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05.09.2005
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

CocoRosie zaubern wieder, die Rolling Stones lassen es krachen, dEUS stehen im Schatten ihrer eigenen Vergangenheit, Xiu Xiu kokettieren mit der Verzweiflung, und Erdmöbel erklären, "was ich an deinem Nachthemd schätze".

CocoRosie - "Noah's Ark"
(Touch & Go)

Nach ihrem geisterhaft schönen Debüt "La Maison De Mon Reve" legen die Schwestern Bianca und Sierra Casady alias CocoRosie ihr zweites Album vor. Aus dem wunderlichen Künstlerwald, in dem die Zeit langsamer vergeht als anderswo, fehlt auf "Noah's Ark" die zarte Harfenistin und unvergleichliche Sängerin Joanna Newsom. Dafür ist der eigentümliche Hippie Devendra Banhart dabei, ebenso das füllige, geheimnisvolle Zwitterwesen Antony, das "Beautiful Boyz" zu einer fast jenseitigen Erfahrung macht: "All those beautiful boys / Pimps and Queens and criminal queers / All those beautiful boyz / Tatoos of ships and tatoos of tears." Mit welchen Mitteln die Casadys nun auch "Noah's Ark" zum Leuchten bringen, ist erstaunlich: Spieldosen-Melodien, Vocoder, Kinderklavier, kaum vernehmbare Stimmen aus der Ferne, ein trauriges Miauen und dieser Gesang, bis ins Letzte eigensinnig und manieriert: "Noah's Ark came to my house one day / With all his animals / And he took me away. ("Noah's Ark"). Genau so muss es gewesen sein. Genau so. (8) Jan Wigger

CoCoRosie - offizielle Label-Website

Rolling Stones - "A Bigger Bang"
(Virgin/EMI)

Karl Bruckmaier schrieb unlängst in der "Süddeutschen Zeitung", dass neue Alben der Rolling Stones in den letzten 20 Jahren nur Beigaben zur jeweils aktuellen Welttournee seien. So bitter es ist, es stimmt. Insofern waren die Erwartungen an "A Bigger Bang", das erste Studiowerk seit acht Jahren, nicht sonderlich hoch. Bleibt man bescheiden, kann man sogar jede Menge Spaß haben. Mick Jagger und Keith Richards mogeln sich mit Altbewährtem an modernen Stilen vorbei und lassen Nostalgie walten, wo Innovation ohnehin nicht gefragt ist. Denn was will der gemeine Stones-Fan: "Street Fighting Man" forever. Nach diesem Klassiker klingen gleich mehrere der neuen Songs, und überhaupt durchweht das ganze Album ein Hauch von Honkytonk und ruraler Simplizität, back to the roots sozusagen, wenn die Rolling Stones ihren Wurzeln denn jemals entwachsen wären. Die schnellen Rocktitel "Rough Justice", "Diving To Fast" und "Oh No Not You Again" sowie der langsame Blues "She Saw Me Coming" sind klassische Stones-Gassenhauer, "Rain Falls Down" begeistert mit Funkgroove und Beinahe-Rap. Auch Keith singt mal wieder auf zwei Songs, "Infamy" und "This Place Is Empty", und wird dabei immer niedlicher. Das war's dann auch schon fast. Neben diversen langweiligen Lückenfüllern wie der Country-Ballade "Biggest Mistake" und dem U2-Bombast "Streets of Love" nervt nur das pseudo-politische "Sweet Neo Con" mit seinen floskelhaften Parolen und dem öden Stampf-Beat. "A Bigger Bang"? Eher ein solider kleiner Kracher. Die Welttournee hat übrigens am 21. August begonnen. (7) Andreas Borcholte

The Rolling Stones - offizielle Website

dEUS - "Pocket Revolution" (V2)
(V2)

