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18.01.2006
 

Sängerin Jenny Lewis

Vom Kinderstar zur Country-Queen

Von Thomas Soltau

Jenny Lewis beendete eine erfolgreiche Karriere als TV- und Werbestar, um als Sängerin der Band Rilo Kiley die amerikanische Independent-Szene zu erobern. Auf ihrem ersten Solo-Album glänzt sie mit melancholischem Country-Pop.

Freiheit bedeutet für Jenny Lewis viel, viel mehr als für manch anderen jungen US-Amerikaner. Zum Beispiel, dass sie nicht mehr einen ständigen Erwartungsdruck zu erfüllen hat. Heute steht Lewis ohne Eile auf, frühstückt endlos, spielt stundenlang auf ihrer Gitarre und trifft abends ein paar Freunde in irgendeiner Bar in Los Angeles.

Wenn sich Jenny Lewis dann doch mal unruhig fühlt, geht sie mit ihrer Band Rilo Kiley auf Tour - wie neulich, als sie das Vorprogramm der Britpopper Coldplay bestritt. Oder sie fährt nach Nebraska, um dort mit ihrem Kollegen Conor Oberst alias Bright Eyes abzuhängen. Man kann es auch so sagen: Die 29-Jährige holt im Moment schlicht und einfach ihre Kindheit nach. Denn vor Jahren gab es eine Zeit, in der ihr Terminkalender voll war, und sie fast jeden Tag vor einer Kamera stand. Zeit zum Nachdenken oder Herumalbern mit Freunden war rar. Das Studio ersetzte den Spielplatz, ihre Kameraden waren Aufnahmeleiter und Kabelträger. Jenny Lewis führte das Leben eines Kinderstars im US-Fernsehen.

"Ich benutze lieber den Begriff 'working child actress', das trifft es besser", sagt Lewis etwas genervt über ihr früheres Leben, das sie am liebsten verdrängen würde. Damals wohnte sie mit ihren Eltern und einer Halbschwester noch in Las Vegas. Der Vater arbeitete als Musiker in den Casino-Hotels, die Mutter sorgte für Gesang. Als die Band sich trennte, gingen auch ihre Eltern unterschiedliche Wege.

Filmgeschäft als Familienersatz

Kurz darauf zog Lewis mit ihrer Mutter aus der Spieler-Metropole in die Nähe von Los Angeles, wo ein Talentscout auf das dreijährige Mädchen mit den roten Haaren aufmerksam wurde. "Meine Mom entschloss sich aus finanzieller Not, mich im Filmbusiness unterzubringen. Ich hatte zwar keine Möglichkeit, mein Veto einzulegen, glaube heute aber, dass der Schritt notwendig war. So konnte sie wenigstens die Miete zahlen und uns ein gutes Leben ermöglichen. Außerdem gab mir der Studiobetrieb eine relativ feste Struktur, die nach der Scheidung in der Familie nicht mehr vorhanden war. So komisch es klingen mag, für mich war es wie eine Rettungsinsel."

Anfangs machten ihr die Werbespots auch noch Spaß. "Im meinem ersten Spot musste ich Wackelpudding essen - das war natürlich extrem lecker", erinnert sich Lewis. "Eklig war nur ein späterer Werbedreh für eine Steaksauce. Kurz vor dem Spot bin ich Vegetarierin geworden, was zur Folge hatte, dass ich bei jedem Biss in den Hamburger alles ausspuckte. Das ging stundenlang so."

"Ich habe mich nie als Schauspielerin betrachtet"

Ihre Auftritte in ungezählten Werbefilmen führten bald darauf zu Engagements im Fernsehen. Mitte und Ende der Achtziger tauchte Lewis immer öfter in US-Serien wie "Roseanne" "Baywatch", "The Twilight Zone" oder die "Golden Girls" auf - allesamt Quotenrenner im Fernsehen. Doch aus der Leichtigkeit, die den Anfang ihrer Karriere bestimmte, wird im Teenager-Alter zunehmend das Gefühl, etwas Fremdbestimmtes ohne Leidenschaft und Sinn zu tun. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, meine Kindheit komplett in Filmstudios verschwendet zu haben. Auf der einen Seite musste ich für meine Chance dankbar sein, andererseits fühlte ich, dass ich an einem Punkt angelangt war, an dem ich entscheiden musste, ob ich meine Zukunft nicht sinnvoller nutze konnte. Ich habe mich nie als Schauspielerin betrachtet", erklärt die Künstlerin.

