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09.02.2006
 

Grammy-Verleihung

Weiße Rocker trumpfen auf

Überraschung bei den Grammys: Nicht die hochfavorisierten R&B-Künstler Kanye West und Mariah Carey dominierten die 48. Verleihung der US-Musikpreise, sondern die irische Rockband U2 und die Popsängerin Kelly Clarkson.

Los Angeles - Ist die Dominanz der "black music" bei den wichtigsten Pop-Preisen der USA damit erst einmal gebrochen? Vermutlich nicht, aber einen Dämpfer für die erfolgsverwöhnten Stars der Branche gab es gestern Abend in Los Angeles allemal: Die irische Rockgruppe U2 erhielt den wichtigsten Grammy für ihr Album "How To Dismantle An Atomic Bomb". Die Entscheidung der Grammy-Akademie gilt als Überraschung, denn die meisten Experten hatten im Vorwege die R&B-Diva Mariah Carey als Favoritin für diesen Preis auf der Rechnung, wenn nicht gar den Rapper Kanye West. Die acht Mal nominierte Carey gewann zwar drei Grammys, aber alle in eher zweitrangigen Kategorien. Carey bekam von U2-Sänger Bono aufmunternde Worte mit auf den Weg: "Du singst wie ein Engel."

So ging der Grammy für die beste Popsängerin an Kelly Clarkson, Gewinnerin der ersten Staffel von "American Idol", der US-Variante von "Deutschland sucht den Superstar". Mit "Breakaway" sicherte sich Clarkson auch den Grammy für das beste Popalbum. "Ich danke Jesus, Gott und allen, die mir geholfen haben", sagte sie. Für Carey, die mit ihrem Album "The Emancipation of Mimi" im vergangenen Jahr ein beeindruckendes Comeback in den Charts feierte, ist es schon die zweite Schlappe, nachdem sie kürzlich bei den American Music Awards ebenfalls fast leer ausging.

U2 setzten sich im Rennen um den Top-Preis des Abends außerdem gegen den Ex-Beatle Paul McCartney und die Popsängerin Gwen Stefani durch. Insgesamt räumte die irische Rockband bei den 48. Grammy Awards fünf Preise ab. Damit waren sie auch von der Zahl der Trophäen her die erfolgreichsten Künstler des Abends.

Aber der eigentliche Verlierer des Abends ist Kanye West. Zwar gewann der Rapper ("Gold Digger") drei Grammys in der Rap-Sparte, doch mit acht Nominierungen hatte er auf mehr gehofft. So verlor er in der Kategorie "Aufnahme/Single des Jahres" gegen die Punkrock-Band Green Day ("Boulevard Of Broken Dreams"). West hatte zuvor mehrmals erklärt, in dieser Kategorie könne nur sein Lied siegen und angekündigt, dass es großen Ärger geben würde, wenn er nicht gewinne. Bei der Preisverleihung verhielt er sich allerdings ruhig. Immerhin: Der von West entdeckte John Legend, 27, wurde zum Nachwuchskünstler des Jahres ausgerufen. Aufmunternde Worte gab es auch für ihn von Bono: "Kanye, you're next", rief er ihm zu.

In den vergangenen Jahren haben die Stars der R&B- und HipHop-Szene zunehmend an Wichtigkeit und Präsenz in der amerikanischen Pop-Industrie gewonnen, folglich gewannen sie auch die meisten Grammys: Eminem, Alicia Keys und Beyoncé Knowles zählen zu den dominanten Gewinnern der letzten Zeit. Mit der Entscheidung für die Außenseiter-Kandidaten von U2 setzte die Grammy-Jury ein deutliches Zeichen: Auch die klassische Rock-Sparte soll nicht zu kurz kommen.

In der Kategorie für den besten Rock-Act hatte die deutsche Gruppe Rammstein mit "Mein Teil" das Nachsehen gegenüber Slipknot mit "Before I Forget". Auch die Band Kraftwerk konnte sich beim besten Dance-Album nicht durchsetzen. Der zwei Mal nominierte deutsche Komponist Chris Walden ging ebenfalls leer aus.

Dafür hatten deutsche Künstler in Klassik-Kategorien Erfolg. Mit je einem Grammy ausgezeichnet wurden das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BR) unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons und der Bassbariton Thomas Quasthoff. Er wurde ihm in Anerkennung einer Aufnahme von Bach-Kantaten zuerkannt, bei der ihn Mitglieder des Rias-Kammerchors und der Berliner Barock-Solisten begleiteten. Es ist bereits der dritte Grammy für den Ausnahmekünstler aus Hildesheim. Das BR-Symphonieorchester und der BR-Rundfunkchor setzten sich in der Kategorie "Beste Orchesterdarbietung" durch.

Die Klassik-Preise wurden in der Grammy-Nacht nicht persönlich überreicht, sondern nur auf der Webseite www.grammys.com bekannt gegeben. Die begehrten Trophäen wurden in diesem Jahr in 108 Kategorien vergeben. Ein Lebenswerk-Grammy ging unter anderen an die amerikanische Opernsängerin Jessye Norman, die ihre Karriere 1968 in Berlin begonnen und im Verlauf ihrer Karriere vier Grammys gewonnen hatte.

Live-Auftritt gab es unter anderem von Madonna, die nicht nominiert war, aber zusammen mit den Hologrammen der virtuellen britischen Popband Gorillaz die Grammy-Show in Los Angeles eröffnete. Paul McCartney absolvierte mit dem Rapper Jay-Z und der Rockband Linkin Park eine modernisierte Version seines Klassikers "Yesterday".

Die Überraschung des Abends war ein spektakulärer Auftritt des 61-jährigen Funk-Veteranen Sly Stone, der sich erstmals seit 13 Jahren öffentlich zeigte. In blendend weißer Robe und mit blondem Irokesenschnitt schlenderte er bei einem All-Star-Tribut an die legendäre Formation Sly & The Family Stone auf die Bühne, stellte sich ans Keyboard und sang ein paar Verse seines Hits "I Want To Take You Higher" mit, verließ aber die Bühne, bevor der Song vorüber war. Zu den Teilnehmern des Tribut-Medleys gehörten unter anderem die Aerosmith-Musiker Steven Tyler und Joe Perry, die britische Soul-Sängerin Joss Stone und die Black Eyed Peas.

bor/AFP/reuters

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