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21.04.2006
 

Deutscher Pop

Koalition des Stillstands

Von Andreas Borcholte

Sind Blumfeld cool, weil man ihnen Ironie unterstellt? Sind Silbermond doof, weil sie jung und naiv sind? Beide Bands stehen scheinbar unvereinbar für die Gegenpole deutscher Popmusik und bringen dieser Tage neue Alben heraus. Es gibt mehr Gemeinsamkeiten, als man denkt.

Wir sind Helden, die ersten Stars der neuesten deutschen Welle, haben es im letzten Jahr auf den Punkt gebracht: "Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht wo wir sind", sang Judith Holofernes im Titelsong des zweiten Helden-Albums "Von hier an blind". Der kleine deutsche Pop-Kompaktwagen, vermutlich ein Golf, war am Wegesrand liegen geblieben. Kein Navigationssystem half, dem eifrig propagierten Boom ging im Herbst 2005 nach kurzer Fahrt der Sprit aus.

Popband Blumfeld: Im Vorgarten gemütlich gemacht
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Popband Blumfeld: Im Vorgarten gemütlich gemacht

Blumfeld hatten sich zu jener Zeit gemeinsam mit anderen Vertretern des alten deutschen Diskurspops gegen eine Nationalisierung des heimischen Liedguts ausgesprochen. Munter in Radiosendungen und Hitparaden herumturnende Sprösslinge wie Mia, Juli oder Annett Louisan galten als Vorzeigekünstler eines neuen deutschen Selbstbewusstseins, weil sie handgemachte - vulgo: ehrliche - Musik vorweisen konnten und dem turbokapitalistischen Erfolgsmodell der Castingstars ein Ende bereiteten. Die neuen Helden waren echte Bands und seriöse Talente, bieder und belanglos in ihren Botschaften, aber dafür dauerhaft auf Tournee, also hart arbeitend für das bisschen Ruhm. Ein tatsächlich sehr kuschliges und bodenständiges deutsches Gegenmodell zum ungehemmten globalen Spiel der monetären Kräfte.

Die "Alten", Blumfeld, Tocotronic und Konsorten, reagierten auf diese Attacke des rheinischen Kapitalismus mit einem letzten Aufbäumen linker Systemkritik und veröffentlichten den Sampler "I Can't Relax in Deutschland", auf dem noch einmal alle Urängste vor nationalistischen Tendenzen aufgeboten wurden. Auf der zugehörigen Diskussionsreihe wurde in bester K-Gruppenmanier für ein "universalistisches Popverständnis" plädiert. Auch dies eine insgesamt sehr deutsche Veranstaltung. Aber der Graben zwischen deutschem E- und U-Pop war gezogen. Die alten Systemkritiker wollten mit den jungen Pragmatikern nichts zu tun haben.

Doch wer sich nun eine Art Battle of the Bands erhofft hat, erlebt weitere Stagnation. Dieser Tage veröffentlichen zwei Hauptvertreter der beiden Fraktionen neue Platten, und beide schmoren im Saft der eigenen Nabelschau.

Da wären zunächst Blumfeld, deren Sänger und Songschreiber Jochen Distelmeyer sich seit Jahren immer mehr vom intellektuellen Systemkritiker zum naturverbundenen Bänkelsänger wandelt. Den ersten Stilwechsel vom deklamierenden Schrammelrock zum sanften Pop machten die Fans 1999 noch mit, auch wenn George-Michael-Melodien und hochemotionale Gesänge über Graue Wolken für Argwohn sorgten. Mit der reinen Vermutung jedoch, hinter seichtem Gedöns wie "Die Welt ist schön" verberge sich noch genug verklausulierte Ironie, retteten Blumfeld ihre Glaubwürdigkeit, auch wenn sie längst "Jenseits von Jedem" waren und niemand mehr so recht verstand, was das eigentlich alles bedeuten sollte. Erstmals, Pointe des Popgeschäfts, landete die Band in den Charts.

Popband Silbermond: Festklammern am Moment
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Popband Silbermond: Festklammern am Moment

Mit "Verbotene Früchte", dem sechsten Album der Hamburger Band, wird es nun allerdings schwer, intellektuelle Überbauten herbeizuhören. Wenn Distelmeyer im beschwingten Gassenhauer "Apfelmann" Apfelsorten aufzählt oder über die "Tiere um uns" meditiert, dann ist das zwar wunderschön anzuhören und begeistert allein durch den Willen zur puren Popmelodie - inhaltlich jedoch wagt der Mittdreißiger keinen Schritt mehr aus dem kleinen engen Vorgarten heraus. Die Blumen, die Schmetterlinge, das "Himmelszelt", vielleicht noch ein Fluss und die abstrakte Vorstellung vom "blauen Planeten" - all das reicht ihm zum Glücklichsein. All die anderen "leben wie Schatten, mit ihrer Sehnsucht nach Sinn". Hier hat ein Gewohnheitslinker erkannt, dass er im Grunde seines Herzens Spießer ist, und propagiert die Liebe zur Natur zugleich als Eskapismus und schöngeistigen Luxus, den sich nur der saturierte Bürger leisten kann. "Ich mache mir meinen Reim/ Und singe, was ich seh", trällert nun der, der einst, 1992, wie ein Getriebener von der Unmöglichkeit sang, "Nein" zu sagen, ohne sich umzubringen.

