Von Christian Lehner
Das Wunder von Manhattan geht so: Lars, der Kellner des stark frequentierten Cafes im East Village, schiebt die Arcade-Fire-CD in den Player der Hausanlage. Sobald die ersten Klänge von "Neighborhood #1 (Tunnels)", dem Opener-Song von "Funeral", erklingen, eine zaghafte Klaviermelodie zunehmend Konturen gewinnt und sich gegen den sie umgebenden Streichernebel absetzt, um dann von Win Butlers unverwechselbarer Stimme wieder eingefangen zu werden, heben sich Köpfe und senken sich Zeitschriften. Blicke wandern von Buchstabenreihen in den Raum oder raus auf die First Avenue. Andere kreuzen sich kurz und malen ein Lächeln in die Gesichter der sich in diesem Moment als Gemeinschaft begreifenden Gäste.
Schon bald stehen die einen beim Kellner und erkundigen sich über die Urheberschaft dieser wunderbaren Musik, während die anderen über die Tische hinweg Fragen stellen und dabei kichern, als würden sie in allzu intimen Geheimnissen rühren. Wie wunderbar! Ist das neu oder alt? Sind das nun die Talking Heads, Pulp, David Bowie oder wer oder was? Spätestens beim Song Nr. 3, "Neighborhood #3 (Power Cut)", brummt das Cafe wie eine Hafenkneipe am Seaport. Wer um das Inseldasein in den stets als öffentliche Wohnzimmer verklärten Künstler/Musiker-Kaschemmen dieser Welt Bescheid weiß, musste in diesem Augenblick der temporären Vergemeinschaftung einfach gerührt sein. Das Szenario erinnerte an die Schlussszene eines dieser schamlos menschelnden Episodenfilmchen, in denen Hugh Grant ein Dauerabo auf die Hauptrolle zu haben scheint. Wer also vermag Wunder wie dieses zu vollbringen?
"Natürlich ist das alles toll und aufregend, selbst wenn man keine Anfang 20 mehr ist"
Arcade Fire kommen aus Montreal, Kanada. Die Band wurde im Jahr 2002 vom Exil-Texaner Win Butler gegründet und zählt mittlerweile sieben Mitglieder - darunter auch Wins Ehefrau und Co-Songwriterin Régine Chassagne und der jüngere Bruder Will. Der Name stammt aus einer Kindheitserinnerung. Ein Highschool-Kollege hatte dem blassgesichtigen Win ein Schauermärchen über ein schreckliches Feuer in einer Videospielhalle erzählt. Dutzende Kinder wären "in der Nachbarschaft" verbrannt.
Dieses Bild ist Klein-Win nicht mehr losgeworden. Nicht in Texas, nicht in New York, wo er studiert und musiziert hat, bis er den "Buzz" der Hudson-Metropole nicht mehr aushielt und sich in die frankokanadische Provinz Quebec zurückzog. "Der Vorteil an Montreal ist, dass man hier wesentlich ungestörter arbeiten kann als sonstwo, da es hier kaum so etwas wie eine Popindustrie gibt, jedoch eine gut funktionierende Indie-Szene", erzählt ein sichtlich angeschlagener Win Butler. Die Band gastiert zum zweiten Mal in diesem Jahr in New York. Der Medienandrang ist mittlerweile so groß und stressig, dass Win die Unlust am Beantworten der Fragen nur allzu deutlich anzusehen ist. Nicht gerade erbaulich bei veranschlagten 10 Minuten Interviewzeit. Schade.
Butler ist natürlich klug genug, den Zirkus zu durchschauen. "Natürlich ist das alles toll und aufregend, selbst wenn man keine Anfang 20 mehr ist." Bei über 100.000 verkauften Exemplaren von "Funeral" werden wohl noch unruhigere Zeiten auf das wie eine Streitmacht der Gefühle auftretende, aber trotz aller Angriffslust auf der Bühne sehr zerbrechlich wirkende Kollektiv aus Montreal zukommen. Das beschauliche Dasein in der kanadischen Abgeschiedenheit gehört jedenfalls vorerst der Vergangenheit an. Und das gilt nicht nur für Arcade Fire. Die Band steht an der Spitze der so genannten "Canadian Invasion", die zur Zeit mit Bands wie The Dears, Broken Social Scene, Hidden Cameras oder der Sam Roberts Band wie ein Blizzard durch die US-amerikanische Indierock-Szene fegt.
