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26.12.2006
 

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Die wichtigsten CDs des Jahres

Was bleibt am Ende eines jeden Jahres? Eine Handvoll Platten für die Ewigkeit. Auch 2006 hat SPIEGEL ONLINE die zehn wichtigsten CDs des Jahres ermittelt. Lesen und hören Sie heute Teil zwei!

Arctic Monkeys - "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not"
(Domino/Rough Trade)

"So etwas haben wir seit den Beatles nicht mehr gesehen", soll ein perplexer Verkäufer in der Londoner Filiale des Plattenhändlers HMV gesagt haben, nachdem ihm am Erstverkaufstag Dutzende Exemplare von "Whatever People Say I Am, That's What I'm Not" aus der Hand gerissen wurden. Mit 360.000 Einheiten verkaufte sich das erste Album der Arctic Monkeys schneller als jedes britische Debüt-Album zuvor. Die Arctic Monkeys sind außerdem die erste Band, die durch Mundpropaganda im Internet in die Charts befördert wurde, der Hype um die Band aus Sheffield war dank MySpace und Co. bereits riesig, bevor es auch nur eine Single zu kaufen gab. All das wäre natürlich nie passiert, wenn die Songs der Arctic Monkeys nicht tatsächlich zum Frischesten gehörten, was Britanniens Musik in diesem Jahr zu bieten hatte. (Und das, obwohl "Whatever People Say..." bereits im Januar veröffentlicht wurde!) Der polternde, mit Soul, Wave und Funk gewürzte Pubrock ist schweißtreibend und mit der handfesten Sprache der Rotlichtbezirke durchtränkt.

Smarte Flüche, schnelle, freche Sprüche - mit dieser Straßenjungen-Attitüde, die sich am schönsten im Gassenhauer "Still Take You Home" manifestiert, wissen die Arctic Monkeys auch nach fast einem Jahr noch zu begeistern. Bei aller Macho-Attitüde ("I Bet You Look Good On The Dancefloor") kommt die Lakonie der Abgefuckten allerdings auch nicht zu kurz, was sich in poetisch-zornigen Hymnen wie "The View From The Afternoon" niederschlägt. Aber, und das haben uns die Arctic Monkeys gelehrt: Auch im 21. Jahrhundert kann man Lebensfrust und Alltagsmelancholie wegtrinken und -tanzen. Put on your dancing shoes! Andreas Borcholte

Blumfeld - "Verbotene Früchte"
(Columbia/SonyBMG)

Mal abgesehen von Joanna Newsoms "Ys" wurde wohl kein anderes Album so kontrovers diskutiert wie Blumfelds "Verbotene Früchte": Ob Jochen Distelmeyer den Verstand verloren hat, fragte sich wohl so ziemlich jeder, der die Platte zum ersten Mal hörte: Launig-luftige Liedchen über Pflanzen und Tiere trällerte der Hamburger Sänger, sein Blick über den Tellerrand schien plötzlich nicht mehr über den eigenen Vorgarten hinaus zu reichen. Die Diskurspop-Exegeten der Nation scharten sich wie gewohnt um ihren Guru und versuchten, die als "Naturlyrik" verunglimpften Songs Distelmeyers zu deuten. Viel kam dabei nicht heraus. Die anderen, darunter auch dieser Rezensent, bescheinigten Blumfeld das Ende der Relevanz und den Rückzug ins Private. Auf den Punkt brachte die Debatte der geschätzte Kollege Tobias Rapp in der "taz": "Genau in der Leichtigkeit, mit der 'Verbotene Früchte' es einem schwer macht, liegt die Großartigkeit dieser Platte", schrieb er - und meinte wahrscheinlich die Irritation, ja Provokation der Einfachheit. Er wolle "Lieder schreiben, die ein gutes Gefühl vermitteln", sagte der Sänger irgendwann im Sommer. Und unterm Strich bleibt genau das übrig: "Apfelmann", "Tiere um uns", "Der Fluß", "Schnee" - optimistische, naive, absolut positive Songs, die durch ihr gravitätisches In-Sich-Ruhen und ihre pure Schönheit beeindrucken. Wenn dieser wundersame WM-Sommer einen geheimen Soundtrack hatte, dann diesen. Andreas Borcholte