Von der Kinderlied-artigen Banalität solcher Verse wie "Tiere um uns/ Haben natürliche Feinde/ Das was sie bräuchten, wäre ein Freund" ist es nicht weit zur Naivität von Zeilen wie diesen: "In Zeiten wie diesen/ Ist es Zeit, neu anzufangen/ Denn aus Zeiten wie diesen/ Gibt es keinen Notausgang". Letztere stammt aus einem neuen Song der Band Silbermond, die soeben ihr zweites Album "Laut gedacht" veröffentlicht hat. Die Gruppe aus Bautzen in Sachsen wird gerne belächelt, weil sie aus drei Jungs und einer Frontfrau besteht und damit der erfolgreichen Blaupause folgt, die Wir sind Helden mit ihrem überraschenden Erfolg geschaffen haben. Doch Silbermond und Sängerin Stefanie Kloß betonen oft, dass sie sich trotz ihrer Jugend - alle sind Anfang Zwanzig - hochgearbeitet haben und sechs Jahre lang durch die Provinz tingelten, bis der Plattenvertrag winkte.

Seitdem feiert die Band Erfolge mit niedlichem Rotz-Rock ("Machs Dir selbst") und rührenden Balladen ("Symphonie") und ließ sich fast zwei Jahre Zeit, um dem Debüt eine Platte folgen zu lassen. Von Textzeilen wie der oben zitierten (aus dem Song "Zeiten wie diese") soll man sich jedoch nicht täuschen lassen. Ideologisch engagiert sind Silbermond nur so weit, wie es die politische Korrektheit vorschreibt. Gegen Nazis, gegen Krieg, gegen Magersucht und Klingelton-Terror ist der Frustrationsradar des Quartetts geeicht. Der Rest des Albums, untermauert durch die vorab veröffentlichte Ballade "Unendlich", dreht sich hübsch melodisch im Kreis.

Es geht ums Festhalten bei Silbermond, um dem Moment des Glücks, den die Band auf dem Zenit des ersten Erfolges erlebt hat. Allein die Songtitel sprechen Bände: "Das Ende vom Kreis", "Endlich", "So wie jetzt" und "Kartenhaus" zeugen vom Festklammern am Jetzt, der Angst vor Veränderung. Protzige, dem HipHop-Kosmos entnommene Plattitüden wie "Wenn die Anderen am Ende sind, fangen wir erst an" ("Wenn die Anderen") wirken wie hohle Gesten, zumal es im selben Song heißt: "Heute gehen wir aus uns raus/ Wir wissen noch nicht wohin".

Da ist sie also wieder, die Orientierungslosigkeit, die Suche nach dem Weiter. Der eine flüchtet in die Natur, die anderen verharren im Moment wie Häschen im gemütlichen Bau.

Man verstehe das nicht falsch: Silbermond sind eine durch und durch sympathische Band, die mit "Laut gedacht" ein solides und durchaus unterhaltsames Werk vorgelegt haben. Mancher mag unken, dass ihr Erfolg etwas mit der Langeweile zu tun hat, die die vier Musiker verströmen. Fürwahr, wenn deutsche Rockbands heutzutage der neuen Biedermeier-Schule entstammen, dann sind Silbermond die Musterschüler: Musikmachen möchten sie, solange es geht, und davon leben können, erklären sie bodenständig. Dass Rockmusik etwas mit Rebellion, Glamour und Dissidenz zu tun hatte, davon scheint ihnen nie jemand etwas erzählt zu haben. Protestantische Bescheidenheit und Sicherung der Altersvorsorge, das sind die Koordinaten dieses Popsystems, für das Silbermond stehen wie keine andere Band. Mit Blumfeld haben sie nicht nur die Plattenfirma SonyBMG oder die pflichtschuldigst absolvierte Gastmoderation bei der Dudelfunkstation N-Joy gemein, sondern vor allem die kleinbürgerliche Harmlosigkeit ihrer neuesten Produktionen.

So werden Silbermond und Blumfeld - junge und alte Schule - längst nacheinander im Radio gespielt, und keiner stört sich daran. Der Frühling 2006 beschert auch dem deutschen Pop seine Große Koalition.


Blumfeld: "Verbotene Früchte" erscheint am 28. April
Silbermond: "Laut gedacht" erscheint am 21. April, beide bei SonyBMG

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Die neuesten Beiträge:
04.11.2008 von QueFueMejor:

Es ist so einfach, sich nach "guten alten Zeiten" zurückzusehnen. Schlechte Musik gabs zu Zeiten von Lindenberg und Westernhagen auch zuhauf. Nur sind eben diese Altmeister im Gedächtnis geblieben. Ist es deshalb [...] mehr...

04.11.2008 von yiehaa: Es gibt so viele gute kleine Bands....

Ich möchte doch mal auf kapellepetra hinweisen, die intelligent, lustig, versehen mit einer fantastischen Bühnenshow und dabei noch musikalisch sind. Bands dieser Art sollten vielleicht in die CD Rezensionen eingeflochten werden, [...] mehr...

07.02.2008 von DerBunteRohrspatz:

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,533732,00.html Nun der "Sere Blues" wurde natürlich nach seinem Mixat in "Bruessel" dem Teuren Ur-Opa (= "Teuren Urgroßvater") gesungen, wobei aus dem [...] mehr...

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