"Ich halte die Vergleiche mit den Talking Heads für einen Unsinn"
Der Typ mit dem riesengroßen grauen Rucksack steht mit offenem Mund da - so wie der Rest des Publikums. Ein knallroter Sticker in Form einer "1" ziert das schwer wie Blei wirkende Teil am Rücken. Im Gegensatz zu den anderen Fans wippt er jedoch nicht im Takt der Musik, sondern steht wie angewurzelt da und studiert das Treiben auf der Bühne. Es ist David Byrne, der gerade über die Arcade Fire-Coverversion von "This Must Be The Place" staunt. Nach einer Weile des Zögerns arbeite ich mich durch die im kollektiven Rausch der Gefühle schwelgende Menge. Ich spreche den Ex-Talking-Heads-Frontmann auf die oft bemühten Vergleiche seiner Band mit der kanadischen Wunderkapelle an.
Byrne wirkt etwas außer Fassung. Er dürfte wahrscheinlich ebenso lang wie alle anderen im Bowery Ballroom keine ähnlich aufwühlende Performance mehr gesehen haben. "Ich halte die Vergleiche mit den Talking Heads für einen Unsinn, weil ich so etwas immer albern finde", meint Byrne, "doch ich verstehe jetzt zumindest, wo das herkommt. Da scheint eine ähnliche Haltung, ein ähnliches Verlangen durch."
David Moore vom Online-Popmag "Pitchforkmedia" geht hier noch einen Schritt weiter und billigt Arcade Fire nicht nur zu, mit "Funeral" der geschundenen amerikanischen (Indie-)Seele einen adäquaten Widerhall gegeben zu haben - so wie seinerzeit die Talking Heads. "Funeral" gelänge darüber hinaus der kathartische Kunstgriff, die Unschuld der "echten Gefühle" zu rehabilitieren. Nicht erst seit der letzten Präsidentschaftswahl schien es ja beinahe so, als ob man sich in den USA direkt dafür schämen müsste, verliebt zu sein - so schamlos wurden die Gefühle der Menschen im Post-9/11-Amerika für die Beschneidung von Bürger- und Freiheitsrechten missbraucht.
"Wir wollten diesen Beziehungen, diesen Gefühlen, eine Heimat geben - die Nachbarschaft"
Arcade Fire stellen nun instinktiv dem von der Bush-Administration verwalteten Monopol über die Gefühle ein Konzept von "Neighborhood" entgegen, das mit viel Pathos im Kleinen ansetzt - an dem Ort, wo es gewöhnlich nach Bigotterie und jenem Horror riecht, der sich hinter den verschlossenen Türen von "Suburbia" unter gebetsmühlenartiger Hochhaltung so genannter "Family Values" als amerikanischer Alltag tarnt. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Band in Montreal residiert und nicht in New York oder L.A.
Es ist dann auch viel weniger der weithin antizipierte Trauermarsch durch das individuelle Leiden hin zum Licht, der den Grundcharakter von "Funeral" ausmacht, sondern das Vertrauen auf die eigenen Gefühle und die Gefühle jener, denen man vertraut. Anstatt des dümmlichen Ideals eines fiktionslosen Familienidylls ist der Schmerz und der Widerspruch bei Butler und bei Chassagne nicht unbedingt Voraussetzung, aber zumindest ein inhärenter Aspekt von Beziehungen jeglicher Art - nicht nur der unmittelbaren Liebe: "Die Songs auf 'Funeral' handeln von einfachen, alltäglichen Beziehungen und der ihnen innewohnenden Unmöglichkeit, sie auf einfache Art zu leben. Wir wollten diesen Beziehungen, diesen Gefühlen, eine Heimat geben - die Nachbarschaft", ringt sich Win dann doch noch zu einem programmatischen Statement zu "Funeral" durch.
Vier Songs des Albums tragen diesen Community-Gedanken im Namen. Der Albumtitel selbst ist der Tatsache geschuldet, dass während der Produktion von "Funeral" Großeltern, Onkel und Tanten von Bandmitgliedern gestorben sind. Insgesamt neun Verwandte verschieden während dieser Zeit. Die Songs wurden zwar noch vor dem Ableben der Familienmitglieder geschrieben, dennoch entspricht diese Geste der posthumen Eingemeindung in das Album exakt der Haltung, die im Schaffen von Arcade Fire immer wieder durchdringt. Selbst in den verzweifeltsten Momenten der Platte führen enge Schneetunnel direkt zu jenem Fenster in der Nachbarschaft, hinter dem die Einsamkeit ein Ende findet ("Neighborhood #1 (Tunnels)"). Ein anderes Mal erhellen flammende Augen die lichterlosen Straßen der Hood ("Une Année sans Lumiére").
