Von Daniel Haas
"Wann hast du dich in HipHop verliebt?", fragt Sidney (Sanaa Lathan), die Heldin aus Rick Famuyiwas Rap-Romanze "Brown Sugar" ihre Interviewpartner, die tatsächlich alle bekannte Stars der Szene sind. Der Film will etwas von Liebe und afroamerikanischer Musik erzählen und ist dabei selbst ein Dokument jener Affäre, die aktuell die Popkultur begeistert: HipHop meets Hollywood.
Ob Queen Latifah mit "Chicago" zur Musical-Queen aufsteigt oder Eminem in "8 Mile" zum Charaktermimen avanciert, ob Ice Cube mit "Barbershop 2", der diese Woche auch in Deutschland startet, das Box Office erobert oder LL Cool J in "S.W.A.T." zum Actionhelden wird: Die Traumfabrik hat in der Besetzung von Rappern eine traumhafte Gelegenheit erkannt, schwer einschätzbare Zielgruppen zu erobern.
Sozialkritik mit Beats und Reimen
Rap-Stars versprechen das, was Marketing-Experten Synergie-Effekte nennen: werbliche Effektivität gleich in mehreren Marktsegmenten. Nachdem HipHop von der einstmaligen Ghetto-Subkultur zum weltweit erfolgreichen Massenunternehmen gewachsen ist, sind die Mikrofonartisten der Schlüssel zur Erschließung junger Käuferschichten. Spätestens als im Oktober letzten Jahres die ersten zehn Plätze der US-Billboard-Charts ausschließlich von R&B und Rap belegt wurden, musste jedem Hollywood-Strategen klar sein: Das Geschäft mit Beats und Rhymes lässt sich auch für die Kinokasse nutzen.
Der Flirt von HipHop und Hollywood begann jedoch als Hassliebe: 1991 skandierte die Rap-Truppe Public Enemy noch wütend "Burn, Hollywood, Burn!". Die Agit-Hymne rief die HipHop-Gemeinde zum Protest gegen den Rassismus der weißen Filmstudios auf. Im Kino war bis dahin nur eine brave Spielart des Rap zu sehen: Filme wie "Wild Style" von 1982 oder das Teenager-Drama "Beat Street" (1984) galten als ein nettes Stück Musikfolklore. Anfang der Neunziger jedoch erkannten schwarze Regisseure HipHop als Folie für eine genuine Filmkultur.
So wie Gangsta Rap, der damals die Charts stürmte, den Funk der siebziger Jahre aufgriff, so nutzte Regisseur Mario van Peebles den Appeal von Filmen wie "Shaft" (1971) und "Foxy Brown" (1974) für eine eigene Kinoästhetik. Stilbewusst reanimierte der Filmemacher das Blaxploitation-Genre der siebziger Jahre für das Neunziger-Jahre-Publikum und drehte mit "New Jack City" 1991 die Blaupause des neuen Ghetto-Gangster-Films, zu dem Rapper die Musik beisteuerten.
John Singletons "Boyz N the Hood" kam ebenfalls 1991 ins Kino: ein Drama, das HipHop nicht nur als Soundkulisse nutzte, sondern auch zeigte, wo seine Wurzeln lagen - im Ghetto der amerikanischen Großstädte, wo Gangs ums tägliche Überleben kämpfen. Derselbe Ice Cube, der heute mit den "Barbershop"-Filmen zum "bankable star", zur sicheren Bank, geworden ist, hatte hier als verzweifelter Ghettojunge sein Leinwanddebüt.
Noch ein dritter Film legte Anfang der neunziger Jahre den Grundstein für den weltweiten Kinoerfolg von HipHop: Ernest R. Dickersons "Juice" mit dem 1996 ermordeten Tupac Shakur in der Hauptrolle. Der Film adaptierte die Rap-Ästhetik für die Leinwand: Der treibende, nervöse Groove von Public Enemy, die den Soundtrack lieferten, gab das Tempo für eine rasante Filmerzählung vor, in der Teenager in einen Mord verwickelt werden.
Die Liaison von HipHop und Hollywood wurde in den folgenden Jahren zunehmend pragmatisch: Rap stieg zur globalen Entertainment-Industrie auf, seine Helden sind längst nicht mehr nur gut bezahlte Unterhalter im Auftrag gigantischer Konzerne, sondern selber Großunternehmer. Stars wie Sean "P. Diddy" Combs, Jay-Z oder Eminem-Entdecker Dr. Dre produzieren TV-Shows, Musik, Mode und spielen Theater. Charles Simmons, Gründer der legendären Plattenfirma DefJam, verkaufte unlängst sein Modelabel "Phat Farm" für 140 Millionen Dollar an einen anderen Konzern.
Vom MC zum Medienmogul
Auch Stars wie DMX, Ice-T und LL Cool J haben mit einem marktgängigen, nach bewährten Genre-Formeln gefertigten Massenkino kein Problem: "Wir wären blöd, wenn wir nicht die Gelegenheit ergreifen würden", erklärte Rapperin und "Barbershop"-Darstellerin Eve im Interview mit der US-Journalistin Emily Feinster. Stacey Spikes, Gründerin von Urbanworld Films, einem auf afroamerikanisches Kino spezialisierten Verleih, sekundiert: "Man kommt an Rap nicht mehr vorbei. Entweder man nutzt ihn, oder man macht sehr uncoole Filme."
Und Coolness, auch im Sinne eiskalten Kalküls, verspricht der Einsatz von Rap-Stars und ihrer Musik - vor allem im Action-Kino. "XXX"-Regisseur Rob Cohen sieht HipHop deshalb sogar als mächtigsten Einfluss auf das heutige Hollywood. Die Zahlen geben ihm Recht: "XXX" (sprich: Triple x) mit Eve und "The Fast and the Furious" mit Rüpelreimer Ja Rule spielten allein in den USA jeweils rund 140 Millionen Dollar ein.
Ice Cubes "Barbershop"-Projekt kann dabei als Modell für eine Karriere gelten, die den Spagat zwischen Kunst und Kommerz, Sub- und Massenkultur souverän meistert. Der ehemalige Rapper der legendären HipHop-Band "Niggaz With Attitude" hat es vom Trashfilm-Star ("Anaconda") zum seriösen Darsteller ("Three Kings") und einflussreichen Produzenten geschafft. Während Mario van Peebles bei der diesjährigen Berlinale noch von der Angst Hollywoods vor schwarzen Filmemachern sprach, ist Ice Cube längst zum Medien-Entrepreneur geworden, der zwischen Underground und Mainstream vermittelt.
"Barbershop 2" ist ein perfekter Spiegel dieser sowohl massentauglichen als auch spezifisch afroamerikanischen Ästhetik: Wie beim Erstling spielt sich die Ensemblekomödie konsequent im Nachbarschaftskosmos eines Chicagoer Stadtviertels ab. Wie im ersten Teil mischt der Film Comedy mit Soziakritik und HipHop-Sound. Diesmal muss sich Barbershop-Betreiber Calvin (Cube) gegen einen Friseur-Filialisten wehren, der das Lokolkolorit des Viertels mit großkapitalistischem Einheitslook verschandeln will.
Wieder helfen Terri (Eve), Issac (Troy Garity) und Eddie (Cedric the Entertainer), das Unheil abzuwenden. Und wenn am Ende der Kiez frei bleibt von den herzlosen Geldmachern, dann hat Ice Cube mit einer guten Story, smarten Dialogen und fetten Beats die Beziehung von Hollywood und HipHop noch ein bisschen lukrativer und zukunftsträchtiger gemacht.
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