PeterLicht – "Lieder vom Ende des Kapitalismus"
(Motor Music/Edel, bereits erschienen)
Aber er sagt das alles ohne Zorn und Nachdruck - launige Behauptung statt strammer Agitprop. Im Hintergrund puckern elektronische Geräte aus dem Zeitalter des Hedonismus, alles ist so nett und sauber, so en passant und eintönig frohgemut, als wäre dem Kölner Kauz selbst der Weltuntergang egal. "Das ist das Ende/ Und ab jetzt ist es so wie immer", singt er in "Das ist unsre Zeit", an anderer Stelle mokiert er sich über den zeitgeistigen Drang, immer ganz entspannt zu sein. Keine Frage, hier ist ein begabter Aphoristiker am Werk, der seine ätzende Zeitkritik in Pusteblumen-Pop verpackt. Vielleicht ist "Lieder vom Ende des Kapitalismus" also wirklich so ein Ausnahme-Album, denn an Konkurrenz in der deutschen Poplandschaft mangelt es sehr. Während sich die einen auf die Natur besinnen, die anderen brav ihren Stiefel durchziehen und wieder andere auf softe Befindlichkeitslyrik setzen, erhebt sich mit PeterLicht eine Stimme der Verantwortung. Immerhin hat hier einer erkannt, dass sich die Zeiten geändert haben. Ganz entspannt, versteht sich. Oder besser: Beipflichten Supersagen Okayfinden. (9) Andreas Borcholte
Neil Young – "Living With War"
(Reprise/Warner Brothers, bereits erschienen)
Man wird sich ja wohl noch korrigieren dürfen: Nach dem 11. September ließ der Kanadier Neil Young die patriotischen Muskeln spielen und unterstützte den kriegstreibenden US-Präsidenten mit der Hymne "Let's Roll". Andere Musiker, darunter Steve Earle und die Dixie Chicks, setzten sich derweil mit Anti-Buch-Äußerungen- und -Songs in die Nesseln. Mittlerweile nähert sich das Kriegs-Trauma Vietnam-Ausmaßen und das Bush-Bashing ist zum Mainstream geworden. Fast exakt 36 Jahre nach "Ohio", seiner hymnischen Reaktion auf die Todesschüsse auf dem Campus der Kent State University, geht der 60-jährige Young also kein Risiko ein, wenn er auf seinem neuen Album fordert, Bush aus dem Amt zu jagen. "Let's Impeach the president" fordert Young tatsächlich im gleichnamigen Song, gefolgt von dem Pamphlet "Lookin' for A Leader". Angeblich hat der Grunge-Pate das gesamte Album in wenigen Tagen zusammengehauen, nachdem er im Fernsehen die Särge einiger im Irak gefallener Soldaten gesehen hat - und so klingt es auch: Roh und direkt, oft unfreiwillig peinlich in seinen rhetorisch ungeschminkten Protestliedern. Ebenso unverstellt wird Bob Dylan zitiert ("Flags of Freedom") und am Ende "America the Beautiful" gesungen, samt wimmerndem Chor. Neil Young hat an Bush geglaubt, hat gemerkt, dass er belogen wurde, ist wütend geworden und hat seinen Zorn in zehn Songs kanalisiert, die zum Besten gehören, was er seit Ende der Siebziger veröffentlicht hat. Zugegeben, das ist nicht weiter schwer. Ebenso leicht ist es jedoch, ihm, der einst Reagan unterstützte, dann gegen Bush Senior pöbelte, um dann dessen Sohn zu feiern, Opportunismus vorzuwerfen. Man "Living With War" vielleicht einfach als das nehmen, was es ist: Die sympathisch unkalkuliert herausgerockte Momentaufnahme eines alten, unberechenbaren Grantlers. (6) Andreas Borcholte
Phoenix – "It's Never Been Like That"
(Source/Labels/EMI, 19. Mai)
Man erinnert sich noch dunkel daran, wie Depeche Mode Anfang der neunziger Jahre ankündigten, auf "Songs Of Faith And Devotion" Ernst zu machen mit den Rockgitarren. Sie wurden dadurch zwar nicht gleich zu einer besseren Band, doch das ungehobeltere Gewand schadete dem Album auch nicht und war obendrein songdienlich. Dreizehn Jahre später haben Phoenix keine Lust mehr auf das Geschmackvolle und Luxuriöse, das speziell "Alphabetical" auszeichnete: Wenn bei "Consolation Prizes" oder "Rally" gerade einmal keiner singt und man im richtigen Moment das Zimmer betritt, glaubt man da, wo man früher an Supertramp dachte, nun einen Strokes- Remix zu hören. Die "Brutalität", die Phoenix-Sänger Thomas Mars beim neuen Material ausmacht, ist natürlich keine Pantera-Brutalität, sondern nur eine mittelschwere Modifizierung des bekannten Sounds, und sollte kaum einen Fan unwiederbringlich verschrecken. Nüchtern betrachtet ist kein Track auf "It's Never Been Like That" so gut wie die früheren Phoenix-Höhepunkte "Too Young" oder "Run Run Run", doch spielt man homogener zusammen als bisher. Sind Phoenix nun zu einer gewöhnlicheren Band geworden? Nein, sie klingen jetzt nur noch weniger französisch. (6) Jan Wigger
Grandaddy – "Just Like The Fambly Cat"
(V2/Rough Trade, bereits erschienen)
Es gibt Menschen, und vielleicht darf man sie sogar Zyniker schimpfen, die behaupten: Die amerikanische, unrasierte Indie-Institution Grandaddy hätte sich nach "The Sophtware Slump" besser auflösen sollen. Man kann diese Menschen verstehen, denn etwas Schwereloseres, Rührenderes als "He's Simple, He's Dumb, He's The Pilot" hat Grandaddy-Chef Jason Lytle später nie wieder geschrieben. Doch auch "Sumday" hatte noch tolle Momente, und nun, mit "Just Like The Fambly Cat", nimmt die hochverehrte, letztlich aber relativ erfolglos gebliebene Gruppe Abschied: Keine bittersüßen Elegien mehr, keine lustig-schrottigen Casio-Keyboards, auch nicht mehr der niedergeschlagene Gesang von Lytle, der in "Disconnecty" nicht nur seiner Mutter Lebewohl sagt: "Dearest Mom, your yearling son has sent a message through/ He's disconnected, but he still loves you...". Es bleibt diese letzte LP, die ungefähr so klingt, wie man erwarten konnte, und die Erinnerung an den in "Jed, The Humanoid" besungenen Roboter, der genau wie Grandaddy mit der Zeit immer weniger beachtet wurde, sich schließlich zu Tode trank und einfach auseinander fiel. (7) Jan Wigger
Islands – "Return To The Sea"
(Rough Trade/Sanctuary, 19. Mai)
Bewertung: Von "0" (absolute Katastrophe) bis "10" (absoluter Klassiker)
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