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28.10.2005
 

Hörfunk-Trend

Radio gaga in Deutschland

Ende des Dudelfunks? Warum werden plötzlich junge deutsche Popbands und interessante internationale Newcomer im Radio gespielt, fragte sich Stefan Krulle und ging der vermeintlichen Qualitäts-Offensive auf den Grund. Seine Bilanz ist ernüchternd.

Radiowecker sind was Feines. Wer im Senderangebot auf dem Nachttisch ein wenig fahndet, wird garantiert eine Station finden, bei der niemand morgens freiwillig liegen bleibt. In Hamburg etwa, ohnedies radiomäßig von der Pophochburg früherer Zeiten zur Einöde verkommen, gelang die Vertreibung aus dem warmen Bett am sichersten mit dem öffentlich-rechtlichen NDR 2. Hier galten bei Tageslicht Phil Collins und Tina Turner als die schärfsten Heuler, übler Plastikpop verklebte schon zum Morgenkaffee des Hörers leidgeprüfte Ohren.

Sänger Blunt: Plötzlich im Radio
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Sänger Blunt: Plötzlich im Radio

Dann aber räkelte man sich am Morgen plötzlich zu Annett Louisans Hit "Das Spiel" in den Kissen und durfte in den nächsten Monaten weitere freudige Überraschungen erleben. Vorwiegend aus den heimischen Pop-Küchen (Juli, Silbermond, Wir sind Helden), aber auch aus internationaler Produktion (James Blunt) gelangten auf einmal Songs bis in die Prime Time, von denen die NDR-Redakteure noch kürzlich stereotyp behauptet hatten, sie selbst fänden sie zwar auch toll, bloß sie auf ihrem Sender spielen, nein, das könnten sie leider nicht.

Nun aber schien sich, nach dem Versanden der Diskussion über die Radio-Quote, ein Umdenken anzudeuten. Rosita Falke, seit vielen Jahren Radio-Promoterin an der Elbe, hatte dort vor gut 12 Monaten Annett Louisan ins Nachmittags-Programm gehievt - allerdings nicht beim öffentlich-rechtlichen NDR, sondern zunächst beim nicht minder streng durchformatierten Marktführer, dem privaten Radio Hamburg. "Inzwischen aber", sagt Falke, "gibt es sogar für Bands wie Johnny Liebling, Der Fall Böse, Dorfdisko oder Hund am Strand kleine Chancen, zumindest in den Abend- und Nachtsendungen."

Wende? Welche Wende?

Von einer grundlegenden Wende mag die Promoterin dennoch nicht sprechen, "aber wenigstens hat man bei den meisten Sendern inzwischen erkannt, dass zu bestimmten Zeiten Leute am Apparat sitzen, die mit der Einheitskost nicht zufrieden zu stellen sind." Das allerdings pfiffen längst die Spatzen von den Dächern. Wer noch Radio hörte, hatte die Antenne des Küchenradios längst auf den Deutschlandfunk oder andere Info-Programme geeicht. Den Dudelfunk hatte man satt.

Grund genug, den Blick dorthin zu wenden, wo nach Meinung vieler Kritiker noch stolze Bastionen des engagierten Radiobetriebs gehalten werden. Also reist man nach Baden-Baden, wo alljährlich an drei Tagen im September das SWR 3 Newpop Festival stattfindet. Seit zwölf Jahren bereits präsentieren die Macher dort, generös vom Sponsor DaimlerChrysler unterstützt, ein ambitioniertes Programm, das ihnen den Ruf eingetragen hat, talentierte Trüffelschweine des Pop zu sein. Ungefähr jeder zweite der im Kurort präsentierten Acts wurde nach seinem Auftritt als Newcomer zur Berühmtheit. Heute etablierte Stars wie Alanis Morissette oder Faithless, Freundeskreis oder Xavier Naidoo spielten hier noch als No-Names.

Newcomerin Louisan: Freudige Überraschung
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DDP

Newcomerin Louisan: Freudige Überraschung

Auch dieses Jahr traten beim Newpop-Festival wieder Hoffnungsträger ins Rampenlicht: Die schottische Sängerin KT Tunstall, die Londoner Band Athlete, Malis Shootingstars Amadou & Mariam und die schwedischen Caesars. Dass die Neulinge beim Sender aber "lediglich ein paar Wochen vor und ein paar Wochen nach dem Festival gespielt werden", wie Rosita Falke weiß, kommentiert SWR-Programmchef Bernd Mohrhoff mit einem der schon seit Jahren beliebtesten Sätze öffentlich-rechtlicher Radiomacher: "Die Hörgewohnheiten haben sich eben dramatisch verändert." Von der aktuellsten, nicht minder dramatischen Veränderung der Hörgewohnheiten haben allerdings immer noch nicht alle Hörfunkredakteure etwas mitbekommen.

