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21.11.2006
 

Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Roger Joseph Manning Jr. bleibt ein großer Unbekannter, All Saints feiern ein entspanntes Comeback, The Magic Numbers machen Bärtige glücklich, Yourcodenameis: Milo experimentiert mit Kollaborationen, und Take That liefern ein Trauerspiel - bei Abgehört zum Lesen und Hören.

Roger Joseph Manning Jr. – "The Land Of Pure Imagination"
(Warner)

Roger Joseph Manning Jr.? Kennen wir nicht, wollen wir nicht, wird wahrscheinlich wieder irgendein Songwriter oder gar "Indie" sein. Dabei genügt zur näheren Erläuterung von "The Land Of Pure Imagination" genau ein Wort: Jellyfish. Seit vielen Jahren kann man "Bellybutton" und "Spilt Milk", die zwei Meisterwerke dieser wundervollen und brillanten kalifornischen Band, die sich längst aufgelöst hat, zum sogenannten Midprice oder gar auf Wühltischen im örtlichen Media Markt erwerben. Gemeinsam mit Bruder Chris Manning, Andy Sturmer und Jason Falkner spielte und sang Manning Jr. einst bei Jellyfish und mischt auf "The Land Of Pure Imagination" in einzigartiger Weise all das zusammen, was sein Leben seit Kindheitstagen erhellt: Beatles, Beach Boys, Electric Light Orchestra, Squeeze, Queen, Supertramp, Roxy Music und einer beträchtlichen Menge Prog-Rock.

Man möchte weinen, wenn man "Too Late For Us Now" oder das abschließende, umwerfende "Appleby" hört und dabei immer im Hinterkopf hat, dass diese anrührende Musik schnöde "Power-Pop" genannt wird und, zumal in Deutschland, keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt. Mit Verlaub: Wenn dieses Album jemals Ben Folds erreichen sollte, wird er mehrere komplizierte Luftsprünge vollführen. (8) Jan Wigger

All Saints - "Studio 1"
(Parlophone/EMI)

Amazon-Kunden, die "Studio 1" von den All Saints bestellt haben, kauften auch die neuen Platten von Beyoncé, Fergie und Christina Aguilera, und bestellten das neue Gwen-Stefani-Album vor. Die nach fünf Jahren wiedervereinte Girlgroup ist also in bester Gesellschaft. Oder etwa nicht? Na ja, man hatte immer etwas mehr von den All Saints erwartet als braven, charttauglichen Pop. Damals, 1997, waren Shaznay Lewis, Melanie Blatt und die beiden Appleton-Schwestern Nicole und Natalie als coolere, street-smarte Spice-Girls-Negative angetreten. Die freche Single "Never Ever" wurde seinerzeit sogar von "Rolling Stone"-Chefkritiker Wolfgang Doebeling zu den besten Stücken des Jahres gezählt. Alle Achtung! Dank privater Verbändelung zwischen Oasis-Sänger Liam Gallagher und Nicole Appleton gab es sogar eine assoziierte Nähe zum Britpop-Hype. Und dann löste sich diese coole Mädchenband nach einem hervorragenden zweiten Album einfach auf. Heute sind die vier alle Mitte Dreißig und Mütter, weshalb man auf die Ankündigung des Comebacks eher skeptisch reagierte: Haben die All Saints heute noch mehr zu bieten als kecke Newcomer wie Lily Allen? Die Antwort lautet: Durchaus! "Studio 1", benannt nach dem legendären jamaikanischen Tonstudio, vibriert und pulsiert im schicken urbanen Reggae-Sound, puckert manchmal tanzbodentauglich wie in "Chick Fit" oder rockt das Haus wie "Headlock". Allein die Single "Rock Steady", in eben jenem swingenden Uptempo gehalten, macht den zeitgemäßen Anspruch der Saints unmissverständlich klar. Ein Meisterstück ist "Studio 1" nicht geworden, und Überraschungen gibt es auch wenige, dafür verströmt das Album eine angenehme Alters-Gelassenheit. Wieder mal hat man etwas mehr erwartet, aber was soll's? Welcome back, girls. (6) Andreas Borcholte

