Alicia Keys: "Unplugged"
(Jive/SonyBMG)
Alicia Keys' Geschichte ist ein Popmärchen, eine Aschenputtel-Story, mit bösen Produzenten in der Rolle der Stiefmutter und einem Prinzen in Gestalt des mächtigen Clive Davis. Der ehemalige Arista-Records-Chef und Talent-Scout befreite sie aus den Fängen den Musikmultis Columbia und machte sie zur Königin des Neo Soul.Die Rolle der guten Fee übernahm damals Oprah Winfrey. Die einflussreichste Moderatorin Amerikas ließ Keys im Jahr 2000 in ihrer Sendung auftreten, danach stieg "Fallin", die Hitauskoppelung ihres Album-Debüts "Songs in A-Minor", auf Platz eins in den US-Charts.Und wie in den meisten Märchen ist auch Keys eine patente Heldin, die ihren großen Schwestern - den Erykah Badus und Angie Stones - mit Fleiß, Ausdauer und Bescheidenheit Paroli bietet. Zum Image des guten Girls trägt vor allem das Klavierspiel der New Yorkerin bei. Authentisch, nicht künstlich lautet die Devise, wenn Keys in die Tasten greift. Sie ist eine Handwerkerin, deren Sound nicht aus anonymen Samplern, sondern von Herzen kommt.Das Unplugged-Konzert von MTV, aufgenommen in einem ehemaligen Pornokino in Brooklyn, soll dieses Image noch einmal bestätigen. Keys spielt ihre großen Hits, begleitet von Band, Streichern und Bläsern. Dazu gibt es ein paar Gastauftritte von Rappern wie Mos Def und Common. Auch hier ist sie als Schwerstarbeiterin des Soul gefragt; bei der Fernsehaufzeichnung des Konzerts soll Keys so geschwitzt haben, dass der Produzent erbost die Visagistin auf die Bühne schickte. "Hey, Schweiß ist sexy!" hat sie angeblich gerufen. "Was ist hier los?" Hat man das Album gehört, weiß man, was los ist: Alicia Keys ist eine gute Sängerin, die aber an die Eleganz einer Erykah Badu oder die Coolness einer Jill Scott nicht heranreicht. Und man hat noch einmal begriffen, dass sie tatsächlich eine verflucht gute Songschreiberin ist: Hits wie "A Woman's Worth", "You Don't Know My Name" und der großartige Schmachtfetzen "Fallin'" sind Glanzstücke des zeitgenössischen Soul.
Twista: "The Day After"
(Atlantic/Warner)
Wenn von Twista die Rede ist, dann immer auch vom schnellsten Rapper der Welt, der es mit seiner Maschinengewehr-Lyrik bis ins Guinness-Buch der Weltrekorde schaffte. Die Bewunderung hat ihre Schattenseiten: Für viele blieb der Chicagoer Musiker ein virtuoses Plappermaul, dessen Talent sich auf Zungenbrecher in halsbrecherischem Tempo beschränkt.Auch unter Kollegen schätzte man ihn als genialen Wortakrobaten: Rapper luden ihn auf ihre Alben ein als virtuoses Gimmick für zwischendurch; R'n'B-Stars motzten ihre Schnulzen mit seinem irren Flow auf. Doch der große Durchbruch blieb ihm jahrelang, über sechs Alben hinweg, verwehrt. Erst 2004 hatte er mit "Kamikaze" den verdienten, das heißt auch: kommerziellen Erfolg.Alles, was jetzt passiere, nachdem er das Schlimmste überstanden habe, sei der Tag danach, erklärt Twista den Titel seines neuen Albums. Eine schönes Statement, mit dem sich der Rapper perfekt in die Großerzählung von HipHop als ausgeweitete kapitalistische Kampfzone eingliedert. Natürlich ist die Konkurrenz groß, aber um so wichtiger, dass es einen wie ihn gibt. Zwischen Nuschlern (50 Cent) und Säuslern (Snoop Dogg), Krakeelern (Lil' Jon) und Croonern (Pharrell) rückt sein Stil eine ganz besondere Qualität von HipHop in den Blick: eine faszinierende, dramatische und virtuose Praxis der Rede zu sein.
Will Downing: "Soul Symphony"
(Verve/Universal)
Auf dem Plattencover sieht er nachdenklich aus, und auch wenn dieser kontemplative Look zum Stil des reifen Soul Crooners gehört, kann man sich fragen: Ist Will Downing traurig? Enttäuscht darüber, dass er nicht soviel Anerkennung bekommen hat wie Luther Vandross oder Stevie Wonder, Soulsänger, denen er in nichts nachsteht.Vielleicht liegt es an der Mixtur der Stillagen, die Downing so perfekt beherrscht: Seit seinem Debüt im Jahr 1988 bewegt sich der gebürtige New Yorker souverän zwischen Pop, Soul und Jazz - eine Vielseitigkeit, die die Vermarktung erschwert und dafür gesorgt hat, dass Downing zumindest in Deutschland sang- und klanglos in der Jazz-Abteilung verschwindet, obwohl er exzellenten Soul abliefert.Downing als Jazzmusiker zu würdigen, dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, nur dass er in den Soulregalen, neben den Neuauflagen von Ray Charles und Tribute-to-Luther-Vandross-Alben, leichter entdeckt werden könnte."Soul Symphony" macht es einem denkbar leicht, diesen exzellenten Künstler zu schätzen: Downings auf faszinierende Weise zugleich weiches und markantes Timbre veredelt Balladen ebenso wie Midtempo-Stücke, die Arrangements sind dezent und subtil, nur die Texte sind zu sehr auf das eine Thema konzentriert: die romantische Liebe. Andererseits: Das ist ja Vorrecht und Aufgabe des Crooners - uns zum Schmachten und Schwärmen zu bringen. Wenigen gelingt dies auf so elegante Weise wie Will Downing.
Various Artists: "This Is Melting Pot Music"
(MPM/Groove Attack)
"Das ist kein Retro-Sound!", sagt DJ Olksi alias Oliver von Felbert bestimmt. Was auf seinem Label MPM veröffentlicht wird, ist eher eine Aktualisierung von Funk vor dem Hintergrund von HipHop. Die 14 Songs seines "Melting Pot Music"-Samplers hat der Kölner DJ, Produzent und Musikjournalist ("Spex", "Juice") nicht nach nostalgischen Authentizitätskriterien ausgesucht, sondern unter dem Gesichtspunkt der Kreativität. Wie lässt sich Funk in die Gegenwart übersetzen? Wie klingt ein Dialog von HipHop, Soul und Funk, der sich nicht auf Zitate beschränkt, aber auch nicht als Stil-Mimikry daherkommt?Er klingt, ohne Umschweife gesagt, faszinierend. Ob die Hannoveraner von Imperial Breed ihre Songs mit Karaoke-Mikros einspielen und so ein historisches Feeling kreieren, es gleichzeitig aber auch ironisieren; ob die Amsterdamer Truppe Lefties Soul Connection an die Funk-Tradition der Meters anknüpft oder der amerikanische Produzent DJ Day zuckersüße Soul-Arrangements mit schweren Beats aufmischt: "Melting Pot Music" ist ein Schmelztiegel mit den feinsten Zutaten, die HipHop und Funk zu bieten haben.
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