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10.10.2005
 

Drei Tage Robbie Williams

Berlin, ein Kreischen

Von Ulf Lippitz

Robbie Williams verbrachte drei Tage in Berlin, um der Welt sein neues Album vorzustellen. Die Welt sah zu, wie der britische Popstar aus dem Marketing-Wochenende ein Gefühlsdrama inszenierte – Tränen inklusive.

Robbie Williams liebt Berlin - und Berlin liegt dem Popstar zu Füßen. So lautet das Fazit nach vier Tagen Dauerkuscheln zwischen dem aufgekratzten Briten und der spröden deutschen Hauptstadt. Während eines perfekt durchchoreografierten Wochenendes hat der Glamour-Boy sein neues Album "Intensive Care" weltexklusiv an der Spree vorgestellt - und dabei die Gefühlspalette ausgereizt. Freude und Schmerz, echte Tränen und tapferes Lachen lagen dicht beieinander.

Superstar Williams: Offiziell überwältigt
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AFP

Superstar Williams: Offiziell überwältigt

Aber der Reihe nach. Am Freitag weiß Robbie noch nicht, warum er in Berlin ist. Er steht auf dem Podium im Hangar 2 des todgeweihten Flughafen Tempelhofs, eröffnet seine Pressekonferenz - und hadert mit der Stadt. Warum stellt er das neue Album wieder in Berlin vor, nachdem er bereits 2002 das letzte Studio-Werk "Escapology" hier der Presse präsentierte? Der 31-Jährige zuckt mit den Schultern. "Da müssen Sie mein Management fragen", sagt er. Dann fügt er unsicher hinzu: "Ich nehme an, ich mag die Stadt." Es klingt wie eine Frage.

Die Stadt mag ihn, keine Frage. Nebenan landen kleine Maschinen aus Münster, Saarbrücken und Dortmund im 30-Minuten-Takt. Im stillgelegten Hangar drängeln sich über 200 Journalisten, dazu kommen etliche Mitarbeiter der zahlreichen Sponsoren. So viele Menschen sieht der Flughafen sonst nie an einem Tag - und so viel Starrummel auch nicht.

Vor dem Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz stehen Teenager Spalier. Der amerikanische Rapper 50 Cent gibt am selben Abend ein Konzert in Berlin. Man kann sich seine Zerknirschtheit nur vorstellen, wenn er entdeckt, dass die Massen nicht seinetwegen ausharren - sondern nur wegen dieses britischen Hüpfers zwei Etagen über ihm. In der Tat können die Mitglieder von 50 Cents Rap-Kapelle, der G-Unit, ungehindert zwischen einer Fast-Food-Filiale und dem Luxushotel hin- und herspazieren.

Derweil rätseln Berliner Medien wie kleine Mädchen, wo sich Robbie Williams blicken lassen wird. Am Abend zuvor speiste er im Edel-Restaurant "Felix" gleich hinter dem Brandenburger Tor. Nun soll er angeblich im Adidas-Store einkaufen und nachts im Techno-Club Berghain aufschlagen. Dann der Schock: Nicht Mitte, sondern Lankwitz entpuppt sich als Zufluchtsort der Pop-Elite. Zwei Nachmittage spielt Williams im Reihenhaus-Ambiente mit dem BFC Preußen Fußball. Am Freitag rutscht der Laien-Kicker allerdings unglücklich aus und bricht sich den Arm.

Das Konzert am Sonntagabend findet trotzdem statt - es muss. Journalisten aus 30 Ländern hat die Plattenfirma eingeladen, knapp 8000 Tickets verkaufte der Veranstalter für das Konzert im Velodrom europaweit, das Vielfache an Fans verfolgt die Live-Präsentation in über 30 Kinos über den ganzen Kontinent verstreut. In Manchester, Budapest und Madrid rätseln Tausende darüber, welche Farbe sein Armverband haben wird.

Die große Überraschung: Als Robbie per Hebebühne aus dem Boden geschossen kommt, sein neues Lied "Ghosts" mit saftigem Pathos singt, sieht man ihm die Verletzung nicht an. Er trägt einen schwarzen Anzug, der an den Rändern rot glänzt, schwarze Turnschuhe und das übliche Siegergrinsen. Wenn das Publikum überhaupt einen Anstoß zur kollektiven Entfesselung benötigt, jetzt ist er gekommen. Unzählige Hände recken sich dem Sänger entgegen, ganze Reihen versuchen das Lied mitzusingen - obwohl sie - natürlich - den Text nicht beherrschen.

Die Hits rollen, dazwischen platziert Williams die neuen Lieder und spielt geschickt mit Zitaten der Popgeschichte. Aus dem bitteren Drogensong "Come Undone" wird plötzlich "Walk On The Wild Side" von Lou Reed, Frankie goes to Hollywoods Aufruf "Relax" mündet in den Party-Modus von "Rock DJ". Williams klingt dabei nach Elton John, Men at Work, Blur, den Pet Shop Boys und Gloria Gaynor zusammen - und das in nur knapp 90 Minuten.

Mit einem Seitenhieb auf Michael Jackson stellt er klar, dass der Thron des "King of Pop" vakant sei. Er sieht ein Plakat, auf dem "King of Pop" steht, zerrt es aus dem Publikum - und hält es sich vor den Hintern. Er lächelt tapfer, denn der Arm schmerzt je länger das Konzert andauert. Am Anfang redet er freimütig über die Schmerzmittel. "Ich spüre kein bisschen", freut er sich. Gegen Ende reibt er sich oft den Arm und verzieht manchmal das Gesicht.

Trotzdem: So lässig und charmant hat man Robbie lange nicht erlebt. Er entschuldigt sich dafür, nach zehn Jahren Take That verlassen zu haben und für Seelsorge-Telefone in Deutschland verantwortlich gewesen zu sein. Er macht sich über Drogen-Hysterie lustig ("Drogen sind toll, aber schlecht für eure Gesundheit"), er fordert das Textblatt für den neuen Song "Make Me Pure", weil er sich "nicht genau erinnert", nimmt das Lied auf einen Kassetten-Recorder auf - und schenkt die Aufnahme dem einzigen Jungen inmitten der kreischenden Mädchen in der ersten Reihe. Etwa 15 Reihen weiter hinten halten acht Frauen ein Transparent hoch: "Unser heutiger Eisprung ist für dich." Vergebens.

Der große Moment ereignet sich in der Mitte der Show. Er spielt den Hit, der ihm den Durchbruch zum Superstar brachte: "Angels". Williams sitzt auf der Show-Bühne, das Publikum singt den Refrain tadellos, die Inszenierung sitzt - so sehr, dass nun sogar der Protagonist offiziell überwältigt ist. Er weint eine Träne der Rührung, mitten in diesem Hexenkessel der Emotionen. Am Ende kommt die Erkenntnis: "Wenn mich Leute fragen, warum ich immer wieder nach Berlin komme", sagt er mit einer Stimme, die sich überschlägt - und streckt die Arme aus. "Dann sage ich: deswegen." Er genießt den Augenblick. Berlin kreischt.

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