• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.06.2005
 

Umstrittenes "Live 8"

Mieses Klima für Aktivisten

Von Edgar Klüsener, Manchester

"Live 8" - das klingt nach planvoller Hilfe im großen Stil. Nach der anfänglichen Euphorie über Bob Geldofs Benefiz-Spektakel werden jedoch zunehmend kritische Stimmen laut. Vor allem in England ist man nicht amused: Rassismus und Ignoranz gegenüber zentralen Problemen wie Aids und Klimaschutz werden den Machern vorgeworfen.

"Live 8"-Organisator Geldof: Kolonialsherrenattitüde des weißen Show-Mannes?
Zur Großansicht
DPA

"Live 8"-Organisator Geldof: Kolonialsherrenattitüde des weißen Show-Mannes?

Bob Geldof hat ein großes Herz für Afrika, vor allem für die dort hungernden Menschen. Sein Herz schrumpft allerdings, wenn es sich nicht um Notleidende handelt - vor allem, wenn sie afrikanische Künstler sind. Die wurden zu "Live 8" erst gar nicht eingeladen: Schlecht für die Quote, lautete das Urteil. Natürlich fiel das Fehlen von Afrikanern beim Afrika-Benefiz auf, Vorwürfe wurden laut: Geldof sei in Wahrheit ein weißer Rassist, seine Sorge um das Wohlergehen des Kontinents kaum mehr als die neokolonialistische Attitüde des weißen (Show-)Mannes.

Hauptsache Schwarz sehen

Für die britischen Medien ist der Streit ein gefundenes Fressen; die Auseinandersetzung um den einstigen "Live Aid"-Säulenheiligen Sir Bob wird mit überraschender Schärfe geführt. Einen der erbittertsten Angriffe gegen den "Live 8"-Macher startete der englische BBC-DJ Andy Kershaw im "The Independent". Kershaw, beim ersten "Live Aid"-Festival noch ein enger Verbündeter Geldofs, warf diesem nicht nur erhebliche Arroganz vor, sondern auch Unkenntnis des Kontinents. Ob Geldof schon mal gehört habe, dass nicht alle Afrikaner in strohbedeckten Lehmhütten leben, fragte er polemisch und fuhr fort: "Etliche Millionen Afrikaner haben Fernsehgeräte. Diese Afrikaner mögen sich genötigt sehen, einfach abzuschalten, wenn sie mit einem 'Live 8' konfrontiert werden, das Afrikas größte Talente missachtet."

Schweres Kaliber, das Kershaw auffährt, aber er hat Recht: Geldof und mit ihm Bono sowie der überwiegende Rest der "Live 8"-Überzeugungstäter sind schamlose Vereinfacher. Sie reden von Afrika und den Afrikanern, verschweigen aber geflissentlich, dass der Kontinent sich nicht so einfach auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner namens Hunger bringen lässt. Afrika ist auch das wirtschaftliche Schwergewicht Südafrika oder Botswana, ein Staat, dessen ökonomische Wachstumsrate seit der Unabhängigkeit 1966 konstant zu den höchsten der Welt zählt.

Zuerst konnten die Organisatoren die Aufregung nicht verstehen und verwiesen auf die bereits fest gebuchten schwarzen Musiker aus den USA, aus Großbritannien und aus der Karibik. Die fragwürdige Logik: Wer schwarz ist, kann auch für Afrika sprechen. Dass es trotz der gemeinsamen Hautfarbe zwischen schwarzen Afrikanern und schwarzen Briten oder Amerikanern gewaltige kulturelle Unterschiede gibt, wurde den "Live 8"-Machern gar nicht erst bewusst. Niemand käme ernsthaft auf den Gedanken, einen weißen deutschen Rockmusiker zum Sprachrohr für Australien zu erklären, nur weil dessen Bevölkerung ebenfalls mehrheitlich weiß ist.

Wirtschaftsexperte Sachs, U2-Sänger und "Live 8"-Unterstützer Bono: Aids wird übersehen
Zur Großansicht
AP

Wirtschaftsexperte Sachs, U2-Sänger und "Live 8"-Unterstützer Bono: Aids wird übersehen

Inzwischen hat Geldof auf die Kritik reagiert und flugs noch ein separates Konzert mit schwarzen Künstlern in einer abgelegenen Ecke Cornwalls anberaumt. Dort dürfen dann auch genuin afrikanische Musiker auf eine britische Bühne. Für Kershaw klingt das weniger nach Völkerverständigung als nach Apartheid.

