Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
The Rifles begeistern nicht nur die englische Nationalmannschaft, Raphaël ist leider nur in Frankreich ein Star, Muse öffnen die Kitschkiste ganz weit, The Sounds probieren es mit Ohrenfolter, und Samba sind immer noch besser als ihr Ruf.
The Rifles – "No Love Lost"
(Right Hook/Red Ink/Rough Trade, 14. Juli)
Letztens in der Zeitung: Die "Mucke" der designierten Weltmeister-Elf. Bernd Schneider hört "Rock" und Bon Jovi, Sebastian Kehl "Charts", Tim Borowski "HipHop und Phil Collins", und auch Torwart-Trainer Andreas Köpke zieht sich längst kein Pavement mehr rein, sondern Phil Collins und... Bon Jovi. Wie immer erheiternd war die Auflistung der favorisierten Interpreten großer Teile der englischen Nationalmannschaft in einer britischen Publikation: Oasis, Boy Kill Boy, Arctic Monkeys und – The Rifles. "No Love Lost" ist ein großartiges Album-Debüt und neben "Whatever People Say I Am, That's What I’m Not" von den Arctic Monkeys die genuin britischste LP der letzten Monate.
Northern Soul-Sentiment und Mod-Attitüde, The Jam, The Smiths, The Cure, Oasis, in Ansätzen auch The Specials und The Libertines: Mehr muss man nicht im Hinterkopf haben bei zupackenden Rifles-Songs wie "Local Boy", "Peace And Quiet" oder dem herrlichen "Repeated Offender", die man mit Fug und Recht als Hymnen bezeichnen könnte, wäre der Begriff nicht so abgenutzt. Dazu gibt es präzise beobachtete und klug formulierte Episoden aus dem beschädigten Leben junger Londoner Nachtschwärmer. Vorm Abstürzen die Buttons am Pete Doherty-Hütchen nochmal festzurren! (8) Jan Wigger
Raphaël – "Caravane"
(Capitol/EMI, bereits erschienen)
Wie wenig wir gemeinhin von unserem größten Nachbarland mitbekommen, zeigt mal wieder die Musik. Raphaëls zweites Album "Caravane" war in Frankreich mit 950.000 verkauften Exemplaren der Bestseller des vergangenen Jahres. Der junge Sänger sahnte Preise ohne Ende ab und wird in seiner Heimat als Superstar gefeiert. Und hier? Erscheint das Album Monate später ohne großen Werbeaufwand für ein frankophones Publikum, das seine Nische auch trotz Daft Punk, Air und Neo-Chanson nicht verlassen durfte. Na klar, die Sprachbarriere. Dabei ist das, was Raphaël Haroche hier vorlegt, nichts anderes als ein Pop-Album mit vielen dezenten Anklängen an David Bowie, Neil Young und Bob Dylan, das internationalen Standards entspricht. Klassischer Chanson spielt auf "Caravane" mit seinem betörenden Titelsong eher eine kleine Rolle ("Et dans 150 ans"), dafür gibt es verblüffenden Pop ("Ne partons pas fachés"), eine anrührende Ballade für den verstorbenen Schauspieler Patrick Dewaere und sogar Politisches ("Schengen", La ballade du pauvre"). Der 30-jährige Raphaël ist kein Stilgott wie Benjamin Biolay, er schlägt, auch stimmlich, eher nach dem handfesten Stephan Eicher, jenem Schweizer, der in Frankreich berühmt wurde. Nutzen Sie also die kosmopolitische WM-Stimmung! Wenn Sie am Mittwoch beim Halbfinale für Frankreich jubeln, können Sie es ruhig auch mal mit Raphaël versuchen.
