Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



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26.07.2004
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Mark Lanegan, Junesex, Von Spar, The Album Leaf und den Euroboys.

Mark Lanegan Band - "Bubblegum"
(Beggars Banquet/Indigo)


Der Mann, der am tiefsten geht, dem die Trauer ein Freund und der Tod ein Verbündeter ist, der das Zerfurchte und Beschädigte besingt und alles tiefschwarz einfärbt, ausgerechnet dieser Mann nennt seine neue Platte "Bubblegum". Schon "Field Songs", das mit dem unglaublichen "One Way Street" begann, wies Lanegan längst unmissverständlich als Blues-Sänger aus, dessen einmal beschrittener Weg von nun an nicht mehr umkehrbar sein würde. Wie noch kein Lanegan-Album zuvor ist "Bubblegum" ein Album der Gegensätze: Im "Metamphetamine Blues" lärmt, hämmert und pocht es wie auf der Baustelle, und das Erschütterndste am nur einminütigen "Bombed" ist vielleicht die Einsicht, dass Johnny Cash es nun nicht mehr wird covern können. Man hört die Queens Of The Stone Age in "Sideways In Reverse" und immer noch, von ganz fern, die Screaming Trees. Es folgt pflichtschuldigst eine Aufzählung der Gäste auf "Bubblegum": Polly Jean Harvey, Nick Olivieri, Izzy Stradlin, Duff McKagan, Greg Dulli (Ex-Afghan Whigs), Dean Ween (Ween) und Co-Produzent Chris Goss (Masters Of Reality). Natürlich alles Freundschaftsdienste. (7) Jan Wigger


Mark Lanegan - offizielle Website


Von Spar - "Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative"
(L'Age d'Or/Rough Trade)


Ein paar Stücke dieser LP kennt man bereits von den zwei vorausgegangenen Maxis dieser kleinen All-Star-Band, bestehend aus Mitgliedern von Urlaub in Polen und der Oliver Twist Band. Den Verkauf wird der Album-Titel "Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative" wohl nicht gerade fördern, doch er kündigt recht präzise an, dass Von Spar eine jener Musikgruppen ist, die nicht einverstanden ist, nicht in Ruhe lässt und rasch all jenen auf die Nerven fallen kann, die sich lieber fernhalten von Hysterie, Zickigkeiten und Pop-Diskurs. Man muss schon ziemlich taub sein, um den vereinzelt gestreuten Gerüchten zu glauben, hier handele es sich um Musik, die der Neuen Deutschen Welle oder gar der Berliner Szene verpflichtet ist. Dagegen lassen sich etwa die Goldenen Zitronen, Gang Of Four und stellenweise auch The Rapture heraushören, während man textlich zweifellos von Kristof Schreuf gelernt hat, der mit der Kolossalen Jugend und Brüllen zu einer ganz und gar eigenen Sprache gefunden hat. "Und ich nerve und ich nerve und ich nerve" sind die letzten Worte dieser unbestritten wichtigen, aber insgesamt zu aufreibenden Platte. Mit dabei: Frank Spilker (Die Sterne) und Fehlfarben-Sänger Peter Hein. (5) Jan Wigger


Von Spar - offizielle Website


The Album Leaf - "In A Safe Place"
(City Slang/Labels/EMI)


In einer Woche wie dieser, die so arm an Veröffentlichungen ist, dass unerreichte Meister des Debilen wie Lotto King Karl und die Böhsen Onkelz keine Konkurrenz mehr fürchten müssen, ist man froh um jedes obskure Nebenwerk und jede schöne Petitesse, die in letzter Minuten den Weg in unsere bescheidene Auswahl findet. The Album Leaf, das ist im Grunde nur Jimmy La Valle, der aus dem drückenden San Diego stammt, der Stadt, in der Pall Jenkins mit Three Mile Pilot so virtuos und mehrfach den Weltuntergang inszenierte. La Valle kann sich noch gut daran erinnern und hat obendrein bei Jenkins' Totentanzgruppe Black Heart Procession Bass gespielt. "In A Safe Place", in Island im Studio von Sigur Rós aufgenommen, ist ganz anders: Warm, ätherisch, gedämpft, fast geräuschlos. Die zehn meist instrumentalen Stücke sollten Brian Eno gefallen, wenn er sie denn jemals zu hören kriegt. (6) Jan Wigger


The Album Leaf - offizielle Website


Junesex - "So Fucking Chic"
(Pop Up Records/Edel)


Frankreichs Musikszene ist manchmal interessanter als die hiesige, aber nicht immer sind die neuen Bands und Künstler, die aus der Pariser Innenstadt oder Banlieue zu uns gelangen, wirklich so hip, wie man es sich wünscht. Junesex zum Beispiel, bestehend aus zwei Pariser Pärchen, kommen sehr französisch provokant daher. Ihr Debüt-Album haben die Elektro-Popper "So Fucking Chic" genannt, vermutlich, weil sich Schimpfworte immer gut machen. Ansonsten geht es in Stücken wie "Bodily Fluids On The Carpet" oder "A Finger Or Two" um Sex in allen Lebenslagen. Dazu peitschen elektronische Rhythmen, puckern synthetische Bässe, dass es eine reine Hysterie ist. Zugegeben, das hypnotische "Gets Close To Mine", die Club-Hymne "Fast Food Messiahs" und die kuriose Run-DMC-Coverversion "U B Illin" sind tanzbar und machen Spaß - satt wird man davon jedoch nicht. Im Gegenteil: Auf Albumlänge wirkt dieses angestrengt verruchte Mix-Experiment leider alles andere als sexy. (5) Andreas Borcholte


Junesex - offizielle Website


Euroboys - "Soft Focus"
(Virgin/EMI)


Bisher war es ja eigentlich so, dass sich Anhänger der Proleten-Band Turbonegro zumindest anfreunden konnten mit dem Zweitprojekt des Lead-Gitarristen Euroboy, der eigentlich bloß Knut Schreiners heißt. Nun, mit "Soft Focus" werden die Euroboys den Rockisten zweifellos zu verdudelt und introspektiv geworden sein. Vermutlich wird man wieder die beliebte "Hippie"-Keule schwingen, ohne sich um genaueres Wissen über die essenziellsten Platten dieser Ära erst noch zu bemühen. Die Euroboys machen das schon ganz gut auf "Soft Focus", einer unspektakulären, weichen und zweifellos rückwärtsgewandten LP, die bei all jenen Menschen Gefallen finden wird, die folgende Platten schätzen: "Crosby, Stills & Nash" von Crosby, Stills & Nash, "Buffalo Springfield" von Buffalo Springfield und "The Notorious Byrd Brothers" von den Byrds. (6) Jan Wigger


Euroboys - offizielle Website



Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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