Generell begegnet Großbritanniens Linke dem "Live 8"-Projekt mit gemischten Gefühlen. Verstörend wirkt für sie unter anderem die implizite Forderung nach einer weitgehenden Liberalisierung des Welthandels. Die von "Live 8"-Unterstützern erwartete Wandlung von Globalisierungsgegnern zu Globalisierungsbefürwortern macht den Großteil der britischen Linken misstrauisch.

Aber nicht nur das unverblümte Eintreten der Popstars für neoliberale Welthandelskonzepte irritiert: Einigermaßen konsterniert sind linke Intellektuelle auch darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit neureiche Popstars auf Tuchfühlung mit den Mächtigen gehen. Man ist zu Gast bei Blair und Bush, geht bei Banken und Institutionen ein und aus und spielt im Millionärsclub Golf.

Kritikerkonzert, disharmonisch

Und dann ist da noch die immer wieder gestellte Frage, ob nicht überhaupt der ganze Ansatz von "Live 8" und der verschwisterten Kampagne "Make Poverty History" an Afrikas eigentlichen Problemen vorbeizielt. Tatsächlich werden durch die Konzerte keine Spendengelder zusammenkommen; die Veranstaltungen dienen lediglich der politischen Sensibilisierung. Claire Short, unter Blair bis zum Beginn des Irakkriegs Ministerin für internationale Entwicklungspolitik, hat generelle Zweifel. "Sicher, die Menschen werden die Konzerte genießen", sagte sie der BBC, "weil da berühmte Musiker auftreten. Aber inwieweit diese Konzerte dazu beitragen sollen, den Hunger in der Welt und in Afrika zu bekämpfen, ist mir immer noch nicht klar."

Für die Autoren des Reports "Africa - Up in Smoke", eine Koalition von 18 Hilfs- und Umweltorganisationen von Oxfam über Greenpeace bis hin zu Action Aid, ist es hingegen klar, dass die Konzerte nichts bringen werden, weil das Problem des Kontinents völlig außer Acht gelassen wird: die Klimakatastrophe. Der Bericht konstatiert unter anderem, dass bereits jetzt 14 afrikanische Länder gravierende Wasserprobleme haben und in den nächsten 25 Jahren weitere 11 hinzukommen werden.

Aids-Kranke im südostafrikanischen Malawi: Die dynamischen Bevölkerungsschichten dezimieren
AP

Aids-Kranke im südostafrikanischen Malawi: Die dynamischen Bevölkerungsschichten dezimieren

Schützenhilfe für ihre Argumentation erhalten die Autoren von Jeffrey Sachs. Der Professor, den die "New York Times" zum derzeit bedeutendsten Ökonomen der Welt erklärte, stimmt nicht nur mit ihnen in allen wesentlichen Erkenntnissen überein, er weist auch auf eine weitere Katastrophe hin: Aids. Die Viruskrankheit dezimiert die junge, arbeitsfähige, dynamische und kreative Bevölkerung Afrikas - und dies in einem Maße, dass mittlerweile sämtliche Volkswirtschaften südlich der Sahara ernsthaft gefährdet sind.

Die verheerenden Folgen von Klimakatastrophe und Aids-Epidemie für den afrikanischen Kontinent werden sich mit ein bisschen Schuldenerlass und ein wenig mehr Freihandel kaum lindern lassen. Die Bereitschaft der G8-Staaten, mit wirklich einschneidenden Maßnahmen auf die Klimakatastrophe zu reagieren, ist nach wie vor eher gering, wie die beharrliche Weigerung von Afrika-Freund George Bush, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen, beweist.

Die "Live 8"-Stars sehen über diese Aspekte der Krise lieber hinweg. Womöglich kommt noch jemand auf die Idee, auszurechnen, welche Mengen fossiler Brennstoffe eine Band wie U2 während einer Welttournee für ihre Sattelschlepper- und Buskolonnen, Flugreisen und Verstärkeranlagen verbraucht - von den Hunderttausenden von Fans, die im Normalfall mit dem Pkw zu den Konzerten anreisen, ganz zu schweigen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP