Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Neues von Brendan Benson, Moneybrother, Dead Meadow und Saturday Looks Good To Me sowie das zweite, schön melancholische Album der Hamburger Band Kettcar.
Kettcar - "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen"
(Grand Hotel Van Cleef/Indigo)
Kinder, was für eine Aufregung: Da veröffentlicht eine Bande Musiker aus Hamburg ihr zweites Album voller netter kleiner Popsongs - und schon verfällt die ganze so genannte Indie-Szene in Hektik. Große Fanzines fragen furchtsam bei Kettcar nach, ob es sie denn gar nicht stört, wenn ihnen von vergrätzten Kritikern "Kumpelmucke" oder "Deutschrock" vorgeworfen wird, während die "FAZ" wegen Kettcar am liebsten gleich vom Main an die Elbe umziehen möchte. Zwischen absoluter Verehrung und abgrundtiefer Verachtung scheint es nichts zu geben, wenn es um die Band geht, die früher mal respektablen Punk machte, ...But Alive hieß und von Marcus Wiebusch, einem der wohl besten deutschen Songwriter zurzeit angeführt wird. Warum polarisieren die bloß so? Vielleicht liegt es daran, dass Kettcar auch auf ihrem neuen Album einfach nur das machen, was ihnen gefällt, nämlich weitgehend schnörkellose, manchmal zarte,
oft hintersinnige Songs, die mit dem mutwillig verkopften Diskurspop anderer Hamburger Bands nichts zu tun haben. Das kann man "befindlichkeitsfixiert" nennen, wie ein anderer Vorwurf lautet. Man kann aber auch versuchen, sich darauf einzulassen. Denn das größte Talent von Wiebusch ist es, das Lebensgefühl der Mittdreißiger, diese latente
Orientierungslosigkeit, das ständige Hin und Her zwischen "Eigentlich müsste ich ja mal..." und "Ist ja auch egal" mit schöner Melancholie auf den Punkt zu bringen. Das erinnert vor allem auch musikalisch oft an Zeiten, als es Blumfeld und Tocotronic noch nicht gab, als man
Hüsker Dü, Dinosaur Jr. und Buffalo Tom hörte und sich nicht groß darüber aufregte, wenn es mal ein bisschen arg schmalzig wurde. Diesen Mut zum direkten Gefühl aufzubringen und dazu zu stehen, ist das größte Verdienst von Kettcar. Da verzeiht man auch die eine
oder andere musikalische Schwachstelle wie das dilettantische Gitarrenlick in "Einer", wo sich auch "Egon Krenz" auf "Techno-Fans" reimen muss. Zu den Höhepunkten des Albums zählen natürlich die Balladen "Balu", "48 Stunden" und "Nacht", in denen es um verlorene Illusionen und Enttäuschungen geht. Enttäuscht haben Kettcar nach ihrem gefeierten Debüt "Du und wieviel von deinen Freunden" also nicht: "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" ist nur ein kleines, gefälliges Popalbum - aber das beste weit und breit. Dafür lohnt sich die Aufregung. (9) Andreas Borcholte
Kettcar - offizielle Website
Brendan Benson - "The Alternative To Love"
(V2 Records/Rough Trade)
Mit allgemeiner Verwunderung wurde meist die Auskunft hingenommen, dass es nun fast schon drei Jahre keine neue Platte von Brendan Benson gegeben hatte. Was daran liegen mag, dass der wirklich meisterliche Power-Pop zwischen Paul McCartney und Jellyfish, den Benson auf "Lapalco" (2002) förmlich zelebrierte, beinahe konkurrenzlos war und bis heute im Gedächtnis haften blieb. Mit dem vehementen "Spit It Out" beginnt "The Alternative To Love" dann auch genau so, wie man erwarten durfte, schlägt jedoch in der Folge eine eher unwahrscheinliche Richtung ein: Nur noch ganze zwei Mal wird explizit gerockt, was kein Problem wäre, wenn Halbfertiges wie "Get It Together" und "Between Us" nicht weit unter dem Niveau von früheren Benson-Klopfern wie "I'm Easy" oder "Good To Me" liegen würde, die es ja seinerzeit mühelos mit den meisten Jason-Falkner-Kompositionen aufnehmen konnten. Recht hübsch: Der milde Mittelteil mit dem Spector-Nachklang "The Pledge" und dem famosen "Them And Me". Für einen, der schon Mitte der Neunziger mit "One Mississippi" zu Höherem berufen schien und nun in seiner eigenen Disziplin von Ben Kweller überrundet wird, dann aber doch zu wenig.
