Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Heute kaum Neues, aber dafür opulente Wiederveröffentlichungen von Pavement, Lloyd Cole, The Cure und ABC sowie ein Nirvana-Boxset mit Rarem und Obskurem.
Nirvana - "With The Lights Out" (Boxset)
(Geffen/Universal)
Zehn Jahre musste es dauern, bis sich Courtney Love mit den
verbliebenen Nirvana-Mitgliedern Krist Novoselic und Dave Grohl über die Veröffentlichung des umfangreichen Nachlasses der wohl wichtigsten Band der Grunge-Ära einigen konnte. Zehn Jahre, was für eine schöne runde Zahl. Denn natürlich ist es kein Zufall, dass es zehn Jahre (und
acht Monate) her ist, seit sich der Nirvana-Sänger und Songwriter Kurt Cobain mit einer Schrotflinte ins Jenseits beförderte. Zu den Tagebüchern und dem Comic gesellt sich nun ein Boxset mit drei CDs und einer DVD: Insgesamt 81 Songs gibt es zu hören und zu sehen, 70 davon bisher unveröffentlicht. Coverversionen wie Led Zeppelins "Heartbreaker" und Velvet Undergrounds "Here She Comes Now" finden sich ebenso zwischen den Juwelen und Halbedelsteinen wie rare Live-Versionen, Demos und Akustik-Aufnahmen von Nirvana-Hits wie "Smells Like Teen Spirit", "Lithium" oder "Rape Me". Es ergibt natürlich Sinn, im Falle Nirvana keine blank polierte Anthology der größten Erfolge herauszubringen wie unlängst mit "15 Classic Songs" geschehen. Um den Geist dieser Band einzufangen, muss man wahrscheinlich wirklich in die Archive der Audiokassetten und nachlässig beschrifteten Bänder steigen, um mit Armen voller gelebter Rock-Attitüde und Authentizität wieder heraus zu kommen.
ZDF
Nirvana-Sänger Cobain: Ikone der Authentizität
Dem Nachgeborenen, der sich hiermit in jüngerer Rockhistorie ausbilden will, dürften viele der rumpeligen
Rough Cuts jedoch nur Stirnrunzeln bereiten, wenn nicht Unbehagen: Diese Stümper waren Nirvana, die größte Rockband der Neunziger!? Doch gerade im Unbehauenen, im ungestümen Lärm und Wahnsinn insbesondere der frühen Aufnahmen aus den späten achtziger Jahren offenbart sich der Grund, warum Kurt Cobain auch heute noch als Ikone verehrt wird und Nirvana als Mythos in die Annalen der Pop-Historie eingegangen ist. Durch die chronologische Anordnung der Songs auf den drei CDs bekommt man einen Eindruck von der Entwicklung Nirvanas von dilettantischen Punks zu erwachsenen Musikern, die 1994, kurz vor Schluss, gelernt hatten, ihre Emotionen adäquat und halbwegs sauber mit ihren Instrumenten umzusetzen. Von den Qualen und inneren Dämonen Cobains bekommt man eine Ahnung bei manch zarten Akustik-Stücken wie "Do Re Mi" von 1994 oder dem kruden Leadbelly-Cover "They Hung Him On A Cross" von 1989. Das Booklet liefert informative Liner Notes und einen rührenden Text von Thurston Moore; auf der DVD herrscht leider größtenteils Langeweile. Für Hardcore-Fans, und zwar ausschließlich für diese, ist das Set dennoch eine Fundgrube für ersehnte Raritäten und aufschlussreiche Einblicke in die Genese ihrer Helden. Alle anderen sollten einfach "Nevermind" noch einmal auflegen und sich fragen, was zur Hölle eigentlich in den letzten zehn Jahren mit dem Rock'n'Roll passiert ist.
(ohne Wertung) Andreas Borcholte
Pavement - "Crooked Rain, Crooked Rain" (Deluxe Edition)
(Domino/Rough Trade)
Wenn wir über amerikanischen Indie-Rock reden und darüber, welche Platten für die eigene Sozialisation am wichtigsten waren, reden wir über "You're Living All Over Me" (Dinosaur Jr.), "Daydream Nation" (Sonic Youth), "It's A Shame About Ray" (The Lemonheads), "Surfer Rosa" (Pixies) und selbstverständlich auch über Pavement. Fragte man komplette Mainstream-Verächter nach ihrer liebsten Pavement-LP, so antworteten diese immer mit "Slanted & Enchanted". "Wowee Zowee" galt schwachsinnigerweise als "zu schwierig", "Brighten The Corners" und "Terror Twilight" wurden selten zu den Pavement-Großtaten gerechnet, obgleich beide exzellent ausfielen. Auf "Crooked Rain, Crooked Rain" konnten sich alle einigen, weil es nicht nur das klassischste und emblematischste Album von Pavement war, sondern auch jenes, mit dem die meisten von uns Stephen Malkmus und den Rest überhaupt erst kennen lernten. Ein nostalgischer Blick zurück sei erlaubt: Waren Pavement in unserer Vorstellung nicht zu jener Zeit am größten, am wahnwitzigsten, als wir noch gar keine Ahnung davon hatten, woher diese Typen kamen und was zur Hölle sie eigentlich von uns wollten? Als sie im Video zu "Gold Soundz" als Weihnachtmänner verkleidet eine Wiese herunterrutschten oder "Cut Your Hair" sangen, während sie wartend im Friseursalon saßen? "Crooked Rain, Crooked Rain", eine der geistreichsten Platten überhaupt, gibt es nun in der Deluxe-Edition mit Peel-Sessions und haufenweise Outtakes. Wer dafür seine Vinyl-Ausgabe verkauft, gehört trotzdem aus der Stadt gejagt.