The Magic Numbers – "Those The Brokes"
(Heavenly/EMI)

Gesetzt den ziemlich wahrscheinlichen Fall, die netten Außerirdischen mit den Udo-Lindenberg-Stimmen aus Helge Schneiders Film "Jazzclub" würden wieder mal auf der Erde landen: Würden wir sie nicht auf der Stelle mit der liebenswürdigen, höchst sympathischen und hoffnungslos nostalgischen britischen Band The Magic Numbers einlullen wollen? Zum selbstbetitelten Debüt der Magic Numbers konnte man vor anderthalb Jahren mit dem Kopf nicken, mit den Fingern schnippen, ungeschickt in die Hände klatschen oder sich komische Hippie-Bärte ankleben. "Those The Brokes" enthält nun mehr vom selben verschmitzten, liebreizenden Sixties-Pop und mehr delikate Boy/Girl-Chorgesänge, aber auch ein ähnliches Problem wie "The Magic Numbers": Vom tollen "Runnin’ Out" abgesehen schläft die Platte im hinteren Drittel einfach ein. (6) Jan Wigger

YOURCODENAMEIS:Milo – "Print Is Dead Vol.1"
(V2/Rough Trade)

Ein ganzes Album voller Kollaborationen ist grundsätzlich keine schlechte Sache. Aber wären wir damals, als wir betont gelangweilt vor dem örtlichen Jugendzentrum rumhingen, böse guckten und den "Judgement Night"-Soundtrack hörten, überhaupt schon schlau genug für "Print Is Dead Vol.1" gewesen? Yourcodenameis:Milo aus Newcastle fragten sogar bei Brian May und Brian Wilson an und bekamen am Ende immerhin Mitglieder von Bloc Party, Maximo Park oder den Futureheads. Originell und ungewöhnlich sind die Beiträge von Get Cape. Wear Cape. Fly, den kommenden Indie-Darlings Hot Club de Paris und Field Music. Nur unter Schmerzen erträglich: Das grausame "Captain Of Lies" mit Reuben (eine Art Brüllfrosch nach Kehlkopf-OP) und "The Trapeze Artists" mit The Automatic. Wie sagt man? Zwiespältig. (5) Jan Wigger

Take That – "Beautiful World"
(Polydor/Universal)

Weil Joachim Lottmanns erstaunliche Tokio-Hotel-Lobhuldigung im SPIEGEL ulkigerweise nicht nur bei Stefan Raab, sondern auch von zurechnungsfähigen Menschen ernst genommen wurde, werden wir an dieser Stelle auf keinen Fall schreiben, dass "Beautiful World" das größte Album seit "Abbey Road" ist. Vielmehr kann man sagen, dass die letzten beiden Robbie-Williams-Platten so miserabel sind, dass er auch gleich wieder bei Take That hätte einsteigen können, ohne Schaden zu nehmen. Aber stimmt das wirklich? "Beautiful World", sogenanntes Comeback-Album von Take That, ist ein Trauerspiel in 11 Akten. Die tragische Figur Gary Barlow, die dem Renegaten Williams den Erfolg neidet, sucht auch mit Take That weiter vergeblich nach dem zweiten "Forever Love", Mark Owen hört privat am liebsten Rufus Wainwright, muss aber mit den Jungs von der Tankstelle weiter windelweichen Gebrauchs-Pop zum Füßeln und Fencheltee-Aufkochen abliefern. Weil man den Rezensenten mit semi-orchestralem Kitsch immer kriegt, sind immerhin "Patience", "I'd Wait For Life" und "Wooden Boat" passabel. Der Rest? Bitte Thomas Gottschalk fragen. (3) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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