Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
The Lemonheads schwingen sich zu alter Form auf, Fotos mischen die Hamburger Rockszene auf, Pendikel haben nichts gegen das Etikett "Prog", Jet leiden unter ihrem Debüt, und The Killers scheitern grandios - bei Abgehört, zum Lesen und Reinhören.
The Lemonheads – "The Lemonheads"
(Vagrant/Universal, 29. September)
Drei Dinge, die man mit Sehnsucht verbindet: Die ständig wiederkehrende, traumhafte Erkennungsmelodie aus Jacques Demys Filmmusical "Die Regenschirme von Cherbourg", das wissende, lebhafte Gesicht des Schauspielers Tony Leung und die Stimme des einzigen festen Lemonheads-Mitglieds Evan Dando. Eine Stimme, die gleichzeitig unbeteiligt und glühend leidenschaftlich klingen kann, die trotz ungezählter Drogenexzesse noch genauso warm und gemütvoll vom Kaff "Poughkeepsie" oder der Großstadt "Pittsburgh" singt - und genauso alterslos erscheint wie Evan Dando selbst, über 20 Jahre nach der Gründung der Lemonheads in Boston, Massachusetts.
Wer in "No Backbone" (in dem die berühmte jaulende Gitarre des schweigsamen J. Mascis ertönt), "Let's Just Laugh" oder "In Passing" unspektakulären, gefälligen oder gar obsoleten Gitarrenpop zu hören glaubt, kann nicht mit Evan Dando aufgewachsen sein, mit all dem süßen Schmerz und dem Hauch von Kühnheit, mit unsterblichen Liedern wie "Confetti", "Hospital", "Down About It" oder "Half The Time". Es kommt völlig unerwartet, aber es ist wahr: Die selbstbetitelte Platte mit dem grellen Oldschool-Cover ist das beste Lemonheads-Album seit "It's A Shame About Ray". (9) Jan Wigger
Fotos - "Fotos"
(Labels/EMI, 29. September)
Aus Hamburg zu stammen und Gitarrenrock zu machen, das bringt eine schwere Hypothek mit sich. Da dräuen immer gleich die Granden jüngeren und älteren Datums mit: Tocotronic, Blumfeld, Tomte, Kettcar. Fotos, bei denen eigentlich nur Sänger Tom Hessler, 22, aus der Hansestadt kommt, können diesem Druck eine ordentliche Bugwelle entgegen setzen, denn über die Band wurde schon lobend geredet, als es noch gar nichts zu hören gab. Jetzt ist das Debüt-Album fertig und ruft bereits die programmatischen Jubelchöre hervor, als gäbe es wirklich noch etwas, auf das die ganze Welt gewartet hätte. Tatsächlich bieten Fotos musikalisch kaum eine eigene Note. In nahezu jedem Stück klingen die Vorbilder allzu deutlich durch: von Gang of Four bis Franz Ferdinand, Bloc Party, Strokes und Maximo Park. Aber wahrscheinlich muss man sich an den Veteranen Sting halten, der neulich in einem Interview sagte, Rock sei ohnehin tot und würde sich nurmehr selbst repetieren. Verinnerlicht man diese gewagte These, kann man sich den Fotos viel entspannter nähern und sich letztlich freuen: Über die schiere Energie von "Komm zurück" und "Wiederhole Deinen Rhythmus", über die Angst, das soziale Unbehagen und die allgegenwärtige Beklemmung, die Songs wie "Es reißt uns auseinander", "Ich bin für Dich da" oder "Du löst Dich auf" reflektieren. Und über eine Band, die sich selbstbewusst von den jungen und alten Granden absetzt. Alles in allem kann man mit "Fotos" also eigentlich ganz glücklich sein.
