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22.07.2004
 

Neue Musik-Kolumne

Abgenickt - das Beste aus HipHop, Soul und R&B

Von Daniel Haas

"Abgenickt" ist da! Die neue CD-Kolumne, immer Mitte des Monats, immer mit fünf aktuellen Alben zum Reinhören. Und am Tag darauf: "Abgenickt deluxe". Ein Star der Szene schreibt über sein Lieblingsalbum - exklusiv für SPIEGEL ONLINE.


The Roots: "The Tipping Point"
(Geffen/Universal)

Rap-Truppe Roots: Innovation ohne Revolution
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Rap-Truppe Roots: Innovation ohne Revolution

Sie geben mehr als zweihundert Konzerte im Jahr, und das seit 1987. Ein immenses Pensum, das sie absolvieren müssen, weil sonst das Geld nicht reicht. The Roots sind die "hardest working" Band im Rap-Business und vermutlich auch die einzige. HipHop kommt mit zwei Plattenspielern und einem Rapper aus, eine richtige Formation ist unüblich - und unrentabel. Dem Musikmulti Interscope war's egal, er wollte die Truppe trotz Absatzflaute halten, schrieb einen stattlichen Scheck aus und lockte die Konzert-Vagabunden damit ins Studio. Nur sechs Monate hatten die Rapper Zeit, die für bisherige Scheiben gerne mal drei Jahre am Tüfteln waren. "The Tipping" Point ist deshalb nicht ein ausgeklügeltes Konzeptalbum mit vertrackter Sound-Architektur geworden, sondern ein solides Joint Venture aus HipHop, Soul und Funk. Der Titel - Name des gleichnamigen Wissenschaftsschmökers von Malcolm Gladwell - führt in die Irre: Anders als in Gladwells Theorie vom Weltgeschicke umlenkenden Flügelschlag eines Schmetterlings haben die Roots nicht eine Revolution im HipHop losgetreten. Songs wie das Club-taugliche "I Don't Care" oder das suggestiv groovende "Don't Say Nuthin" sind höchst kultivierte Rap-Routine und beweisen, dass sich Underground durchaus auf Mainstream reimen kann.

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Angie Stone: "Stone Love"
(J Records/BMG)

Soul-Diva Stone: Grooven jenseits klanglicher Klischees
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Soul-Diva Stone: Grooven jenseits klanglicher Klischees

Das Etikett heißt Neo Soul, jene mit Tradition gesättigte Form der schwarzen Popmusik, die Anfang der neunziger Jahre antrat, dem digital aufgemotzten R&B mit Gospel-Feeling und Siebziger-Jahre-Zitaten ein wenig Seele einzuhauchen. Der Sound hat eine eigene Aristokratie hervorgebracht, Angie Stone gilt - neben der Soulesoterikerin Erykah Badu - als ihre Königin. Geadelt wurde ihre Karriere durch Millionen verkaufter Platten, Kritikerlob und die Gunst hochkarätiger Kollegen wie Lenny Kravitz und Mary J. Blige, die sie als Songwriterin verpflichteten. Neo Soul schien unlängst in Formelhaftigkeit zu erstarren, die Protagonisten der Szene glänzten mit musikalischer Designerware, die im besten Fall routiniert (Jill Scott, India Arie), im schlechtesten sterbenslangweilig daherkam (D'Angelo). Stone tappte nicht in die Falle klanglicher Klischees und verpflichtete für ihr drittes Album so unterschiedliche Künstler wie den Gangster-Rapper Snoop Dogg, Soul-Veteranin Betty Wright und R&B-Überproduzentin Missy Elliott. Herausgekommen ist eine Platte, die souverän und eingängig die Stillagen von Party-Groove ("Thank Ya") bis Schmachtfetzen ("Come Home") durchspielt.

