Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Die Dirty Pretty Things gehen den Weg der Libertines alleine zu Ende, Pearl Jam versuchen sich am Avocado-Stil, Tool trauern virtuos, Trost verbinden Tristesse und Sixties-Swing, und die Mystery Jets üben sich in Größenwahn.
Dirty Pretty Things - "Waterloo To Anywhere"
(Vertigo/Universal, 5. Mai)
Ein Berg bewegt sich nicht: Carl Barat hat still gehalten, Filme geguckt und Songs geschrieben, während der verlorene Freund Pete Doherty die Kerze an beiden Enden anzündete und den Geisterzug nach Albion nahm. Das Debüt der Babyshambles dokumentierte bereits auf unnachahmliche Weise eine Band im Zerfall; Barats
Dirty Pretty Things dagegen klingen manchmal schon wieder wie die Libertines auf "Up The Bracket": Man glaubt, das berühmte "Vertigo"-Riff zu hören oder den Refrain von "The Good Old Days", während das stupende "The Gentry Cove" die Single-B-Seite "Cyclops" zu beerben scheint.
"The Enemy" und "If You Love A Woman" hätten es auf keines der beiden Libertines-Alben geschafft, doch der Rest ist furchtloser, unangestrengt-verspielter und punkinfizierter Pop mit Jangle-Gitarren und Barats Texten, die von Doherty handeln könnten oder doch nur von der Liebe. Wer "Waterloo To Anywhere" hört und sich um das alte Libertines-Gefühl betrogen fühlt, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, denn natürlich fehlt das einmalige Ineinanderfließen, das so selbstverständliche Sich-Umspielen der Stimmen von Pete und Carl. Aber was hat man erwartet? Barat muss den Weg allein zu Ende gehen: "Here's to tomorrow and the lonely streets we'll roam/ But if we don't leave now we'll find ourselves with no way home" ("Wondering"). Von der Camden Road mitten ins Herz. (8) Jan Wigger
Pearl Jam - "Pearl Jam"
(J Records/SonyBMG, bereits erschienen)
Hm, eine Avocado. Ah, verstehe: weiche Schale, harter Kern. Die Frucht auf dem Cover der jüngsten Platte der Seattle-Veteranen Pearl Jam soll also innere Festigkeit symbolisieren. Wie schön, dass die in die Jahre gekommenen Rocker um Gitarrist Stone Gossard und Sänger Eddie Vedder dies auch musikalisch umsetzen, denn auf "Pearl Jam", das erste Studio-Album seit dem missglückten "Riot Act" (2002), führt die Band eindrucksvoll vor, dass sie eben noch nicht zum alten Eisen gehört. Mit dem Opener "Life Wasted" und dem nachfolgenden "World Wide Suicide" präsentieren sich Pearl Jam so ruppig und rockig wie seit Jahren nicht mehr. Gleichzeitig merkt man den Drang, den seit Jahren geflissentlich unterdrückten Hang zum Stadionrock endlich voll zu auszuleben. Vieles, darunter die Hymne "Severed Hand" und die Balladen "Gone" und "Inside Job", verfügt über genug Pathos für zwei bis drei Superbowl-Finalshows. Aber man will nicht lästern: Insgesamt geben sich die letzten überlebenden der Grunge-Ära stilsicher, angriffslustig und pflegen mit zahlreichen Selbstzitaten ihren Stil. Auch wenn Vedder auf den besten Songs der Platte, "Unemployable" und "Army Reserve", schon fast wie ein knödelndes Springsteen-Imitat klingt: Diese Mischung aus Selbstzerquälung und politischem Ungehorsam macht ihm keiner nach.