Thom Yorke – The Eraser
(XL Recordings/Beggars/Indigo)

Es fiel nicht weiter ins Gewicht, dass es auch in diesem Jahr wieder kein neues Radiohead-Album gab: Sollte die Band sich gar nicht mehr zusammenraufen, bleibt uns immer noch Thom Yorke und sein großartiges Solo-Debüt "The Eraser", das von "TV Today" oder "Hörzu" sicherlich als "spannend" bezeichnet wurde. Wie das einstmals vom "FAZ"-und "Spex"-Autoren Dietmar Dath in aller Exaktheit beschriebene Björk-Video "All Is Full Of Love" evoziert auch "The Eraser" das Bild vom Roboter mit Seele, vom Replikaten mit Herz und von den aufwallenden und wieder zerfallenden Gefühlen, die immer im bekannten Zyklus ablaufen: Leidenschaft, Kühle, Gleichgültigkeit, Überdruss, Spott, Verachtung, Ekel. "We think the same things at the same time/ We just can’t do anything about it/ We think the same things at the same time/ There are too many of us/ So you can't count" heißt es in "Harrowdown Hill". Wenn Thom Yorke einmal endgültig zum Alien wird, sind wir alle wieder mit dabei. Jan Wigger

Bob Dylan - "Modern Times"
(Columbia/SonyBMG)

Vielleicht sagt es viel mehr über unsere Zeit aus, als man denkt, wenn Bob Dylan es nach 30 Jahren und mit seinem 41. Album mal wieder schafft, die amerikanischen Charts anzuführen. Mit einem Album noch dazu, das wie kein anderes zuvor die zunehmende Entfremdung des Folk-Altmeisters mit den Errungenschaften der Gegenwart zelebriert - der Gute ist inzwischen auch schon 65. "Modern Times" war das Konsens-Album des Jahres, nicht nur, weil es eines der musikalisch und textlich besten Dylan-Platten der letzten Jahre ist, sondern weil es uns mit seinem souverän dahinmarschierendem Boogie-Sound an das eigene ewige Fließband des Lebens, an unseren endlosen Blues im Laufrad der Ökonomie erinnert. Wunderbar zynische Proletariats-Betrachtungen wie "Workingman's Blues #2", eine Hommage an Merle Haggard, sind in dieser allgemeinen Kritik am Spätkapitalismus nur das Sahnehäubchen. Dylans Lieder, die im Geiste zu den ersten Arbeitskämpfen auf den Feldern und in den Fabriken der Industrialisierung zurückführen, sind wie balsamierende Gospel für die moderne Arbeiterklasse. Selbst die jungen Prekarisierten aus der Generation Praktikum konnten im über die Jahre sonorer gewordenen Gebrummel Bob Dylans ihr Seelenheil finden. Die Zeiten ändern sich und der Kampf geht weiter. Andreas Borcholte

Scott Walker – "The Drift"
(4AD/Beggars/Indigo)

Wenn so mancher Hörer auf Joanna Newsoms "Ys" irritiert nach Refrains suchte (es gibt in jedem einzelnen Stück einen) konnte man das noch mit einem einfachen Kopfschütteln quittieren. Gegen Scott Walkers tiefschwarzes und von allen guten Geistern verlassenes "The Drift" aber war sogar "Ys" Popmusik. Walker, neben Syd Barrett ohnehin die rätselhafteste Musiker-Existenz der letzten Jahrzehnte, stieg auf maximal beunruhigenden Tracks wie "Clara" oder "The Escape" in eine Unterwelt hinab, in die sich niemand sonst hinein traute. Auf "The Drift" schnattern Enten, kämpfen Esel den Todeskampf und schlagen Schweinehälften aneinander, während Scott Walker noch bedrohlicher wimmert als auf vor 11 Jahren auf dem unverkäuflichen Großwerk "Tilt". Der deutsche "Rolling Stone" vergab für "The Drift" statt Sternen erstmals einen Krankenwagen. Über diese Vertonung der totalen Finsternis lässt sich schwer sprechen und noch schwerer schreiben. Letzte Ausfahrt: Meta-Avantgarde. Jan Wigger

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