(6) Jan Wigger
Brendan Benson - offizielle Website
Dead Meadow - "Feathers"
(Matador/Beggars Group/Indigo)
Immer gut: Musikgruppen, die so klingen, wie sie heißen. Dead Meadow kann man getrost zu dieser etwas aus der Mode gekommenen Spezies rechnen, denn verwitterter und angekränkelter war noch selten eine Platte auf dem Matador-Label, es sei denn eine dieser zähflüssigen, endlos langen Lärmsammlungen von Bardo Pond. Dead Meadow aus Washington D.C geben auf ihrem vierten Album "Feathers" quasi die Zeitlupen-Ausgabe von Black Sabbath, allerdings mit verhallt-moribundem Gesang und vielen schönen Psychedelic-Rock- und Drone-Pop-Reminiszenzen, die ganz plötzlich in den Songs auftauchen, sich langsam verschlingen und wieder verschwinden. Der Black-Sabbath-Vergleich und die scheinbare Nähe zu Doom-Metal-Bands wie Cathedral oder gar Saint Vitus soll jedoch über eines nicht hinwegtäuschen: Auf dem "Wacken Open Air" hätte man Dead Meadow selbstverständlich mit angeschmutzten Bierdosen beworfen.
(7) Jan Wigger
Dead Meadow - offizielle Website
Moneybrother - "To Die Alone"
(Burning Heart Records/SPV)
Wer bei Moneybrothers "Reconsider Me" in der stickigen Landhaus-Discothek die schweren Augen schloss, meinte einen Bruce-Springsteen-Outtake zu hören, von "Born To Run" oder "The River". Inzwischen scheinen alle Menschen, die da auf Erden wandeln, dem Moneybrother verfallen zu sein, ob er nun als Karaoke-Pausenclown in der Sarah-Kuttner-Show auftritt oder als Live-Künstler, sicherlich eine seiner allergrößten Stärken. Seine neue LP "To Die Alone" zu nennen, ist ein köstlicher Witz, vielleicht auch einfach Koketterie, denn in Schwedens Kaschemmen kann sich Anders Wendin, wie Moneybrother richtig heißt, seit dem Überraschungserfolg des "Blood Panic"-Debüts über mangelnden Frauenzuspruch nicht mehr beschweren. Doch was nützt das dem Bar-Crooner mit dem lustigen Akzent, wenn das Mädchen aus "It's Been Hurting All The Way With You, Joanna" nun partout nicht bleiben will? "I'm Not Ready For It, Jo" heißt der Nachschlag, Wendin kämpft mit offenem Visier: "You'll be walking right out on me/ And if begging is all that's left to do/ Here I go/ I'm not ready for it, Jo." Der Soul, der Funk, der Disco-Pop, die Streicher, die großen Gesten, der Bombast und der Schmelz - alles auf den Punkt und perfekt eingesetzt, aber bisweilen auch zu bemüht, zu campish und ohne echte Tiefe. Beschwerdebriefe zum letzten Satz bitte jetzt an die Redaktion schicken.
(6) Jan Wigger
Moneybrother - offizielle Website
Saturday Looks Good To Me - "Every Night"
(Polyvinyl Records/Rough Trade)
Eben noch einmal nachgeschaut und für großartig befunden: Der Drummer aus Moneybrothers Begleitband nennt sich "Existensminimum". Da können Saturday Looks Good To Me nicht ganz mithalten, denn der Chef dieser liebreizenden Wohngemeinschaft aus Detroit, der auf nunmehr drei Alben schon über 75 wechselnde Musiker rekrutiert und verschlissen hat, heißt lediglich Fred Thomas, die anderen Erika Hoffmann, Anna Steinhoff und Juan Garcia. Wunderbar und mit viel Echo, viel Melancholie und Sixties-Pop-Seligkeit gespielt ist dagegen die Musik auf "Every Night": Man zitiert die Beach Boys, hat auch Motown-Platten gehört und besingt in "The Girl's Distracted" ein Mädchen, die zu sehr mit ihrer Plattensammlung beschäftigt ist, um die große Liebe in Angriff zu nehmen. Die wahrscheinlich beste Band auf dem Polyvinyl-Label und eine weise Wahl für Sympathisanten von Belle & Sebastian und Holly Golightly.
(7) Jan Wigger
Saturday Looks Good To Me - offizielle Website
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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