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04.04.2005
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Das schwierige zweite Album von Wir sind Helden, das unwahrscheinliche Comeback von House of Love, das rumpelnde Drittwerk von I Am Kloot, das Rascheln und Rauschen von The Books sowie der neue Wagemut von Hot Hot Heat.

Wir sind Helden - "Von hier an blind"
(Labels/EMI)

Schwierig, so ein zweites Album, das war immer schon so. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: reflexartige Herzenskälte oder mitfühlende Wärme. Versuchen wir es mal mit der zweiten Variante: Wir sind Helden hatten ganz schön Angst, es jetzt zu versemmeln. Tausend neue Eindrücke, jeder quatscht einem rein, der Druck ist enorm. Also Augen zu und durch und ein bisschen Selbstironie in den Tank, dann läuft's schon. Läuft auch, das neue Album, auch wenn es natürlich nicht "Die Reklamation Teil 2" sein kann. Und nicht sein darf, sonst würden wir ja erst recht meckern. "Von hier an blind" ist ein bisschen gerader und indierockender, was die Musik angeht, und ein wenig unverspielter in den Texten. Alle vier Bandmitglieder haben diesmal mitgebastelt, die Texte stammen aber immer noch exklusiv von Judith Holofernes. Die klingt mit ihrer hellen Stimme manchmal so klein, ängstlich und trotzig wie ein Kind, besonders in ruhigeren Momenten wie dem niedlichen "Ein Elefant für Dich" oder im gespenstischen "Darf ich das behalten". Das erzeugt eine ganz neue Intimität mit der Band, und das muss man erst einmal zulassen.

Popband Wir sind Helden, Sängerin Holofernes: Manchmal wie ein kleines Kind
Zur Großansicht

Popband Wir sind Helden, Sängerin Holofernes: Manchmal wie ein kleines Kind

Es geht also ans Eingemachte, die Seele liegt offen, die großen Themen, hinter denen man sich verstecken konnte, sind passé. Zur Konsumkritik ist alles gesagt, ließen die Helden im Vorwege verlauten, dafür wird nun kurz und wortgewandt über die Musikindustrie ("Zuhälter") und nackte Mädchen in der "Bild" ("Zieh dir was an") gefrotzelt. Der Rest sind Nabelschauen ("Wenn es passiert"), Durchhalteparolen ("Gekommen um zu bleiben") und Befindlichkeiten ("Wütend genug"). Nur einmal, im launig dahinbrausenden "Nur ein Wort", hat die Band richtig Spaß. Hier blitzt das neue Selbstbewusstsein, das laut Plattenfirmen-Info vorhanden sein soll, einmal kurz auf. Der Mut zur Unsicherheit, der auf Albumlänge aus vielen Zeilen und unfertigen Arrangements spricht, verdient jedoch mehr Respekt. "Von hier an blind" ist das klassische zweite Album geworden: spröde, widerborstig und streckenweise ungenießbar. Nur schlecht ist es deswegen noch lange nicht. Dafür ist diese Band einfach zu gut. (6) Andreas Borcholte

Wir sind Helden - offizielle Website

The House Of Love - "Days Run Away"
(V2 Records/Rough Trade)

Es sind dies zweifellos die Tage, an denen alles Unwahrscheinliche zurück kommt: Billy Idol, Mötley Crüe, Lisa Stansfield, Tanita Tikaram, Mariah Carey, der blöde Frühling und mit ihm die nur schwer verständliche Vorfreude auf Open-Air-Konzerte, also auf das Johlen, das Lallen und den ganzen Matsch. The House Of Love, deren Rückkehr die unwahrscheinlichste von allen ist, führen ihr hübsches neues Album "Days Run Away" hoffentlich in mittelgroßen Clubs auf, flankiert von den alten, großen, wehmütigen, erhebenden Band-Klassikern wie "The Beatles And The Stones", "Shine On", "Feel" und natürlich "The Girl With The Loneliest Eyes". Wie schon die Musik von Ride, The Jesus & Mary Chain oder den Stone Roses bleibt auch jene von The House Of Love tief in ihrer Zeit verwurzelt, in den späten Achtzigern nämlich, als es plötzlich hieß, ohne eine neue Smiths-LP auszukommen und stattdessen James hören zu müssen. Die Reunion von The House Of Love ist erfreulich, unspektakulär und tröstlich, "Days Run Away" könnte auch dem Jahr 1989 entstammen, "Gotta Be That Way" und "Kinda Love" gehören fortan zu den schönsten Stücken von Guy Chadwick und seinen Jungs. Ja, die Zeit fliegt - und manchmal bleibt sie einfach stehen. (6) Jan Wigger

Hot Hot Heat - "Elevator"
(Warner Bros.)

