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09.05.2005
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Neues von Spoon, Weezer, Clem Snide und Herman Düne sowie das ganz und gar erstaunliche Debüt-Album von Maximo Park.

Maximo Park - "A Certain Trigger"
(Warp/Rough Trade)

Datiert man die Veröffentlichungen von Rufus Wainwrights "Want Two" und "Funeral" von The Arcade Fire ins Jahr 2004 zurück, also dorthin, wo sie eigentlich hingehören, dann ist "A Certain Trigger" von Maximo Park die bisher beste Platte des Jahres 2005. Ein paar Gründe für diese riskante These finden Sie hier, ein paar andere möchten wir an dieser Stelle stichwortartig nachliefern: die Johnny-Marr-Gedächtnisgitarre in "Postcard Of A Painting". Die scharfkantige Brillanz von "Apply Some Pressure". Die Art und Weise, wie Sänger Paul Smith die Worte "love" und "young" ausspricht: "luv" und "jung". Das glücklich machende "The Coast Is Always Changing". Der Einstieg von "The Night I Lost My Head". Das düstere und im Album-Kontext vollends aus dem Rahmen fallende "Acrobat", auf dem Smith spricht wie früher Jarvis Cocker und dann flehentlich um Nachsicht bittet: "I am not an acrobat/ I cannot perform these tricks for you/ Losing all my balance/ Falling from a wire meant for you." Das rasante Orgelspiel von Lukas Wooller. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieses Quintett aus England alte Lieben wie The Jam, The Human League, Orange Juice oder Josef K in ihrem übrigens sehr modernen Soundbild würdigt und verewigt. Die niemals endende Suche nach Transzendenz im ganz normalen Leben. Der unbedingte Wille zum Stil. Das rote Notizbüchlein, das Paul Smith auf der Bühne benutzt, wenn ihm doch einmal der Text entfallen ist. Die Zeile "Picture me with you/ But you couldn't do it/ Everything I said/ Was true but I couldn't prove it." Wer auf "A Certain Trigger" tatsächlich Schwachpunkte entdecken sollte, der sage bitte Bescheid. (10) Jan Wigger

Maximo Park - offizielle Website

Spoon - "Gimme Fiction"
(Matador/Rough Trade)

In dieser Kolumne zu einer der zehn wichtigsten Platten des Jahres 2002 gewählt: "Kill The Moonlight" von Spoon aus Austin, Texas. Warum? Spoon sind die dringlichste, geistreichste, wandlungsfähigste und leider auch irgendwie unbekannteste amerikanische Band, deren seltsam akademischer Habitus von den Hemdsärmeligen seit jeher mit Argwohn betrachtet wurde. Schon "Girls Can Tell" (2001) war ein Meisterwerk, und doch muss man noch heute Rezensionen lesen, die nicht viel mehr zu sagen haben, als dass Britt Daniel auf "I Turn My Camera On" singt wie Prince und einmal eine Split-EP mit Conor Oberst aufgenommen hat. Jammerschade, denn "Gimme Fiction" hat genau die Schärfe, die Verve und Sophistication, die den Bildungsbürger Daniel schon in der Vergangenheit auszeichneten. Das fast unverschämt nach Beatles klingende "Sister Jack", das Flüchtige und Ungenaue des grandiosen "The Beast And Dragon, Adored" oder die lässige Melodik von "I Summon You" - Britt Daniel hat alles drauf und zeigt es auch. "We was walking through the park/ Trying to get home before too dark/ Who was it that we saw that night/ Was it you?" ("Was It You?"): Songs wie Verschwörungstheorien, letzte Vorbereitungen für die Apokalypse, abgefeimte Gedanken eines Verführers. Wir beneiden jeden einzelnen Leser, der erst jetzt ganz neu ins Werk dieser schwer vernachlässigten Band einsteigen darf. (9) Jan Wigger

Spoon - offizielle Website

Clem Snide - "End Of Love"
(Fargo/Indigo)