In den vielen Jahren, in denen dEUS nun schon kein aktuelles Material mehr geliefert haben, tauchten immer mal wieder Bands auf und wieder ab, die die hypnotisierende Kraft von dEUS-Songs zwar beschworen, aber nicht ersetzen konnten. So wartete man auf ein Lebenszeichen des Musiker-Kollektivs aus Antwerpen, auf die schwierige Wiederkehr, die nun, nach einem unbestreitbaren Indie-Klassiker wie "The Ideal Crash" (1999) naturgemäß noch schwieriger wird. "7 Days, 7 Weeks" ist so leichtgängig wie einst "Instant Street" oder "Little Arithmetics": "Here comes the sun smiling / How long have you been blue? / There'd ever be a time for us to recapture / All the time we lose / Cause it's plain to see / A storm is not the weather / And I'm telling you girl / You'll look at them and smile." Auch das von der Greatest -Hits-Kollektion bekannte "Nothing Really Ends" und "Include Me Out", ein Versuch über die Vergänglichkeit, zählen zu jenen Kompositionen, die mit Vergangenem Schritt halten können. Aber liegen "Nightshopping" oder "What We Talk About (When We Talk About Love)" nicht unter dEUS-Niveau? Wie zu erwarten war: "Pocket Revolution" ist eine sehr gute Platte geworden. Doch aus dem Schatten der eigenen Vergangenheit kann die Band damit nicht treten. (7) Jan Wigger

dEUS - offizielle Website

Xiu Xiu - "La Foret"
(Acuarela/Rough Trade)

Auf dem spanischen Label Acuarela erscheint das neue Album von Xiu Xiu, dem höchst gefährlichen Projekt von Jamie Stewart. An Stewarts expressivem und kaum imitierbaren Gesang hat sich seit "Fabulous Muscles" wenig geändert: In "Clover" ist er so fragil, dass man das Musikzimmer nur noch auf Zehenspitzen betritt, dann wieder kippt er ins Wimmernde und alles ist reine Verzweiflung. Stewarts Blick auf die Sexualität bleibt extrem: "George, when it comes to bedtime / My sweetness will not go to waste / I will shoot this arrow right up anus and / You'll taste what we taste / I will stab it right trough the bottom of your mouth / You'll taste what we taste / What you make them taste." Die Musik von Xiu Xiu ist nicht zu jeder Zeit konsumierbar, man kann sich ihr annähern, in konventionelle Beschreibungsmuster passt sie jedoch nicht. Nur soviel: Stewart dürfte Talk Talk, die Swans und The Cure in seinem verlassenen Wohnkeller ausgiebig aufgelegt haben. (Verschoben auf 25. September) (6) Jan Wigger

Xiu Xiu - offizielle Website

Erdmöbel - "Für die nicht wissen wie"
(Tapete Records)

Mit diesem Albumtitel und Songs wie "Farbe, der man schwer einen Namen geben konnte", "Was ich an deinem Nachthemd schätze" oder "Am Arsch, Welt, kannst du mich kaputtschlagen" haben sich Erdmöbel wieder einmal wohlgelaunt dem vorschnellen Vorurteil ausgesetzt, hier sei "pseudo-intellektueller Mist" im Schwange. Die assoziativen, gescheiten Texte von Prefab Sprout-Fan Markus Berges stoßen dementsprechend nicht selten auf verschlossene Ohren: "Sie drehten leise sich ums Tischtuch / Wie eine Weihnachtspyramide / Und legten Krümel wo sie schon / Gewesen waren." In Köln hat man diesmal sogar zwei überraschenderweise vollkommen gelungene Cover-Versionen aufgenommen: Aus Burt Bacharachs unsterblichem "Close To You" wird "Nah bei Dir", aus Henri Mancinis "Nothing To Lose" "Nichts zu verlieren". Einen flachen Schlusssatz wie "Erdmöbel: Die wissen, wie!" ersparen wir uns und nehmen stattdessen mit folgendem, wiederum auf Erdmöbel abzielenden Sinnspruch vorlieb: Am Arsch, Welt, kannst du diese Band kaputtschlagen. Wenn du den Schneid dazu hast.(6) Jan Wigger

Erdmöbel - offizielle Website


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