Von Stefan Krulle
Das Dekolleté versteckt sich hinter ihrer Jacke, das reizende Lächeln manchmal hinter ihrer blonden Mähne. Wenn Annett Louisan immer dürfte, wie sie kann, dann sähe das anders aus. Als Musikerin immerhin darf sie. Und gerade ist die 25-jährige Hamburgerin dabei, all ihre Chancen auch zu nutzen.
Vor gut einer Woche staunte fast die gesamte Medienmeute ihrer Wahlheimat trotz großem Buffet über einen knapp 40-minütigen Auftritt der Nachwuchs-Sängerin. Dabei verlässt sich die knapp über anderthalb Meter kleine Künstlerin auf ihrem Debüt-Album "Bohème" weder auf eine unvergleichliche Stimme noch auf nie dagewesene Sounds. Immerhin aber darauf, dass in Deutschland nie jemand vor ihr so frivol-ironische Lieder gesungen hat.
Das Songmaterial der süßen Blondine ist dermaßen bezwingend, dass sogar der ansonsten jedem Experiment abholde Sender NDR 2 ihre Single "Das Spiel" in die Rotation nahm und sich nunmehr mit dem privaten Konkurrenten Radio Hamburg streiten darf, wer die kleine Hymne ans weibliche Selbstbewusstsein öfter spielt. "Für mich", hauchte Annett Louisan ihrem geladenen Premieren-Publikum in Hamburg entgegen, "war das ein unglaubliches Gefühl, als ich mein Lied im Autoradio hörte." Dann überspielt sie wieder ihre Nervosität, die fast so groß ist wie die ihrer Zuhörerschaft.
Besonders die der männlichen. Für leicht labile Twens nämlich können die Songs der Louisan zu Stolperstein werden. Die chansonhafte Klangfarbe täuscht vielleicht noch über die ersten feministischen Breitseiten hinweg, irgendwann aber wähnt sich der Mann vorgeführt. "Dass du dich verliebst, weil du's mit mir tust, dass es dich so trifft, hab ich nicht gewusst. Es war nie geplant, dass du dich jetzt fühlst, wie einer von vielen. Ich will doch nur spielen, ich tu doch nichts", singt Annettchen, das Unschuldslamm. "Ich hoffe eigentlich, dass ich so manches unselige Klischee aus der Welt der Frauen- und Männerbilder auflösen kann", sagt Louisan, "dass also gern auch mal die Frau dominiert und der Mann devot sein darf. Wie im richtigen Leben eben."
Das darzustellen, hat sich die in Brandenburg geborene Sängerin ohnehin auf die Fahnen geschrieben. "Auch wenn inzwischen ein paar Leute zu viel meine Lieder als pure Autobiografie deuten", lacht Louisan, "so sind doch die Geschichten meiner Songs aus meinem Erfahrungsschatz entstanden." Seltsames Wort für eine 25-Jährige. "Und weil ich nicht besonders gut reimen kann, hat mir mein Produzent und Textpartner Frank Ramond geholfen, meine Fiktionen in Verse zu bringen." Und zwar in die besten, die Deutschlands Pop neben den Alltags-Hymnen von Inga Humpe als dichtende Hälfte der Berliner 2Raumwohnung kennt.
Und jetzt fragen doch tatsächlich manche Menschen, "ob ich all diese Dinge wirklich erlebt habe und tatsächlich so 'ne Schlimme bin". Annett Louisan versteckt schon wieder ihr Lächeln, "dabei sind das für mich völlig normale Geschichten, von denen ich gedacht hatte, dass sie irgendwie jeder erlebt." Womit sie sich irgendwie geirrt hat, was aber wiederum nichts macht. Immerhin sind ihr und Ramond einige Texte gelungen, die professionelle Zuhörer schnell aufgeben lassen bei der ewigen Suche nach der immanenten Peinlichkeit im deutschen Liedgut.
Hamburgs Medien-Männer greifen kurz nach Annett Louisans beherztem Auftritt ganz besonders eifrig zu am Buffet. Psychologisch würde man das vermutlich als Übersprungs-Handlung deuten. Dabei hat die Louisan gar nichts gegen Männer, "wir Frauen sind ihnen gegenüber lediglich ein klitzekleines bisschen im Vorteil." Wie das? "Nun, ich kenne keinen Mann, der jemals multiple Orgasmen erlebte", sagt die Kleine mit ironischem Augenzwinkern, trinkt den Rest Prosecco aus und lächelt. Ganz reizend!
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