SPIEGEL ONLINE: Frau Denalane, haben Sie schon einmal eine Nationalhymne gesungen?
Joy Denalane: Ja, einmal, und zwar die deutsche. Das war vor etwa 15 Jahren bei einem Basketballspiel in Berlin, damals habe ich hin und wieder als Sängerin gejobbt. Ich war jung und brauchte das Geld.
SPIEGEL ONLINE: Momentan singt ganz Deutschland Hymnen und hisst Flaggen. Stört Sie das?
Denalane: Nein, bei internationalen Wettbewerben finde ich es völlig legitim, wenn Menschen Farbe bekennen. Die Eröffnungsfeier der WM fand ich sogar erfreulich fortschrittlich: Man sah Schuhplattler in Lederhosen und danach Dancehall von Seeed. Deutschland ist reich an Traditionen, und ich finde es gut, etwas Volkstümliches zu zeigen, wenn man auch die andere Seite akzeptiert. International zeichnet das ein passendes Bild.
SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass ein bisschen mehr Patriotismus diesem Land gut tut?
Denalane: Man sollte seine Nationalität akzeptieren können – das bedeutet aber nicht, dass es uns an Patriotismus fehlt. Ich würde mich nicht als Patriotin bezeichnen, aber ich fühle mich deutsch und lebe gerne hier. Das Problem ist bloß, dass Deutsche oft ihre Herkunft negieren. Das hat natürlich auch mit Vorurteilen im Ausland zu tun. Wenn ich im Ausland sage, dass ich Deutsche bin, höre ich oft: "Ach echt, so jemand wie du kommt aus Deutschland?"
SPIEGEL ONLINE: Welche Erfahrungen machen Sie als schwarze Künstlerin in Deutschland?
SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie?
Denalane: Weil die Politik jahrzehntelang nicht kommuniziert hat, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. So warteten die Deutschen darauf, dass die Gastarbeiter wieder nach Hause gehen. Natürlich sind sie nicht nach Hause gegangen, sondern leben bis heute in Parallelwelten. Wenn Migranten auf der politischen Ebene verleugnet werden, kann man schlecht verlangen, sie auf der gesellschaftlichen Ebene zu akzeptieren. Zwar sollte Integration eine Annäherung von beiden Seiten sein. Aber ein Gastgeber sollte seinen Gästen entgegenkommen, aus welchen Gründen er sie auch eingeladen hat.
SPIEGEL ONLINE: Musiker sind oft ein Vorbild für junge Leute, gerade in armen Gegenden. Glauben Sie, dass Popstars die richtigen Vorbilder für benachteiligte Jugendliche sind?
Denalane: Musik kann auf jeden Fall in Integrationsfragen helfen, darauf hoffe ich auch mit meinen Songs. Ich kann es absolut verstehen, wenn orientierungslose Jugendliche ihre Vorbilder in den lauten Medien suchen, schließlich beherrschen sie unseren Alltag. Ich weiß, dass es Leute gibt, für die ich ein Vorbild bin, und ich freue mich natürlich, wenn sich jemand durch meine Musik verstanden fühlt. Gleichzeitig wehre ich mich aber gegen die Vorbildrolle – ich finde mich selbst gar nicht so toll.
SPIEGEL ONLINE: Wer war das Vorbild Ihrer Kindheit?
Denalane: Ich hatte keine Helden. Ich fand amerikanische Musiker toll, ganz früher Prince und Madonna, später Aretha Franklin und Chaka Khan, Lauryn Hill und Mary J. Blige. Aber ich habe mich nie danach gesehnt, so zu sein wie jemand anderes.
SPIEGEL ONLINE: Und doch klingt Ihr neues Album, als sehnten Sie sich nach amerikanischem Neo-Soul - Sie haben die Platte komplett in den USA produzieren lassen und featuren zwei US-Künstler. Fehlt in Deutschland der Nährboden für Soul?
Denalane: Nein, gar nicht. Diese Platte habe ich zwar in Amerika umgesetzt. Aber die Vorproduktion, die Beats, die Melodien und das Soundkonzept kommen aus Berlin, von meinem Mann Max.
SPIEGEL ONLINE: Und warum singen Sie nicht mehr auf Deutsch?
Denalane: Ich hatte vor zwei Jahren einen Gig in New York und wollte dort zeigen, dass ich nicht nur singen kann, sondern auch etwas zu sagen habe. Deswegen habe ich meine Songs übersetzen lassen. Das haben Max und ich gemeinsam mit dem Amerikaner Sékou Neblett gemacht, dessen Freundeskreis-Texte ich immer sehr gemocht habe. Die Zusammenarbeit war so fruchtbar und hat so viel Spaß gemacht, dass wir sie für das zweite Album einfach fortsetzen mussten.
SPIEGEL ONLINE: Keine Angst, die deutschen Fans zu enttäuschen?
Denalane: Ich hatte tatsächlich zunächst das Gefühl, ich müsse etwas auf Deutsch machen, um meinen Fans zu genügen. Ich wollte aber eine Arbeit, die sich so richtig anfühlte, nicht künstlich abbrechen, um fremden Anforderungen gerecht zu werden. Ich habe sogar versucht, die englischen Texte wieder zurück ins Deutsche zu übersetzen – das aber war eine Katastrophe.
SPIEGEL ONLINE: Warum ging das schief?
Denalane: Die deutsche Sprache braucht mehr Worte, um eine Aussage zu treffen. Wenn man aber einen Song geschrieben hat, dessen Strophen auf Englisch bereits perfekt klingen, dann schafft man es zeitlich nicht, den Inhalt auf Deutsch unterzubekommen. Außerdem hört sich vieles, was auf Englisch wundervoll klingt, im Deutschen unglaublich kitschig an.
SPIEGEL ONLINE: Funktioniert deutschsprachiger Soul doch nicht?
Denalane: Keine Ahnung, ob deutscher Soul ein Problem hat. Das war für mich nie ein Thema, denn meine musikalische Entwicklung führte mich persönlich in eine andere Richtung. Eigentlich habe ich schon immer englische Texte gesungen – bis ich 1999 mit Max die Single "Mit Dir" aufgenommen habe und danach das Album "Mamani". Die neue Platte bedeutet keine Ausnahme oder das Verlassen meines Territoriums, sondern ein Zurückkehren zu mir selbst.
SPIEGEL ONLINE: Also hören wir nun die echte Joy Denalane?
Denalane: Ja, und ich fühle mich viel besser als damals. Das, was ich mit "Mamani" verkörpert habe, stimmte nie überein mit meiner Person. "Mamani"-Fans dachten an eine zarte, introvertierte und feinfühlige junge Frau. Aber ich war nie zart und introvertiert. Man hat mich dann in das Format "Queen of German Soul" gestopft. Das habe ich mir nicht ausgesucht, und jeder hat das Recht, sich zu verändern. Deswegen heißt mein Album "Born and Raised" - weil ich mich musikalisch entwickelt habe. Und ich hoffe, dass ich weiter lernen werde, weil die Musik so groß ist, und die Möglichkeiten unendlich.
Das Interview führte Carola Padtberg
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