Glück gehabt hat diese Band eigentlich noch nie, und vielleicht ist genau das der Grund dafür, dass sie mit jedem Album besser wird. 1991 in Brooklyn gegründet, dauerte es ein paar Jahre voller Punkrock, bis Songwriter Eef Barzelay seine Liebe zu Countrymusik und Roots Rock entdeckte und den Sound seiner Band radikal änderte. Clem Snide stammt übrigens aus William S. Borroughs' Drogen-Roman "Naked Lunch", dort trug den Namen "ein professionelles Arschloch", wie Barzelay sagt. Markige Sprüche wie diese nützten nichts, als Clem Snide Ende der Neunziger kurzzeitig einen Major-Vertrag erhielten und ein Album aufnahmen, für das so gut wie keine Werbung gemacht wurde. Bald war die Band wieder "indie" und es war den Kritikern überlassen, die Trommel für den tragikomischen Countryrock der New Yorker zu rühren. Das insgesamt fünfte Album ist das bisher ausgereifteste, auch wenn außer Barzelay kaum noch ein Original-Mitglied zur festen Besetzung gehört. Die Songs schrieb der Sänger, kurz nachdem seine Mutter an Krebs gestorben war und er seine Familie nach Nashville umsiedelte. Viele Stücke, sagt er, seien unterwegs entstanden, beim langen Starren auf den nächtlichen Highway. Ebenso verkitscht und ein bisschen verrückt klingt es dann auch, wenn Barzelay beschreibt, wie er von deutschem HipHop geweckt wird ("a great unholy clatter quickly filling me with dread") und sich prompt fragt, ob das Ende nah sei ("The Sound Of German HipHop"). An anderer Stelle wähnt er winzige europäische Kleinwagen vom Himmel fallen zu sehen ("Tiny European Cars"), macht seinen Frieden mit der Religion ("Jews for Jesus Blues") oder philosophiert beim Ansehen einer TV-Biografie der Schauspielerin Lucille Ball über Glück und Liebe. Unnötig zu erwähnen, dass einem Texte wie diese die Tränen in die Augen treiben und man sich hinterher fragt, ob man gelacht hat oder geweint. Phantastische Platte: Man denke sich die Eels mit weniger Depressionen und die Counting Crows ohne Pathos. (7) Andreas Borcholte

Clem Snide - offizielle Website

Weezer - "Make Believe"
(Geffen/Universal)

Es ist ein Segen, dass Nu-Metal in den letzten Zügen zu liegen scheint, doch unser Mitgefühl gilt dabei auch dem Weezer-Sänger Rivers Cuomo: Was mag wohl auf Rivers' Plattenteller gelegen haben, nachdem unlängst seine etwas befremdliche Leidenschaft für Limp Bizkit und Papa Roach erlosch? Sicher ein Album von Squeeze, das ihn zum wundervollen, der New Wave nachempfundenen "This Is Such A Pity" inspiriert haben dürfte: "We should give all our love to each other/ Not this hate that destroys us/ This is such a pity". Man könnte diesen Text jetzt leicht zum Hippie-Mist degradieren, doch ein schöneres Stück hat Cuomo seit "Don't Let Go" nicht mehr geschrieben. Den selten dämlichen Joan-Jett-Rip-Off "Beverly Hills" bezeichnet der amerikanische "Rolling Stone" arglos als "One Of Weezer's best-ever pop songs". Richtig ist: Die erste Single "Beverly Hills" steht ganz in der Tradition von vergangenen, tumben Album-Vorboten wie "Hash Pipe" und "Dope Nose". Doch obwohl das Songwriting auf diesem fünften, von Rick Rubin produzierten Weezer-Album stellenweise schablonenhaft wirkt, gelingen Cuomo mit "The Damage In Your Heart" und "Haunt You Every Day" noch zwei große Stücke. "Make Believe" stellt insgesamt zufrieden, doch die schwer stillbare Hoffnung, dass Weezer doch noch einmal ein "Pinkerton" gelingt, sollte man wohl fahren lassen. (6) Jan Wigger

Weezer - offizielle Website

Herman Düne - "Not On Top"
(Track & Field/Cargo Records)

Die neue Platte von Herman Düne, bei dem es sich nicht etwa um einen Typen, sondern um eine veritable Band handelt, die sich um das schwedische Brüderpaar David-Ivar Düne und Andre Herman Düne gruppiert, ist eine gute Gelegenheit, nachdrücklich an die kleine Plattenfirma Track & Field zu erinnern: Of Montreal haben hier tolle Alben wie "The Gay Parade" und "Aldhils Arboretum" veröffentlicht, auch Tompaulin und die Broken Family Band avancierten dort immerhin zu bislang gut gehüteten Geheimtipps. Nachdem man der lokalen Tageszeitung heute morgen völlig fassungslos und belustigt entnehmen musste, dass die Band Hot Hot Heat "puristischen Rock" spielt, traut man sich noch weniger, "Not On Top" einzuordnen. Versuchen wir es mal so: Angenehm kauziger, federnder Folk-Pop mit Texten, die das Leben exakt so beschreiben, wie es ist: "You're right, she was the one, and she's never gonna come back, she's gone/ And now you wish you were dead or at least you could fuck your brains out/ 'cause there's nowhere in the world you'll stop thinking about her" ("Walk, Don't Run"). Der Titel dieses Albums ist zum Glück nur Koketterie. (7) Jan Wigger

Herman Düne - offizielle Website


Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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