(ohne Wertung) Jan Wigger
ABC - "The Lexicon Of Love" (Deluxe Edition)
(Universal)
Von unbeugsamen Alt-Rockern, unbestechlichen Hippies oder aber jenen Menschen, die diese Zeit allenfalls als Kleinkind erlebt haben, werden die achtziger Jahre ebenso gern wie ignorant als das Jahrzehnt bezeichnet, in dem Musik bloß leblos und steril war. Hätte man damals aber nur eine einzige Platte auswählen dürfen, die mondän und weltläufig genug war, um als so genannte "Deluxe Edition" (2 CDs) erscheinen zu dürfen, wäre dies wohl das ABC-Debüt "The Lexicon Of Love" gewesen. Trevor Horns brillante Produktion, der einmalige Glamour vom niemals auch nur ansatzweise nachlässig gekleideten Sänger Martin Fry und Texte, die die Melancholie der Liebe zu etwas Höherem transzendierten, waren im Jahr 1982 nur schwer zu schlagen - weshalb "The Lexicon Of Love" heute immer mal wieder zu Recht als bestes Pop-Album aller Zeiten gekürt wird. Zu Unwiderstehlichem wie "Valentine's Day" oder "All Of My Heart" kommen Demo-Fassungen, ein Live-Konzert im "Hammersmith Odeon" und der alberne, vermutlich als Iron-Maiden-Veralberung gedachte Outtake "Into The Valley Of The Heathen Go".
(ohne Wertung) Jan Wigger
Lloyd Cole And The Commotions - "Rattlesnakes" (Deluxe Edition)
(Universal)
Erst ein paar Tage ist es her, dass das stets schlecht rasierte und alles in allem unsympathische "Popstars"-Jury-Mitglied Lukas Hilbert wieder einmal selbst die Bühne betrat, um folgende Zeilen zu krähen: "Weihnachten wär' geiler, wär' der Weihnachtsmann 'ne Frau / eine die's so richtig bringt, so 'ne richtig scharfe Braut". Nicht nur weil Chauvinismus und Paschatum schon länger wieder auf dem Vormarsch zu sein scheinen, braucht es wieder mal einen großen Stilisten, einen Mann von vornehmer Gesinnung, einen Romantiker, der trotzdem reflektiert, kurz: einen wie Lloyd Cole. Mit neuer Begleitband und den Alben "The Negatives" und "Music In A Foreign Language" fand der Schotte erst unlängst zu alter Stärke zurück, doch das Debüt "Rattlesnakes" (1984), das nun in der "Deluxe Edition" erscheint, blieb bis heute seine schönste Platte. "Are you ready to be heartbroken?/ Are you ready to bleed?/ What would it take/ What would it take to wipe that smile off of your face?" ("Are You Ready To Be Heartbroken"). "Rattlesnakes" wird im 2-CD-Set mit sehr guten B-Seiten und Outtakes, Radio-Sessions, Demos und Live-Versionen wiederveröffentlicht.
(ohne Wertung) Jan Wigger
The Cure - "Three Imaginary Boys" (Deluxe Edition)
(Universal)
Noch bevor Robert Smiths Trauer auf "Seventeen Seconds" (1980) und "Faith" (1981) ganz monochrom und kärglich wurde, erschien das Cure-Debüt "Three Imaginary Boys", die berühmte Platte mit dem Staubsauger, dem Kühlschrank und der Stehlampe statt Smith, Tolhurst und Dempsey drauf. Wenn man bedenkt, dass unmittelbar nach "Three Imaginary Boys" drei der trostlosesten (und großartigsten!) Platten der Pop-Geschichte folgten, ist es schon erstaunlich, wie flink und willensstark diese kleine und sehr minimalistische LP eigentlich klingt. Das unmittelbar auf den "Subway Song" folgende Störgeräusch erschreckt nach wie vor zu Tode, bei "Foxy Lady" weiß man immer noch nicht, ob Gang Of Four hier ihr "Damaged Goods" geklaut haben oder umgekehrt - beide Bands fingen ziemlich genau zur selben Zeit an. "It's Not You" bleibt das mitreißendste Stück: Selten klang Robert Smith so wenig nach einem Mann, der zwanzig Jahre später am liebsten morgens ausschlafen und Rosen züchten sollte. Als Zusatz: 20 Raritäten aus den Jahren 1977-1979.
(ohne Wertung) Jan Wigger
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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