"Ich könnte um nichts in der Welt als Solokünstler auftreten"
Wie ernst es Win Butler mit seiner Community-Sache "im Kleinen" ist, kann man an der Unlust ermessen, mit der er das Interview - zum Leiden des Fragestellers - abspult, während seine Band auf der Bühne kurz nach dem Soundcheck mit den Freunden von den Hidden Cameras Faxen treibt. Man spürt förmlich, wie er viel lieber da unten stehen würde. "Ich könnte um nichts in der Welt als Solokünstler auftreten. Das interessiert mich überhaupt nicht. Deshalb ist die Band für mich nicht nur künstlerisch wichtig. Ich sehe in ihr viel mehr als nur die Möglichkeit, einen kollektiven Output zu erreichen, der über das Ausdrucksvermögen des Einzelnen hinausgeht. Da geht's schon auch darum, dass wir abseits von Touren gemeinsam essen können, ohne uns die Köpfe einzuschlagen."
Aber genau das passiert am Abend des Konzerts. Wins "kleinerer Bruder" Will haut mit den Drumsticks auf den Kopf des Keyboarders Richard Reed Parry ein, der - gottlob - durch einen grellen Rennfahrer-Autohelm aus den siebziger Jahren geschützt ist. Die Einlage gehört natürlich zur Show. Sonst herrscht ebenfalls Aufregung auf der Bühne. Violinen, Xylophone, Flöten, mehrere Keyboards und Schlagwerke werden abwechselnd von verschiedenen Mitgliedern der Band bedient. Arcade Fire wirken in ihrem Vorwärtsdrang, als ob sie nur durch die Bremskraft von Ketten mit Eisenkugeln daran gehindert werden könnten, von der Bühne zu springen und durch die Reihen der Fans zu stürmen.
Die Band spielt gerade "Neighborhood #2 (Laika)". Der Song schert aus dem elegischen Klangbild von "Funeral" als "konventionellste" Rocknummer aus. Die Stimme Butlers klingt hingegen so ungewöhnlich fern, wie a) noch nie zuvor irgendwo sonst gehört, und b) gleichzeitig so nahe, als ob er dir direkt in die Ohren schreien würde. "Musikalisch mag ich den Song am liebsten. Er klingt tatsächlich sehr außergewöhnlich. Laika ist übrigens der Name eines russischen Raumfahrthundes, der als erstes Lebewesen überhaupt ins All geschossen wurde. Allerdings war das ein One-Way-Trip. Man hat den Hund geopfert, um die Überlebenschancen einer solchen Reise auszuloten. Das arme Vieh konnte zwar als erstes Lebewesen die Herrlichkeit der Erde von oben beobachten, verglühte jedoch kurz darauf einsam und allein beim Wiedereintritt der Kapsel in die Atmosphäre." Nach dem realen Ableben zahlreicher Verwandter sollte dies der einzige Tod auf "Funeral" bleiben - auch wenn die Musik darauf zum Sterben schön ist.
Denn das Wunder von Manhattan geht so weiter: Im kleinen Cafe im East Village läuft "Funeral" mittlerweile zum dritten Mal in Folge. Der Song "Wake up" biegt gerade von seinem hymnischen Chor in einen Uptempo-Beat ab, der irgendwo zwischen Elton Johns "Crocodile Rock" und der Schlusssause von Pulps "Common People" wohnen dürfte. Es ist spät am Nachmittag geworden, und langsam leert sich das Geschäftslokal. Die Musik erfüllt nun den ganzen Raum und übertönt die Sirenen der auf der First Avenue im Minutentakt vorbeijagenden Krankenwagen, die in Richtung Norden in den Krankenhaus-District von Midtown unterwegs sind.
Der Autor dieser Zeilen steht nun ebenfalls auf und will an der Kasse bezahlen. Kellner Lars winkt ab und lässt mich wissen, dass der Kaffee aufs Haus geht. Er wirkt glücklich und abwesend. Als ich durch die Tür hinaus ins Getümmel der Rushhour schlüpfen will, versperrt mir ein etwas untersetzter Glatzkopf den Weg und fragt mit britischem Akzent: "Do you know who did this wonderful music?" Es war nicht Nick Hornby.
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