(7) Andreas Borcholte
Muse – "Black Holes & Revelations"
(A&E Records/Warner, bereits erschienen)
Jetzt wird wieder gelitten. Matthew Bellamy und Muse haben sich zwei Jahre Pause gegönnt, bevor sie ihr viertes Album in Angriff nahmen. Das Ergebnis dürfte Fans der britischen Band begeistern, denn es klingt im Prinzip genauso wie seine drei Vorgänger. Muse, einst zu Recht als Radiohead-Epigonen mit Hang zu übermäßigem Bombast gescholten, haben ein Faible für große Gesten, wozu der theatralische, heulende Gesang Bellamys perfekt passt. Für "Black Holes & Revelations", schon der Titel strotzt vor Opulenz, hat das Trio die Kitschkiste noch mal ganz weit geöffnet und zitiert die opernhaften Choräle von Queen an mehr als einer Stelle, am deutlichsten im Opener "Take A Bow", der mit seiner allmählich wachsenden Opulenz den Ton für die gesamte Platte setzt. Mit Rock hat das alles nicht mehr viel zu tun, für Rockoper ist es aber nicht gut genug. Allerdings präsentieren sich Muse hier musikalisch beeindruckend ausgereift und selbstsicher: Jeder Basslauf sitzt, die Brian-May-Gitarren jaulen selten, aber akzentuiert, jeder Song behält die Spannung bis zum Schluss. In den Texten geht es etwas bemüht engagiert um korrupte Führer und Kriege, die unausweichlich sind. Das hat schöne Momente ("Soldier’s Poem, "Assassin", "Supermassive Black Hole"), driftet zum Schluss aber mit dem Spaghetti-Western "Knights of Cydonia" in vollkommen absurde Gefilde ab. Wie gesagt: Der Sound ist derselbe, nur präziser, ausgefeilter, noch unverhohlener pompös. Wer Muse immer schon liebte, wird sie nun vergöttern, wer Muse hasst, wird sie jetzt erst recht zum Teufel wünschen.
(4) Andreas Borcholte
The Sounds – "Dying To Say This To You"
(Inkubator/Soulfood, bereits erschienen)
Gegen das durchaus malerische Cover mit den beiden dunkelhaarigen Party-Hühnern hatten bislang noch die wenigsten (männlichen) Rezensenten etwas einzuwenden, doch um dies mal hinterherzuschicken: Der Inhalt oszilliert erbarmungslos zwischen völliger Belanglosigkeit und versuchter Ohren-und Hirnfolter. Hier reimt sich noch "sorrow" auf "tomorrow", hier gibt es das preisgünstigste Synthie-Geblubber, die abgeschmacktesten Gitarren-Riffs, den schlechtesten Song des Jahres 2006 ("Hurt You"), tendenziell eher unglückliche Rap- und Balladen-Versuche und wirklich unterirdische Texte, die man allen Ernstes im Booklet abgedruckt hat: "You're feeling shitty, I don’t feel no pity/ Without me you’re nothing at all/ Yeah!". The Sounds aus dem schwedischen Helsingborg, wie regelmäßig geschehen, mit Blondie zu vergleichen, ist ein Vergehen. Aber sicher gibt es bald wieder eine Snowboard-WM oder "Rock Am Ring" und vielleicht ist da noch ein Plätzchen frei für The Sounds: Auf der Main Stage um 12.30 Uhr, gleich vor Die Happy oder Krezip, zum "Anheizen". Muss es auch geben? Muss es nicht.
(3) Jan Wigger
Samba – Himmel für alle"
(Tapete Records/Indigo, 14 Juli)
Wir weisen immer wieder unermüdlich und gern darauf hin, dass Samba vor vielen Jahren mit "Zuckerkick", vor allem aber mit "T.B.A" zwei der besten deutschsprachigen Alben der Neunziger veröffentlichten. Diese erschienen allerdings bei der sogenannten "Industrie", bei der Sony gar, weshalb der gemeine Tocotronic-Scheitelträger die Band Samba absichtlich ignorierte und verachtete. Damit waren Samba kommerziell erledigt, machten aber weiter schöne Platten bei kleinen Labels: "Himmel für alle" erscheint wieder bei der Hamburger Plattenfirma Tapete Records. Zum scheuen, phantasiereichen und lakonischen Pop der Münsteraner schreibt Knut Stenert noch immer Texte, die alkoholisierte Bewunderer von "’54,’74,’90, 2006" als pseudointellektuell und natürlich verkopft bezeichnen würden: "Zwei Hände ein Verstand/ Bleiben immer wahr/ Wir können wohl zu Boden gehen/ Doch kommen immer klar/ Zwei Hände eine Stirn/ Setzen sich durch und frieren/ Erst wenn sie gewonnen ist/ Können wir sie gut verlieren. ("Wenn wir zusammen sind"). Robert Gernhardt hätte das gefallen.
(6) Jan Wigger
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