Damit das nicht vergessen wird: Am besten waren Hot Hot Heat auf ihrer EP "Knock Knock Knock", auf der hinter jeder Ecke eine neue Wendung, ein neuer Funke wartete, als sie am zickigsten klangen, mittelschwer verwundet und unbedingt gefährlich. "Make Up The Breakdown" hatte dann den eckigen Groove und all die Gassenhauer: "Bandages", "Get In Or Get Out", "Oh, Goddamnit". Für Sänger Steve Bays dagegen kam jede Hilfe zu spät: Er ließ sich eine Tony-Marshall-Frisur wachsen und sieht auf jüngsten Pressefotos bereits aus wie ein Pudel. "I was picked up and then dropped off in a culture counter-clockwise turned around", wundert sich Bays über einen plötzlichen Ausflug zur "Island Of The Honest Man", während es poltert, quietscht und klimpert und alles noch ein wenig hitziger wird auf diesem neben "Pickin' It Up" wohl besten Song der Platte. "Elevator" wirkt zunächst polierter, kantenloser und weniger wagemutig als "Make Up The Breakdown", ist es aber nicht, denn Hot Hot Heat beherrschen das Leichtgewichtige ("Dirty Mouth") wie das Schwergängige ("Elevator") und klauen wie stets nur bei den Besten. (8) Jan Wigger

Hot Hot Heat - offizielle Website

The Books - "Lost And Safe"
(Tomlab/Indigo)

Während das Label Rough Trade uns in der Regel verlässlich das Album des Jahres liefert, ist die kleine Plattenfirma Tomlab für die verfeinerten Kostbarkeiten zuständig. Nach Patrick Wolfs grandios bedrohlicher Nachtfahrt "Wind In The Wires" folgt nun das dritte Album des amerikanischen Duos The Books, das kurz vor den Aufnahmen zu "Lost And Safe" die Ostküste entlang fuhr, um eine nicht mehr überschaubare Menge unbeschrifteter Kassetten unterschiedlichster Herkunft aufzukaufen - man wollte diesmal unter noch mehr Stimmsamples auswählen können als noch bei "The Lemon Of Pink". So versinkt nun das herrliche "If Not Now, Whenever" im Stimmengewirr, im Rascheln und Rauschen und in den samtenen Klängen einer Akustikgitarre: "And your head is made of clouds, but your feet are made of ground/ And you're running down/ You are cursed with a curse." Keine Collagen mehr, sondern Songs. (7) Jan Wigger

The Books - Homepage bei Tomlab Records

I Am Kloot - "Gods And Monsters"
(Echo/Pias)

Es ist schon eine seltsame und höchst interessante Geschichte, doch man hält sie gern für eine Tatsache: Während nicht wenige Leute behaupten und dann auch gleich belegen können, dass die Band I Am Kloot aus Manchester mit jeder Platte besser wird, hängen ein paar Nostalgiker, zu denen auch wir uns zählen, noch immer am Debüt "Natural History" und schmerztrunkenen Stücken wie "Twist": "There was a time when we were filled with laughter, haplessly hoping happy ever after/ Did we string up a heart, let it swing from the rafter and bleed/ There's blood on your legs, I love you." Die dritte I Am Kloot-LP "Gods And Monsters" braucht sicherlich etwas mehr Zeit, auch rumpelt es verstärkt in Liedern wie "Strange Without You" oder "Dead Men's Cigarettes". Und da ein unliebsames Wort wie "sperrig" weit mehr über den Horizont des Verwenders aussagt, als über den damit bezeichneten Gegenstand, sagen wir mal ganz vorsichtig "prekär" dazu. Ein Nachtrag noch: Der Sänger trägt immer noch den tollen Namen John Harold Arnold Bramwell. (6) Jan Wigger

I Am Kloot - offizielle Website


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