Von Sebastian Knauer
Der New Yorker Dirigent Christian Järvi, 34, ist Frank Zappa nie begegnet. "Glücklicherweise", sagte Järvi nach einem Konzert vergangene Woche beim Bremer Musikfest, um gleich bedauernd zu ergänzen "oder lieber unglücklicherweise?" Denn Järvi, jüngster Spross einer estländisch-amerikanischen Dirigentenfamilie, der für Fachleute zu den Top Zwanzig der kommenden internationalen Dirigentengarde gehört, präsentiert mit "Absolute Zappa" das kompositorische Hauptwerk des Musikrebellen der Sechziger im neuen Gewand.
Der Rockrebell als Klassiker
Und das rockt, swingt, schwebt und neutönert vor vollen Sälen. Gut 1000 Zappa-Fans füllten beim diesjährigen Bremer Musikfest die ehemalige Kranhalle an Pier 2 in Bremens Industriehafen. Und diesen Samstag (18. September) wird das zwanzigköpfige Spitzenorchester "Absolute Ensemble" aus New York in der Kölner Philharmonie mit rund zweitausend Plätzen aufspielen. "Wir sind erstaunt welche Resonanz Zappa im klassischen Bereich findet", sagt Agenturmanager Ekkehard Jung vom internationalen "van walsum management" in Hannover.
Mit dabei sind diese Woche in Köln wieder ehemalige Zappa-Weggefährten wie Sänger und Saxofonist Napoleon Murphy Brock sowie Keyboarder und Gitarrist Mike Keneally. Die Veteranen spielen kongenial mit Järvis junger Truppe, deren Gitarrist und Arrangeur Gene Pritsker mit überbreiten Hosen im Schlabberlook höchste Perfektion in der Verbindung von Rap und Rhapsodie präsentiert.
"Kein Akkord ist hässlich genug, um all die Scheußlichkeiten zu kommentieren, die von der Regierung in unserem Namen verübt werden", sagte Zappa höchst aktuell zu Zeiten des Vietnamkriegs, Mitte der Sechziger. Zunächst studierte der als Francis Vincent in Baltimore geborene Künstler jedoch Musiktheorie am Chaffey College in Kalifornien. In dieser Zeit absolvierte er nach Informationen des verstorbenen Jazzforschers Joachim Ernst Behrendt auch einen Sommerkurs für "Zeitgenössische Musik" im hessischen Darmstadt, bei dem Neutöner wie Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel als Dozenten auftraten.
Das Internationale Musikinstitut Darmstadt kann allerdings keine Unterlagen über den angeblichen Besuch des knapp Zwanzigjährigen finden. Kein Wunder, denn er habe, so seine ehemalige Frau Gail Zappa zu SPIEGEL ONLINE , überhaupt "erst 1967 seinen ersten Pass bekommen", um die USA für Tourneereisen zu verlassen. Student Zappa, soviel ist gesichert, orientierte sich an französischen Komponisten wie Edgar Varèse und Pierre Boulez und schätzte die europäische Avantgarde der Neutöner.
Perfektionismus made in Germany
In Süddeutschland lernte der junge Zappa, Sohn einer Familie mit griechisch-arabisch-sizilianischen Vorfahren, offenbar auch das Land von Bach und Beethoven schätzen. "Er war verrückt nach Germany", sagt Brock, Mitglied der späten Mothers of Invention. Das könnte gute Gründe haben: Zappa forderte unerbittliche Perfektion und brachte mit seinem diktatorischen Auftreten ganze Generationen von Bandmitgliedern zur Verzweiflung. Auch seinen langjährigen Toningenieur Claus Wiedemann aus dem hessischen Viernheim, der sein erstes Elektronikstudio nach der Schule 1969 im südhessischen Bensheim bei Darmstadt betrieb, wählte der US-Musiker wohl wegen dessen penibler Genauigkeit und kompromisloser Qualität. Zappa warb Wiedemann bei einer Deutschland-Tournee aus den Diensten einer Vorgruppe ab. Von dort zog der Süddeutsche nach Los Angeles und sorgte für jenen perfekten Dolby-Sound der Zappa-Produktionen im Studio und auf der Leinwand, die später mit einem Oscar ausgezeichnet wurden.
Anfang der siebziger Jahre besuchten Zappa und Wiedemann bei Europatourneen diverse Spitzenrestaurants der badisch-französischen Küche; in Heidelberg verkehrte Zappa regelmäßig in den Gewölben von Deutschlands ältestem Jazzclub "Cave", der von Zappas deutschem Konzertveranstalter Fritz Rau 1954 mitgegründet worden war. Wie sich andere Zeitzeugen erinnern, entschwand der schnauzbärtige Meister damals regelmäßig in die Nacht zu einer blonden Muse, einer Angestellten aus dem Ort Sandhausen an der Bergstraße. Die etwas ältere Frau begleitete den 33-Jährigen, der ein eigenes musikalischen Groupie-Projekt förderte, auch auf der Europatournee nach Mailand. "In Europa hatte wir immer viel Spaß", sagt Brock, der als Afroamerikaner in seiner Familie selbst deutsche Vorfahren ausgemacht hat
Nach dem frühen Tod Zappas 1993 durch Prostatakrebs führte seine Frau Gail das musikalische Erbe in eine Familien-Stiftung über, die mit juristisch harten Bandagen die Urheberrechte des Meisters sichert. Trotzdem findet jährlich eine "Zappanale" im mecklenburg-vorpommerischen Bad Doberan statt, bei der deutsche Zappa-Revivalbands oder diverse Klassik-Popensembels aus Finnland oder Italien auftreten.
So gilt für Zappa das, was er einmal über eine von ihm geschätzte Musikrichtung sagte: "Jazz is not dead, it just smells funny". Übersetzt wurde die Liebeserklärung gerne mit: "Jazz ist nicht tot, er riecht nur ein bisschen komisch."
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