Von Uh-Young Kim
Ende März schoss das außergewöhnliche Soul-Stück "Crazy" alleine durch Downloadverkäufe aus dem Stand auf Platz eins der britischen Charts. Jetzt ist das Debütalbum von Gnarls Barkley, "St. Elsewhere", erschienen, das das utopische Potenzial von Popmusik neu formuliert.
Trotz der Aufregung um den ersten exklusiven Download-Hit gehören Gnarls Barkley nicht zu der Kategorie von Newcomern wie Arctic Monkeys oder gar Grup Tekkan, die erst über Internet-Hypes zu einem Plattenvertrag gekommen sind. Brian Burton alias Danger Mouse aus Athens, Georgia, hatte sich bereits 2004 mit dem "Grey Album" in der Netzgemeinde als kreativer Freigeist empfohlen. Darauf kreuzte der HipHop-Produzent die Raps von Jay-Zs "Black Album" mit Samples aus dem "White Album" der Beatles.
Jüngst wurde er für die "Demon Days"-LP von den Gorillaz für einen Grammy nominiert. Sein Partner, Thomas Calloway alias Cee-Lo Green aus Atlanta, gilt als Gospelpriester der HipHop-Generation. Zuletzt zeichnete der Soulcrooner und MC aus dem Outkast-Umfeld für das Songwriting des Pussycat-Dolls-Hits "Don’t Cha" verantwortlich.
Dennoch verdanken sie die sprunghafte Dynamik ihrer gemeinsamen Erfolgsgeschichte der Schwarmintelligenz von Musikbloggern. Ende 2005 tauchte "Crazy" in ersten Podcasts auf und verbreitete sich von dort wie ein Virus. Als Radio-1-DJ Zane Lowe den zwingenden Refrain für einen Fernsehspot verwendete, näherte sich die Popularität des Songs der kritischen Masse. Anfang März wurden die rechtlichen Weichen für den Durchbruch gestellt: eine Änderung der Chartregel in England ermöglicht es seitdem, die Verkäufe eines nur als Download erhältlichen Songs in die Chartwertung miteinfließen zu lassen, wenn er eine Woche später auch als physischer Tonträger erscheint.
Viele wollten die Veröffentlichung des Silberlings gar nicht erst abwarten: am 27. März verzeichnete "Crazy" über 31.000 Downloads; als die Single-CD am 3. April herauskam, gingen mehr als 100.000 Exemplare über den Ladentisch; seit sieben Wochen besetzt der Song die Spitzenposition der UK-Single-Charts; auch das Album gelangte auf Anhieb auf Platz eins. Die illegale Verbreitung über Filesharing-Netzwerke war also ganz und gar nicht von Nachteil für das Geschäft - wie oft behauptet wird. Schon im Frühjahr 2003 legte der Harvard-Report nahe, dass die Auswirkungen des freien Datenaustauschs empirisch bedeutungslos für den Musikabsatz sind. Filesharing kann den Handel sogar positiv beeinflussen und zum Kauf animieren.
Auch "St. Elsewhere" ist vor Veröffentlichung gratis im Internet zu hören gewesen – diesmal abgesegnet von der Chefetage. Mit später Einsicht hat die Musikindustrie die virtuellen Strategien des einst von ihr Gejagten für sich entdeckt. Doch so richtig greifbar wird Danger Mouse und seine jüngste Inkarnation als Gnarls Barkley nicht. Gemäß der assoziativen Aura des Projekts gestaltet sich das Video zu "Crazy" als halluzinogener Rohrschachtest. Ihre Pressefotos erinnern an "Clockwork Orange", die Collage auf dem Albumcover verweist auf Pop Art und Monty Python.
In Interviews antworten Danger Mouse und Cee-Lo nur vage auf die üblichen Identitätsfragen zu den von ihnen erschaffenen Kunstfiguren. Somit hauchen sie jenem geheimnisvollen Pop-Mythos neues Leben ein, aus dem Legenden gesponnen werden, die sie größer als das Leben machen. Den meisten, zu Promis degenerierten Stars ist diese Qualität vor lauter Authentizitätsgebaren und Ausschlachtung der eigenen Persönlichkeit abhanden gekommen. Unfähig, sich an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen und Risiken einzugehen, wurde so immer mehr serielles Mastfutter für das Radio produziert.
Abseits gängiger R'n'B-Blaupausen sind Gnarls Barkley einzig ihrer künstlerischen Originalität verpflichtet, die sich sowohl aus dem Mississippi-Delta-Blues als auch dem Cartoon Channel speist. Das Album inszenieren sie als filmische Sonic Fiction. So ist am Anfang von "St. Elsewhere" zu hören, wie ein Filmprojektor schnurrt und die Reise an jenen utopischen Ort beginnt, zu dem die Wirtschaftsprüfer der Musikindustrie keinen Zugang haben.
Schon mit seinem bisher erfolgreichsten Projekt – der virtuellen Popband Gorillaz, unter anderem mit Damon Albarn von Blur – hat Danger Mouse herkömmliche Präsentationsmuster überschritten. Die im HipHop kultivierte Technik der Selbsterfindung durch alternative DJ- und MC-Identitäten trifft in den Online-Welten auf einen fruchtbaren Boden, gilt es doch auch dort, souverän mit multiplen Egos zu jonglieren. Sein Pseudonym als Superheldenmaus nutzt Brian Burton als kreativen Freischein, um Mainstreamformate zu überflügeln.
Die meisten Songs auf "St. Elsewhere" verlangen einem in vier Takten mehr Aufmerksamkeit ab, als der gewöhnliche Pop-Act auf Albumlänge. Dramatische Streicherpassagen kollidieren mit kruden Breakbeats, Danger Mouse covert die Violent Femmes, Cee-Lo sinniert über Selbstmord und makabre Vorlieben. Die vielseitigen Einflüsse aus Gospel, Blues, Motown, Funk, Rock und HipHop verdichten sich auf dem Album zu einer Art Psychedelic Soul. Hier treffen größenwahnsinnige Experimente im Geiste Ennio Morricones auf den unbedingten Willen, mithilfe von eingängigen Popmelodien die perfekten drei Minuten Musik zu erschaffen.
Schicht um Schicht entsteht so ein herausforderndes Soundhybrid, in dessen Schatten die gefälligen Berechenbarkeiten aktueller Pop-Acts umso austauschbarer erscheinen. Derweil verselbstständigt sich das Material bereits im Internet: Eine akustische Folk-Version von "Crazy" und Remixe mit Prince-Instrumentals sind bereits aufgetaucht.
Innerhalb dieses überbordenden Reigens erscheint der Nummer-eins-Hit als das Trojanische Pferd, mit dem Gnarls Barkley die Popmusik der Zukunft erobern. Wer hätte gedacht, dass sie so kompromisslos klingt.
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