(6) Andreas Borcholte
Tool - "10.000 Days"
(Zomba/SonyBMG, 5. Mai)
Auf das neue Album der US-Rockband Tool haben viele Anhänger alternativer Klänge lange gewartet. Nichts Neues für die Jünger des geheimnisumwitterten Frontmanns Maynard James Keenan, der sich, wie man hört, in Interviews hartnäckig weigert zu erklären, was ihn zu seinen seltsam verschlüsselten Songtexten treibt. Tool sind von so viel Mystizismus umwabert, dass jedes neue Album wie der Heilige Gral gefeiert wird. Zu "10.000 Days", dem vierten Album in 12 Jahren, sei gesagt: Es ist komplexer als alle vorherigen Veröffentlichungen der Band, aber nicht unbedingt besser. Das liegt beileibe nicht an der Musik, denn ihren ureigenen Sound, das faszinierend präzise Zusammenspiel von ineinander verschachtelten Gitarrenriffs, raffinierten Bassläufen und halsbrecherischen Schlagzeugfiguren haben die vier Musiker inzwischen perfektioniert. Es war auch immer diese technische Brillanz, die einen ehrfürchtig vor Tool in die Knie sinken ließ. Doch auf "10.000 Days" fehlt der Perfektion ein letzter Schliff, um in Magie umzuschlagen. Inhaltlich verarbeitet Keenan diesmal hauptsächlich den Tod seiner Mutter Marie, die nach einer Gehirnblutung fast drei Jahrzehnte lang im Rollstuhl vor sich hin vegetieren musste, bevor sie starb. Letztlich ein gewohnt morbides Thema also für jene Band, die sich stets in die Abgründe der menschlichen Natur hinabwagt. Wenn es Erlösung gibt, dann nur in der Mitte des Albums, beim überraschend zugänglichen Song "The Pot", der von der Flucht in den Drogenrausch handelt - eine Insel in einem zunehmend ungemütlicher werdenden Meer.
(7) Andreas Borcholte
Trost - "Trust Me"
(Four Music/Sony BMG, bereits erschienen)
Annika Line Trost posiert auf ihrem zweiten Solo-Album im hübschen Kleidchen mit einem Schwan. Irritierend sind die Zellenpritsche, auf der sie sitzt - und die verschorfte Narbe auf ihrem Knie. Okay, wir haben verstanden: Hier stimmt etwas nicht. Willkommen in der seltsam schrägen Welt der einen Hälfte des Berliner Duos Cobra Killers. Man kann die dreisprachige Popmusik von Trost Psycho-Pop nennen, denn gleich im ersten Song präsentiert sie mit einem sanft schunkelnden Cowboy-Song die Kehrseite der Romantik: " Cowboy, wo ist dein Pferd? Cowboy, wo ist die Prärie? Cowboy, wo ist dein Traum? Ich sah ihn hängen am höchsten Baum". Das erinnert ein bisschen an die Lakonie von Fink, aber Trost hat mehr zu bieten. Noch resignierter als die Hamburger Kollegen bricht sie jeden Anflug von Optimismus mit distanziert-kühler Stimme. Auf den Höhepunkt treibt sie dieses Spiel im groovenden Beziehungsdrama "In diesem Raum": "Die Treppe ist viel zu hart zum Schlafen", singt sie als zuckersüßes Mantra, um dann wie beiläufig hinzuzufügen: "Ich geh' da nicht rauf". Charmanter wurde einem die Angst vor dem Monster im Schrank selten nahe gebracht. Das Verführerische an "Trust Me": Die Tristesse kommt im beschwingten Sixties-Gewand daher, das schafft Vertrauen. Die perfekte Musik für die ersten Anklänge eines Katers im schalen Partygeruch der frühen Morgenstunden.
(8) Andreas Borcholte
Mystery Jets - "Making Dens"
(Inkubator/Soulfood, bereits erschienen)
Bevor man erste Bilder des vom Londoner Eel Pie Island stammenden Quintetts gesehen hat, noch bevor man also bemerkt hat, dass der ergraute, 55-jährige Gitarrist doch tatsächlich der Vater (!) des Sängers Blaine Harrison ist, stellt man sich vor: Die
Mystery Jets müssten aussehen wie die mittlerweile aufgelöste Band Mansun, die sich vor lauter Prätention irgendwann selbst in die Luft sprengte. Dem ersten Mystery-Jets-Album "Making Dens" gingen vier hervorragende Singles voraus, die schon andeuteten, dass bei den Briten Theatralik und latenter Größenwahn den Ton angeben. Neben todtraurigen Balladen und ambitionierten Popsongs mit überraschender Tendenz zum Prog-Rock fällt der tolle Bassist und der etwas eigentümliche Gesangsstil Harrisons auf. Wie das klingt? Nach überspitzten Kinks, Roxy Music, frühen Supergrass.
(7) Jan Wigger
Bewertung: Von "0" (absolutes Desaster bis "10" (absoluter Klassiker)
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