"Im Süden", sagt Rosita Falke, "sieht es inzwischen ohnehin finster aus. Der Norden profitiert ganz klar von der Einmischung der Politik. Hier in Hamburg haben Gespräche stattgefunden, nach denen sogar die Programmdirektoren gehandelt haben." Immerhin werden seither im Norden der Republik die boomenden deutschsprachigen Popacts nicht länger ignoriert oder erst nach dem Eintritt in die Top 20 gespielt. "Neuheiten im Tagesprogramm", sagt Falke, seien aber "immer noch schwer zu haben."

Schuld daran seien die Mechanismen des Formatradios, klagt die Promoterin, "diese nervenden Research-Firmen. Da kriegen irgendwelche Probanden 30 Titel ein paar Sekunden lang vorgespielt und werden dann gefragt, was ihnen am besten gefallen hat. Selbst ich könnte mich dann nur noch für das Bekannte entscheiden. Und bei den Sendern heißt es deshalb weiterhin bei echten Newcomern: Tut uns Leid, schöner Song, aber wir können den nicht spielen."

"Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht"

Von den Plattenfirmen wird der ewige Vorwurf, die Radiosender hätten schlicht irgendwann die lange fruchtbare Zusammenarbeit aufgekündigt, bis heute aufrecht erhalten. Bernd Mohrhoff vom SWR 3 guckt da nur mitleidig und redet lieber vom "Lamento, mit denen von hausgemachten Problemen abgelenkt werden soll." Da mag einiges dran sein. Fakt indes bleibt, dass es vor knapp 15 Jahren noch Radio-Moderatoren gab, die ihre Sendungen nach eigenem Gusto bestückten, dafür bekannt waren und geliebt wurden - oder auch gehasst. Sie sind verschwunden - und mit ihnen das Radio als Informationsquelle für Musikbegeisterte.

Und auch wenn die Öffentlich-Rechtlichen bis heute gebetsmühlenartig - und mit letztem Respekt vor ihren im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Versorgungspflichten - versichern, keiner Quote hinterher zu jagen, so sind ihnen dafür doch längst die Argumente abhanden gekommen. "Diese Leute wissen doch genau wie die Privaten, dass ihnen in Wahrheit keiner mehr richtig zuhört", sagt Rosita Falke, "deshalb veranstalten sie ja auch immer dann, wenn die Marktanalyse ansteht, ein Gewinnspiel nach dem anderen." Diese Marktanalyse übrigens ist vor allem für die Werbewirtschaft von Interesse - die wiederum zumindest für die Öffentlich-Rechtlichen ob ihrer Absicherung durch staatliche Gebühren völlig uninteressant sein müsste. So weit die Theorie.

Aber woher kommt sie dann, die Hinwendung der Sender zu heimischem Pop und interessanten Newcomern? Die scheinbare Niveau-Verbesserung ist am Ende wohl doch nur der veränderten Lage in den Top 100 zuzuschreiben und kann jederzeit wieder ins Gegenteil kippen. Vielleicht hat auch die Quoten-Diskussion, von den Sendern so gefürchtet wie der Knoblauch vom Vampir, ein Quäntchen Prophylaxe einkehren lassen.

Doch den gleichmäßig behäbigen Lauf der Dinge im hiesigen Radio-Geschäft wird wohl auch in Zukunft keine Aktionsfront und keine Bundestags-Initiative beeinflussen können. Schon der Musiker und Radio-Kritiker Michy Reincke sagte: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht." Und das Radiohören 2005 ist ungefähr so, als tränke man einen mediokren Bordeaux, dem immerhin eine Stunde zum Lüften gegönnt wurde: Er schmeckt etwas besser als gewohnt, aber der Schädel am nächsten Morgen bleibt der gleiche.

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12.07.2011 von Kuechenchef:

Das kann aber nur sagen, wer abseits von B3, SWR3, HR3 etc pp nix im Äther findet, obwohl ja schon die Benamung der Sender ganz schlaue Füchse auf die Idee bringen könnte, daß es da noch mehr zu hören gibt (B2 kann man mit [...] mehr...

12.07.2011 von abby_thur:

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11.07.2011 von lupenrein: .............

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