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Popmusiker Finkenauer Die Gedichte neu schreiben

Mutig und poppig: Auf seinem Debüt-Album präsentiert der Sänger und Komponist Pascal Finkenauer die schönste deutschsprachige Musik des Herbstes. Mit Wortgewalt und sicherem Pop-Gespür lotet der Lüneburger Poesie-Fan das Verhältnis von Eingängikeit und Widerborstigkeit aus.

Musiker Finkenauer: "Vor allem Lyrik gelesen"

Musiker Finkenauer: "Vor allem Lyrik gelesen"

Mut ist, neben Talent, unverzichtbar für jeden, der im Popbusiness reüssieren möchte. Wer nach Erfolg sucht, wer etwas anderes sein will als Kanonenfutter für eine hysterische Wer-wird-Superstar-Musikindustrie, der muss sich schon trauen, eine eigene Meinung zu haben, eine neue Idee voranzutreiben oder einen entschiedenen Schritt weiter zu gehen als andere. Das tun nicht viele, und es können auch nicht viele. Zudem hat von den wenigen, denen dies gelingt, nicht ein jeder das nötige Glück, überhaupt Gehör zu finden.

Pascal Finkenauer hat all dies: Glück, Talent und Mut. Das Glück hat dem Musiker mit dem Hamburger HipHop-Label Yo Mama eine Plattenfirma beschert, die groß genug ist, seinem gerade erschienenen Debüt-Album "Finkenauer" eine angemessene Plattform zu bieten. Dass Finkenauer Talent hat, bewies er zuletzt Anfang des Jahres mit seiner Punkrockband The Black Cherries. Deren Platte fand bei Kritik wie Publikum großen Anklang und erschien manchen gar als deutsche Antwort auf die White Stripes.

Mut zu guter Letzt - und sei es nur der des Verzweifelten - hat den 27-Jährigen wohl dazu angetrieben, in monatelanger Kleinarbeit an seiner Vision von Popmusik zu stricken. Das Ergebnis lässt sein Debüt zu mehr werden als einem musikalischen Nebenbei oder einer schönen Untermalung. Ähnlich wie bei den Klug-Poppern Kante aus Hamburg wird Pop bei Finkenauer zum Diskurs, den jeder mitführen kann und darf. Nur ist der Lüneburger im direkten Vergleich musikalisch geradliniger und wortgewaltiger.

Finkenauer-Debüt: Wortgewaltiger Diskurs-Pop

Finkenauer-Debüt: Wortgewaltiger Diskurs-Pop

Vielleicht rührt Letzteres daher, dass Finkenauer, wie er sagt, "natürlich schon viel Deutschsprachiges gehört, aber eben auch sehr viel und vor allem Lyrik gelesen" hat. So proklamiert er gleich im dem ersten Song seiner Platte: "Dieses Mal werden wir uns nicht sagen lassen/ Wir... machen die Straßen/ Zur Poesie der Verlierer und Verlassenen/ Wir schreiben die Gedichte neu." Das erinnert an die Ansprüche und die Sprache des Expressionismus, dieser ersten deutschen "Popbewegung", die bis in unsere postpostmodernen Zeiten nichts an Gültigkeit verloren hat: der Rhythmus der Stadt und die Sehnsüchte der Vereinzelten bestimmen das Sein.

Sehnsucht nach Zweisamkeit, nach Gemeinsamkeit ist dann auch das große Thema, das Finkenauers Lieder durchzieht und sie letztlich zu Erzählungen von der Liebe macht. Dabei mag beim ersten Hören der gerne zwischen Pop-Bombast, Elektro und modernem R&B pendelnden Songs die eine oder andere Assoziation mit bundesrepublikanischen Gefühlsmusikanten wie Xavier Naidoo oder Herbert Grönemeyer aufkommen. Beim aufmerksamen Hören fallen jedoch sehr schnell die Brechungen auf, mit denen Finkenauer des einen Hochglanz und des anderen Plattheiten verhindert.

Eine punkige Gitarre hier, ein fürs Formatradio zu sehr stolpernder Schlagzeugbeat dort, dazu gelegentliches berserkerhaftes Schreien ("Tourette-Rap") - all das zeugt von einer ganz anderen Intention. Das wird auch deutlich in Textzeilen wie "In diesen Betongewächshäusern lernt man viel zu schnell viel zu wenig Luft zu holen/ Oh, gib mir deinen Atem, hauch mir dein volles Leben ein/ Wir vermischen unsere Träume und lassen das Eingeengtsein mit sich allein/ Wir können all das ändern, wir müssen nur zusammenstehen".

Poet Finkenauer: "Es geht zunächst einmal um Melodien"

Poet Finkenauer: "Es geht zunächst einmal um Melodien"

An Stellen wir diesen verweist Finkenauer weit über gängige, romantisierende Beziehungsklischees hinaus. Für ihn ist das Private nicht loslösbar vom Gesellschaftlichen: "Ausgehend von dem Ich in der Zweierbeziehung und dem Versuch, darin ein Wir zu schaffen, landet man unmittelbar im Gesellschaftlichen. Das, was in einer Zweierbeziehung gelingt, kann auch in größerem Kontext funktionieren, so wie man auch das, was man in einer Liebe anprangert, auf die gesamte Gesellschaft ausweiten kann."

Dass das Album dabei dennoch zu jeder Zeit ein von Leichtigkeit getragenes Debüt bleibt, fernab von "intellektuellen Purzelbäumen" (Finkenauer), liegt gewiss an Pascal Finkenauers sicherem Gespür dafür, was Pop ist: "Es geht zunächst einmal um Melodien. So wie das sehr stark in den achtziger Jahren wichtig war, dieser großen Popzeit. Daneben geht es für mich selbst aber auch um Individualität. Denn Popmusik kann alles und kann auch alles sein. Es geht darum, ganz bewusst Spaß zu haben. Das findet jenseits von Schubladen statt. Diese ganze Diskussion, was ist Mainstream, was nicht, ist mir viel zu eng. Bei Pop geht es darum, frei zu sein."

Pop als Blaupause für das Leben - "Pop Life", wie Prince dies Prinzip in den frühen Achtzigern nannte? Warum eigentlich nicht - solange es so überzeugend und poetisch daher kommt und so mutig klingt wie bei Finkenauer.


Pascal Finkenauer: "Finkenauer" wurde am 6. September bei Kiddo/Yo Mama/Sony Music veröffentlicht

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