(6) Andreas Borcholte
Pendikel – "Don't Cry, Mondgesicht"
(Blunoise/Alive, bereits erschienen)
Unentwegtes Jammern darüber, dass einer Band, die man mittlerweile fast schon als "altgedient" bezeichnen könnte, endlich einmal die Aufmerksamkeit zukommen möge, die sie eigentlich schon seit Jahr und Tag verdient hat, ist zwar einerseits besonders schlapp, hat aber andererseits so mancher kleinen Karriere schon deutlich weitergeholfen. Also gut: "Don't Cry, Mondgesicht" ist nun schon das vierte sehr gute Album der Osnabrücker Rockgruppe Pendikel, die im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern nichts dagegen einzuwenden hat, wenn man die zärtlichen und opernhaften Elemente, die in ihrem Gitarrenlärm immer mal wieder auftauchen, als "Prog" bezeichnet. So scheint sich der überwältigende erste Song "Dead City" vor King Crimsons Jahrhundertstück "In The Court Of The Crimson King" zu verneigen, wobei Sänger Carsten Sandkämper stimmlich eher als Wiedergänger des frühen Peter Gabriel auftritt. "Falsche Freunde" dagegen hätte ganz gut auf die "Nook"-LP von The Notwist gepasst und hat ein paar der am schönsten gesungenen Textzeilen, die man aus der deutschen Sprache formen kann: "Du gibst dir echte Mühe/ lachst über ihre Witze/ Dafür schenkten sie dir schon mal eine gebrauchte Mütze/ Darauf steht 'NY Hardcore'/ Damit kommst du dir stark vor/ Dabei geht es nur um Musik."
(7) Jan Wigger
Jet – "Shine On"
(Atlantic/Warner, 29. September)
Gäbe es ein internationales Komitee für die Wahl des in Rock-Diskotheken offiziell am erbarmungs- und rücksichtslosesten totgedudelten Indie-Hits, würden Jet noch vor "Song 2" von Blur und "Seven Nation Army" von The White Stripes den ersten Platz belegen - und zwar mit "Are You Gonna Be My Girl". Der Fluch des einen, alles überstrahlenden Hits verdeckte ein bisschen die Tatsache, dass "Get Born" ein absolut passables Debüt mit hübsch psychedelischen Balladen ("Look What You've Done", "Move On") und rechtschaffen "amtlichen" AC/DC/Stones/Stooges-Rocksongs wie "Rollover D.J." und "Cold Hard Bitch" war. Man kann es nun als Vorwurf oder als Zeichen von tröstender Beständigkeit bewerten, dass auf "Shine On" nur marginale Veränderungen zu verzeichnen sind: "All You Have To Do" ist die Beatles-Reminiszenz, "Shine On" die Oasis-Hommage und "Rip It Up" heiserer Schwanz-Rock, wie er vermutlich Mitgliedern der sogenannten "Turbojugend" gefallen würde.
(6) Jan Wigger
The Killers – "Sam’s Town"
(Island/Universal, 29. September)
Scheinbar ohne Außeneinwirkung hat sich Killers-Sänger Brandon Flowers in nur zwei Jahren zwanglos um Kopf und Kragen geredet, andere Bands beleidigt, gleichzeitig unbedingte Gerechtigkeit für die eigene Band eingefordert und erst kürzlich seinen Mangel an Abstraktionsvermögen unter Beweis gestellt: Für Flowers sind Musikjournalisten schlicht "Arschlöcher". Die alte Leier: Flowers will eigentlich nur geliebt werden, ist privat ein umgänglicher, ja herzlicher Mensch, hat alles nicht so gemeint, trägt jetzt ja sogar Schnauzbart. Die Person Brandon Flowers darf bei der Einordnung der Killers aus Las Vegas auch nicht interessieren: Das überbewertete "Hot Fuss" war zur Hälfte toll, zur Hälfte egal und nach hinten raus katastrophal. Die zweite LP "Sam's Town" dagegen funktioniert wie ein verheerender Unfall: Weghören ist unmöglich. Zu bestürzend, zu unglaublich sind die Männerchöre, die übereinander getürmten, feist hallenden Schichten von Pomp und Schwulst, das komische Pathos. Ist es unbotmäßig zu sagen, dass uns zwei, drei Stücke auf "Sam's Town" nicht nur an Meat Loaf, sondern strukturell sogar an die Anfänge deutscher Metal-Größen wie Helloween und Gamma Ray erinnern? Nicht falsch verstehen: Gerade als Zeugnis grandiosen Scheiterns ist "Sam's Town" in Teilen gut hörbar, voller Zitate, sogar recht amüsant. Doch allein die Tatsache, dass die Single "When You Were Young" kompositorisch so stark heraussticht, sagt schon einiges.
(5) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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