Die ersehnte Leidenschaft findet Jenny Lewis schließlich in der Musik. Schon als Kind spielte sie Piano, musikalische Vorbilder lieferte die Mutter - gemeinsam sangen gemeinsam zu Songs von Bonnie Raitt, Patsy Cline und Roy Orbison, die im Radio liefen. "Musik war bei uns im Haus eine feste Konstante. Meine Schwester spielte damals schon in einer schrecklichen Pretenders-Cover-Band."

Die Initialzündung zum eigenen Songwriting kam aber erst mit 16. Ihre Mutter schenkte ihr zum Geburtstag eine Gitarre, auf der Jenny fleißig Stücke der Folksängerin Edie Brickell schrammelte. "Ich dachte, das kann ich auch. Und so schwer war es ja auch nicht." Als weiterer Glücksfall entpuppte sich das Zusammentreffen mit Blake Sennet. Genauso wie Lewis war er ein Kinderstar in TV-Serien, spielte Gitarre und suchte ebenfalls einen anderen Lebensentwurf für die Zukunft. Zusammen gründeten sie 1998 die Band Rilo Kiley, die bisher drei Alben veröffentlicht hat.

"Don's Plum" brachte die Wende

Ganz aufgegeben hatte Lewis das Filmgewerbe zu dieser Zeit noch nicht. Inzwischen sah man sie zwar kaum noch in Werbefilmen, dafür war sie umso öfter im Kino zu bewundern. Auftritte neben der späteren Oscar-Gewinnerin Angelina Jolie in dem Drama "Foxfire" (1996) gehörten genauso zu ihrem Alltag wie das Filmen mit Leonardo DiCaprio und Tobey Maguire. Mit den beiden Superstars spielte Lewis 1995 im Teenager-Drama "Don's Plum". Noch bevor der Film ins Kino kam, verboten die beiden Darsteller - inzwischen aufstrebende Superstars - per Gerichtsbeschluss die öffentliche Aufführung in den USA und Kanada. "Ich kann verstehen, warum sie wollten, dass keiner die beiden so sieht", erklärt Lewis. "Der Film ist übelster Trash über eine Gruppe Kids, die sich jeden Tag in einem Diner trifft, um Befindlichkeiten zu diskutieren. Immerhin ist Tobey Maguire seitdem ein Kumpel. Er kommt manchmal zu unseren Auftritten."

Das missglückte Kinoabenteuer mit den beiden Stars markierte einen Wendepunkt in Jennys Leben. "Die Gründung von Rilo Kiley war eine Befreiung und eine große Reinigung zugleich. Für Blake und mich versteht die Band sich auch als Therapie-Gruppe. Hier verarbeiten wir seit Jahren auf bissige Art unsere Vergangenheit." Inzwischen gilt Rilo Kiley als gefeierte Nachwuchs-Hoffnung im Alternative-Country-Genre. Und weil ihr ein Album in zwei Jahren nicht als Sprachrohr reicht, hat sie gemeinsam mit den befreundeten Musikern The Watson Twins ihr erstes Solo-Album "Rabbit Fur Coat" aufgenommen, auf dem sie mit spröde-melancholischen Balladen zwischen Pop und Country brilliert.

Aber vermisst Sie nicht Hollywoods Glamour und das viele Geld? "Ich mag Glamour schon, nur nicht diesen vordergründigen Glanz", sagt sie. "Ehrlich gesagt, üben die üppigen Gagen im Filmgeschäft schon einen gewissen Reiz aus, sind aber gleichzeitig als 'Schmutzzulage' zu verstehen. Aber nun ist eine neue Zeit mit anderen Koordinaten angebrochen. Und die heißen Selbstbestimmung, Musik und Freiheit."


"Rabbit Fur Coat" von Jenny Lewis & The Watson Twins erscheint am 27. Januar bei Team Love/Rough Trade

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