Aus Guca berichtet Jenny Hoch
Wer das Ortsschild einmal passiert hat, dreht nicht mehr um. Der Sog der Musik wird sofort spürbar, sie fährt von den Fußsohlen bis in die Haarspitzen und pumpt das Blut im unregelmäßigen Neunachtel-Takt in Richtung Herz. Mal klingt dieser Sound wie blechern stotternde Dieselmotoren, dann rollen die Töne glatt und rund aus den Trompetentrichtern. Doch immer schwingt diese spezielle Mischung aus Traurigkeit und Fröhlichkeit mit, die so nur auf dem Balkan zu finden ist. Eine Musik, die bitter und süß zugleich ist, so, als wolle sie das Leben selbst abbilden. Das ist der Sound von Guca.
Ungefähr 360 Tage im Jahr besteht das Leben in der 3500-Seelen-Gemeinde in der zentralserbischen Region Dragacevo aus Warten: auf die Himbeerernte, auf bessere Zeiten und - vor allem - auf die Musik. Denn in der dünnbesiedelten Gegend, die wegen der guten Luft und der fruchtbaren Hügellandschaft auch "kleine Schweiz" genannt wird, übernimmt jedes Jahr im Sommer das Chaos das Regiment. Für ein paar Tage werden in dieser Idylle alle Gesetze des geregelten Zusammenlebens außer Kraft gesetzt, und das Dorf verwandelt sich in ein Woodstock des Ostens.
Seit 46 Jahren findet hier das wohl größte und vor allem schrägste Balkan-Musikfestival der Welt statt, das längst nicht mehr nur Einheimische anzieht, sondern auch immer mehr ausländische Touristen. Hauptattraktion sind die besten Blechblasorchester des Landes, die hier um die "Goldene Trompete" konkurrieren. Die meisten von ihnen sind Roma-Orchester, Zigeunermusiker. Geld gibt es zwar nicht zu gewinnen, dafür verspricht die Auszeichnung, die von einer Jury aus Musik-Ethnologen und anderen Experten vergeben wird, Ruhm und Ehre. Das wiederum bringt lukrative Aufträge: Engagements auf Hochzeiten, Beerdigungen und Richtfesten, bisweilen auch Konzerte in Westeuropa.
Eine unberechenbar große Zahl an Besuchern - im Fernsehen spricht man in diesem Jahr von 400.000 – will dann vor allem drei Dinge tun: Musik hören, trinken, essen. Und von all dem lieber zu viel als zu wenig. Auf den Wiesen in der Umgebung stehen kreuz und quer Autos mit Nummernschildern aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Tschechien und aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawien. Wer in den wenigen Stunden, in denen die Trompeten schweigen, zur Ruhe kommen will, mietet sich privat ein Zimmer oder lässt sich einfach da nieder, wo er zuletzt gefeiert hat. Zelten ist überall erlaubt – auch auf dem Friedhof.
Vom Patriotismus-Zwang befreit
Menschentrauben versammeln sich Tag und Nacht um die bronzene Statue eines Trompeters, dem Wahrzeichen des Ortes. Friseursalons und Bäckereien verkaufen Bier und selbstgebrannten Schnaps, Bierzelte okkupieren jede freie Fläche und Verkaufsstände säumen die Straßen, bei denen es neben BHs und Socken im Dreierpack auch Schmuck, Tischdecken, Plastiktrompeten und CDs zu kaufen gibt. Und wie festgezurrt hängt über der chaotischen Szenerie eine riesige Spanferkelgrillwolke.
Wer wissen will, wie sich die Trompetenfeier vom kleinen Lokalfest zur globalen Touristenattraktion entwickelt hat, fragt dessen Mitbegründer Nikola Stojic. Der ehemalige Lehrer gründete das Festival 1961 mit ein paar befreundeten Intellektuellen. Seitdem hat es jedes Jahr stattgefunden, ohne Unterbrechung. Zu Titos Zeiten hat es Ideologie-Kommissionen und Patriotismus-Zwang überlebt, und selbst während der Bombardierung Serbiens durch die Nato Ende der neunziger Jahre haben die Musiker nicht aufgehört zu spielen. Laut Stojic war das Festival schon immer unpolitisch. "Natürlich versuchen Nationalisten immer wieder, Guca für sich zu vereinnahmen", sagt der alte Mann, der da wohnt, wo der Lärmpegel am größten ist. "Aber wir lassen uns das nicht wegnehmen."
Tatsächlich sind die Veranstalter in diesem Jahr rigoroser als sonst gegen die Zurschaustellung nationalistischer Symbole vorgegangen. Wohl auch, weil die Regierung das Festival jetzt zum nationalen Prestigeobjekt erklärt hat, gibt es, anders als früher, keine T-Shirts mit den Köpfen von mutmaßlichen Kriegsverbrechern wie Ratko Mladic mehr zu kaufen. Überhaupt hat sich einiges geändert: Erstmals existiert so etwas wie eine Vermarktung des Festivals. Investoren haben sich in dem Ort eingekauft und neue Restaurants aufgemacht; die Bühnen wurden technisch auf den neuesten Stand gebracht.