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KRS-One: Keep Right
(Nocturne/Groove Attack)

 Rap-Lehrer KRS-One: HipHop macht Schule
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AP

Rap-Lehrer KRS-One: HipHop macht Schule

"Kämpfen, kämpfen und Spaß", hat er mal gesagt, um seine Kindheit zu beschreiben - eine Formel, die die Karriere von KRS-One auf den Punkt bringt. Mitte der achtziger Jahre verwandelte der als Laurence Krishna Parker geborene Rapper HipHop von einer Kunst des verbalen Protzens in eine Form politischer Meinungsbildung. Mit seiner Gruppe Boogie Down Productions spielte er das legendäre Debütalbum "Criminal Minded" ein, das Cover zeigt ihn in Malcolm-X-Pose mit Uzi in der Hand. Dazu rappte er "Stop the Violence!", was ihm den Titel "The Teacher" eintrug. "You Must Learn!" lautet einer seiner bekanntesten Slogans. Auch heute noch, fast zwanzig Jahre später, kultiviert KRS-One die Rolle des Predigers und Lehrers, der mit seinem Mix aus Humanismus, Agit-Rhetorik und fetten Beats Schule macht. "Keep Right", vom kleinen US-Independent-Label Grit Records herausgebracht, gelang sträflich unbemerkt über französische Vetriebswege nach Deutschland. Wäre das Album nicht ein erstklassiges Kompendium aus rauen Reimen und soulig-eleganten Loops, man müsste glatt vom sang- und klanglosen Erscheinen dieser wunderbaren Platte sprechen.

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Candi Staton: "The Sweetheart Of Soul"
(Capitol/EMI)

Sängerin Staton: Fan-Brief von Elvis
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Sängerin Staton: Fan-Brief von Elvis

Vier Kinder, drei gescheiterte Ehen, Armut, Einsamkeit: Candi Statons Soul wird aus Elend, Zorn und Hingabe gemixt. Die Sammlung ihrer frühen Aufnahmen aus den sechziger und siebziger Jahren stammt aus den Archiven von Fame Records, dem zweiten großen Südstaaten-Soullabel neben Stax. James Brown und Al Green sind hier schon als Einfluss spürbar: Die Hörner sind markanter, die Beats härter als im Rythm and Blues der frühen Sechziger. Die energisch-fragile Stimme jener Sängerin, deren "In the Ghetto"-Version Elvis Presley zu einem Fan-Brief inspirierte, passt perfekt zu diesem mal himmlisch süßen, mal teuflisch rasanten Sound. Mit der Coolness von Neo-Soul, der Raffinesse von R&B hat dieser Sound so wenig zu tun wie Marvin Gaye mit Stefan Raab. Schmachtender Gospel-Furor und die sehr weltliche Leidenschaft des Blues machen Songs wie "I'm Just A Prisoner,", "Too Hurt To Cry" oder "Sure As Sin" zu einem Soul-Gottesdienst, der selbst Black-Music-Agnostiker bekehren wird.

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Franky Kubrick: "Rücken zur Wand"
(Kopfnicker/Four Music)

Jung-Rapper Kubrick: Der Kassierer macht Kasse
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Jung-Rapper Kubrick: Der Kassierer macht Kasse

"Ich reiß' das fucking Dach komplett ab", prahlt Franky Kubrick auf "Was ist wenn": Er will natürlich auch ein Battle-MC sein, ein Kampfreimer wie seine Hamburger und Berliner Kollegen. Aber den derben Drive der Nordlichter oder die Proll-Power der Hauptstadt-MCs kann Kubrick aka Karibik Frank nicht für sich verbuchen - was gut so ist und außerdem Tradition hat. Stuttgart war auf der Landkarte des deutschen HipHop immer das intellektuelle Terrain, wo Stars wie Max Herre und die Fantastischen Vier mit einer Fusion aus Pop und Politik den Ton angaben. Deshalb ist Kubrick am besten, wenn er Alltagsprobleme ins Visier nimmt: Stress mit der Freundin zum Beispiel oder die Angst, als Vater zu versagen. Mit dem "Clockwork Orange"-Outfit, hammerbewehrt und finsteren Blicks, inszeniert sich Kubrick als Junger Wilder, der eigentlich ein junger Milder ist - eine Pose, zu der auch Humor gehört. Im Video zu "Hypnotisiert", einem Song über geldgeile Girls, gibt er deshalb nicht den Eurobündel schwingenden Gangster, sondern den gestressten Supermarktkassierer. Zur Kasse wird er seine Fans auch bitten - bei so viel Selbstironie und Reimtalent zu Recht.


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