzentin gehört einer neuen Generation von Künstlern an, die sich zwischen Rucksack und Rolls Royce nicht mehr entscheiden müssen.
Konsequent also, dass Melbeatz für ihr Debütalbum den HipHop-Überproduzenten Kanye West als Gast verpflichtet hat. Der amerikanische Rapstar sagt von sich selbst, er sei der erste "Nigga" mit einem Benz und einem Backpack, sein Album "The College Dropout" versteht sich als Schulterschluss von Pop und Politik. Wie West hatte Melbeatz nur wenig Lust aufs Pauken, neun Mal hat sie die Schule gewechselt, bezog Sozialhilfe und verfolgte dabei nur ein Ziel: Im Leistungskurs HipHop als Erste abzuschließen. Es ist ihr gelungen: Mit "Rapper's Delight" ist sie die Klassenbeste im aktuellen Rap-Geschäft. 14 exzellente Tracks und ein halbes Dutzend hochkarätiger Gäste lassen keinen Zweifel darüber aufkommen, wer an den Reglern von nun an die Regeln macht.
"Keine Ahnung, warum es so wenig Produzentinnen gibt im HipHop", meint sie lakonisch - die Geschlechterdebatte sollen andere bestreiten, der viel geschmähte Machismo im Rap-Business ist nicht ihr Problem. Dabei kommt Melbeatz aus Berlin, dem härtesten HipHop-Millieu des Landes. Anders als die spaßigen Stuttgarter oder intellektuellen Hamburger machen sich die Hauptstadtreimer gerade einen Ruf als die neuen Rabauken im Geschäft. Neben Optik Records, der Plattenfirma von Melbeatz und Kool Savas, sorgte unlängst das Kleinstlabel Aggro Berlin für Furore. Dort erschien Sidos Soloalbum "Maske", eine perfekte Mischung aus harten Beats, schmutzigen Phantasien und jeder Menge Wortwitz.
Mit der "Keepin' It Real"-Attitude, dem Primat, echt und wahrhaftig zu sein, kennt sie sich also bestens aus, auch wenn ihr Album den Namen jenes frühen HipHop-Songs trägt, der in der Szene bei Elitisten lange als Party-Ulk verschrien war. "Rapper's Delight" von der Sugar Hill Gang, 1980 veröffentlicht, gilt als die erste Platte des Genres überhaupt, bis dahin lebte HipHop buchstäblich auf der Straße. DJs wie Kool Herc und Africa Bambaata mixten und scratchten damals im New Yorker Stadtteil Bronx jenen Sound zusammen, der heute Milliarden in die Kassen der Studiobosse scheffelt.
"Rapper's Delight", für viele ein musikalischer Witz auf der Grundlage des Disco-Hits "Good Times" von Chic, katapultierte Rap von der Straße in die Charts. "Das ist einfach eine Hommage an HipHop", sagt sie gelassen, die kuturellen Grabenkämpfe zwischen U und E, die HipHop immer wieder in zwei Lager spaltet, hat Melbeatz nicht nötig.
Das beweist auch die Gästeliste, die selbstbewusst Rap-Haudegen wie Prodigy von Mobb Deep und HipHop-Enfant terrible Ol' Dirty Bastard mit Mia-Sängerin Mieze und Xavier Naidoo vereint. "Rapper's Delight" - das Glück am HipHop - bietet allen eine kreative Plattform: dem Mannheimer Soulbarden ebenso wie dem New Yorker Gangster.
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