Von Werner Theurich
David Foster ist ein "Music Man" wie er im Buche steht. Als einer der erfolgreichsten Produzenten der USA hat er Celine Dion, Michael Jackson, Whitney Houston, Josh Groban und noch ein paar andere Größen in der Kundenkartei. Der brillante Pianist, der auch eigene Alben einspielt und von Kollegen verehrt wird wie sonst nur Jazz-Ikone Quincy Jones, ist kein Avantgardist, kein Bilderstürmer, aber er weiß, wie ein Hit zu klingen hat. Und wenn der 55-jährige Musiker einen Soundtrack betreut, kommt schon mal ein Megaseller wie "Bodyguard" heraus.
So einer muss nicht auf Talentsuche gehen, die zukünftigen Stars kommen oft von ganz alleine zu ihm. Die Story des irischen Geschwister-Quartetts The Corrs, das vor seinem Studio kampierte, um den Maestro auf sich aufmerksam zu machen, wurde zu einer wohlklingenden Pop-Legende. Heute füllen die Corrs die Konzerthallen der Welt - auch dank der Starthilfe von Foster. Längere Zeit hörte man nichts von ihm, doch jetzt meldet sich der Starmacher mit einem so attraktiven wie lukrativen Projekt zurück.
Pausbacke aus Texas, Evergreens von Welt
Renee Olstead heißt die junge Dame, erst 15 Jahre alt und damit noch jünger als die britische Soul-Göre Joss Stone, mit der sie bereits forsch verglichen wurde. Doch die Unterschiede könnten nicht größer sein: Während Stone klingt, als wollte sie morgen schon erwachsen sein, um es mit ihrem Idol, der Black-Music-Ikone Gladys Knight, aufzunehmen, macht die Jazz-Liebhaberin Olstead keine Anstalten, ihr Alter zu verstecken.
Und das, obwohl das Repertoire der patenten Pausbacke aus Houston, Texas so gar nicht zum unerfahrenen Teenie passen will. Denn George Gershwin, Les Brown, Frank Loesser oder auch Neil Sedaka sind nicht unbedingt die Autoren, deren Songs man einem Highschool-Mädchen abnimmt. Schon gar nicht, wenn sie David Foster im Stil von gediegenen Klassikern, ganz ohne zeitgenössisches Groove-Geklingel arrangiert.
"Ich habe ein Problem, wenn mich Leute mit der Musik, die ich mache, nicht ernst nehmen", erklärte Olstead unlängst der "Los Angeles Times". "Und das nur, weil ich eben ein Teenager bin. Die denken, du bist eine Kuriosität. Dabei ist diese Musik meine wirkliche Leidenschaft." Eine Leidenschaft, für die Olstead keine stimmlichen Klimmzüge unternehmen muss: Ihre Stimme klingt jugendlich und routiniert zugleich. Sie phrasiert wie Ella Fitzgerald, aber sie tut's mit einer naiven Freude an der eigenen Virtuosität. Dieses Lächeln in der Stimme entspricht ihrem Alter, wie ein Teenie, der der Verwandtschaft die neuesten Tricks aus der Schule vorführt.
Natürlich entfaltet sich so viel Können nicht über Nacht. Die Kleine mit der großen Stimme ist mit allen Showbusiness-Wassern gewaschen. Olstead hat bereits zwei Country-Alben aufgenommen und ausreichend Leinwanderfahrung gesammelt. Sie ist in Filmen wie "Space Cowboys" oder "The Insider" zu sehen, aber auch in Dokumentationen wie "The Making Of A Child Star", wo gleich ihre eigene Karriere das Thema war.
Wenn das neue Jazz-Fräuleinwunder bei ihrem ersten Deutschland-Auftritt in einem kleinen Hamburger Club dann vorgibt, extrem nervös zu sein, dann wirkt das bei soviel Medien- und Showbizroutine fast übertrieben kokett. Aber im nächsten Augenblick hat man dem quirligen Rotschopf in schlichtem T-Shirt und weißen Jeans schon wieder verziehen: "Someone to Watch Over Me" schluchzt sie so hinreißend, leicht und leise, so lässig perfekt und unforciert, dass man begreift: Hier ist eine Könnerin am Werk. Dabei gilt als Stilprinzip: Immer klug unter dem Limit bleiben, dann klingt's wie hingeworfen. Dazu ein bisschen Zirkus, Tribut ans Showbusiness.
Renee Olstead stand bei ihrer Promotion-Tournee durch europäische Medienstädte nicht zum ersten Mal mit ihrem Jazzsong-Repertoire auf der Bühne. Bereits im Juni 2003 war sie einer der Stars beim alljährlichen Playboy-Jazz-Festival in der Hollywood Bowl in Los Angeles. Gemeinsam mit der Bill-Cosby-Allstar-Band überzeugte sie das ausverkaufte Haus - keine Selbstverständlichkeit, zumal im mit Kinderstars gesegneten Amerika das Publikum ungleich anspruchsvoller ist als hierzulande. Olstead jedenfalls bekam Standing Ovations. "Natürlich hatte ich ein wenig Angst", erzählte sie hinterher. "All die tollen Musiker, und das Publikum schien anfangs nicht mehr richtig hinzuhören. Aber dann am Schluss, diese Reaktionen!"
Bekenntnis zur Klassik
Natürlich gehört die Koketterie mit der eigenen Unsicherheit zum Business. "I'm so happy being here!", kiekste Renee in Hamburg ins Mikrofon, offenbar gerührt vom eigenen Gefühl, aber sie durfte sich ja gleich wieder in "Summertime" flüchten, das beinahe viel geschundene Schlachtross von George und Ira Gershwin, das Olstead dennoch überzeugend und souverän nach Hause ritt.
Die Liebe zu den Klassikern entdeckte Olstead in der Nachbarschaft: "Ich habe mir immer Musik aus unserer örtlichen Bibliothek ausgeliehen. Wer auch immer die zusammenstellte, hatte offenbar einen guten Geschmack. Etta James, Billie Holiday, Louis Armstrong, Thelonious Monk - ich lieh mir die CDs und war sofort begeistert. Diese Musik hat jedem etwas zu sagen, deshalb verschwindet sie auch nie."
Eine Tatsache, von der David Foster nicht lange überzeugt werden musste. Natürlich hat er das Debüt-Album der Texanerin produziert, mit "A Love That Will Last" auch einen der (besseren) Songs geschrieben, zu dem Ehefrau Linda Thompson den Text schrieb. "Sie ist eine Puristin", rechtfertigt Foster den konservativen Zuschnitt des Albums. "Ich wollte Renee auf keinen falschen Weg drängen, denn ihre Instinkte sind schon richtig - nicht nur für ihr jugendliches Alter, sondern generell."
Cover der aktuellen Olstead-CD: "Sie ist eine Puristin
"Junge Leute sind offener, als viele glauben", ist Renee Olstead sich sicher. "Es ist eben nicht alles nur Britney Spears. Ich erinnere mich noch an die Spice Girls, das waren die neunziger Jahre - und da fühl ich mich richtig alt!"
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