Kampf um den Oscar der Blasmusik
Dennoch läuft das Festival nicht Gefahr, seinen anarchischen Charme einzubüßen und zu einem glatten Lifestyle-Event zu werden. Die Hauptrolle spielt immer noch die Musik, und die ist nun mal nicht zu bändigen.
An Nachwuchs fehlt es nicht: Erst im vergangenen Jahr hat überraschend der junge Trompeter Dejan Lazarevic die goldene Trompete, diesen Oscar der Brass-Musik, gewonnen und damit die etablierten Stars der Szene ausgestochen. Ehrensache, dass der 21-Jährige aus Pozega, einer nur 30 Kilometer entfernten Kleinstadt, auch diesmal dabei ist: "Guca ist für mich der Höhepunkt des Jahres."
Zur Generalprobe vor dem großen Auftritt versammelt sich das Orchester im Garten seines Hauses, das er mit seinen Eltern bewohnt. Seine Mutter ist nicht da, also bringt eine Nachbarin den Männern Kaffee - an den Herd stellt sich ein Mann hier nicht. "Wir werden etwas spielen, das in Guca noch nie jemand gehört hat", sagt Dejan, der das Orchester vor zwei Jahren von seinem Vater Branko geerbt hat. Noten lesen können beide nicht, so wie die meisten ihrer Kollegen spielen sie nach Gehör. Bevor es losgeht, zieht Dejan noch schnell eine Zigarette aus dem kleinen Lederhandtäschchen, das an seinem Handgelenk baumelt. "Entspannung für die Lippen", sagt er grinsend, denn die seien eigentlich immer wundgespielt. Tatsächlich hat das Mundstück seiner Trompete einen dunklen Abdruck in Form eines Halbmondes oberhalb seiner Oberlippe hinterlassen. Das gehört zum Beruf, so einem Trompetenstempel tragen hier viele.
Im Gegensatz zu den vielen nicht offiziell zugelassenen Kapellen, die auf der Suche nach zahlungswilligem Publikum durch die Bierzelte streifen, gehört das Dejan-Lazarevic-Orchester zu den privilegierten Brassbands. Sie sind schon oft im Ausland aufgetreten, einmal sogar in Rom bei einer märchenhaften Privatparty der millionenschweren Fendi-Schwestern, die neben teuren Handtaschen offenbar auch ein Faible für die rasenden Rhythmen des Balkan haben.
20.000 Zuschauer im kollektiven Tanzrausch
Die Musik überflutet die Straßen. In den Zelten spielen oft bis zu vier Orchester auf wenigen Quadratmetern gegeneinander an und erzeugen einen furiosen Klangwirbelsturm. Dann ziehen sie weiter und lassen sich von begeisterten Zuhörern Geldscheine auf die verschwitzte Stirn kleben.
Einer der unbestrittenen Höhepunkte ist das Mitternachtskonzert im neu gebauten Fußballstadion. Dort blasen 20 Orchester 20.000 Zuschauer in einen kollektiven Tanzrausch. Deutsche Touristinnen lassen die Hüften kreisen und schütteln die Schultern, so wie sie es bei den Zigeunerinnen gesehen haben. Tätowierte Globetrotter fassen sich an den Händen und tanzen mit einheimischen Rentnern Kolo, den traditionellen Reigen. Ein japanisches Filmteam drängelt sich durch die erhitzte Masse und filmt zwei junge Männer mit nacktem Oberkörper, denen Tränen der Begeisterung über die unrasierten Wangen laufen. Je enthemmter sich die Menge den Trompeten, Tuben, Tenorhörnern und Trommeln ausliefert, desto rasender werden deren Melodiefolgen.
Im Morgengrauen ist es längst nicht vorbei: In einem Zelt trompetet sich eine Hand voll Skandinavier die Seele aus dem Leib. In der Mitte des Grüppchens steht ein kleiner untersetzter Mann, dessen schwarze Haare sich im Nacken wellen, und dirigiert. Slobodan Salijevic, einer der besten Trompeter des Balkans und bekannt aus Filmen von Emir Kusturica, führt seine Schüler aus dem Norden in einer spontanen Session in die Geheimnisse des Gipsy-Sounds ein. Er zeigt ihnen, wie man die Finger in atemberaubender Geschwindigkeit über die Ventile tänzeln lässt und dabei diesen wilden Tanz aus Tönen entfacht, der so tief unter die Haut geht. Von dieser Kunst war auch Miles Davis fasziniert. Bei einem Besuch in Guca soll die Jazz-Ikone gesagt haben: "Ich wusste gar nicht, dass man so Trompete spielen kann."
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