• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.01.2007
 

Rapper Mos Def

Abschied mit Stinkefinger

Von Uh-Young Kim

Mos Def gilt als Konsenskünstler des Rap, zuletzt nutzte sogar Hollywood sein Image, um die Generation HipHop anzusprechen. Sein aktuelles Album ist allerdings eine Überraschung - für sein Label sogar eine ziemlich unangenehme.

So sieht ein richtiger Label-Clinch aus: Ohne Cover und Booklet steht das neue Album von Mos Def in den Läden. In der Hülle steckt nur die CD, notdürftig bedruckt mit einem Porträt des Rappers und Schauspielers. Trotz seiner steigenden Popularität ist "True Magic" in den USA zudem mehrmals verschoben worden, zuletzt sollte es ungünstig zwischen den Jahren erscheinen. Künstler und Label geben sich gegenseitig die Schuld am andauernden Veröffentlichungs-Hickhack. Mos Defs Homepage gleicht einer Ruine, die neuen Stücke kursieren seit Wochen im Netz. Ohnehin war "True Magic" seine letzte Produktion für das Major-Label Geffen, einer Tochter des Entertainment-Multis Universal. Der einstige Hoffnungsträger des Independent-Rap verabschiedet sich in gewohnt unbeugsamer Manier: mit einem Stinkefinger von Album.

Anders als die meisten Kollegen hat Dante Terrell Smith, wie der 33-jährige Allroundkünstler mit bürgerlichem Namen heißt, sein soziales Bewusstsein nicht an der Garderobe abgegeben, als der rote Teppich ausgerollt wurde. Zuhause in Brooklyn sang ihm sein Vater Sklavenlieder vor, die Mutter führte ihn an die afroamerikanische Literatur von Langston Hughes und Amiri Baraka heran. So ist Mos Defs Stil vom Blues der Baumwollfelder, von der Alltagspracht der Harlem Renaissance und einer radikalen Bebop-Haltung durchdrungen. Elegant und doch straßentauglich übersetzt er diese Ästhetiken mit dem Kampfgeist von Black Power für die HipHop-Generation.

Spielend die Rollen wechseln

Bevor Mos Def Ende der Neunziger zum Fackelträger des Underground-HipHops erkoren wurde, verfolgte er bereits eine Karriere als Schauspieler. Auf der Leinwand machte er in Spike Lees Rassismus-Allegorie "Bamboozled" auf sich aufmerksam. Als kongenialer Sidekick alberte er mit Comedy-Star Dave Chappelle herum. Nachdem er in der Hauptrolle des preisgekrönten Broadway-Dramas "Top Dog/Underdog" gefeiert wurde, hat auch Hollywood den Charismatiker mit dem Schuljungengrinsen für sich entdeckt.

Ob als Außerirdischer Ford Prefect in "Per Anhalter durch die Galaxis", als Sprengstoffspezialist im Star-Ensemble des "Italian Job" oder jüngst als Kronzeuge im Thriller "16 Blocks": Die großen Studios engagieren ihn - als lukrativen Tribut an den weltweiten Siegeszug des HipHop: Möge das raue Straßen-Image der urbanen Ikone auf die faden Popcorn-Stars abstrahlen. Zunehmend jedoch emanzipiert sich der Schauspieler durch politische Rollen: Gerade wirkt er in einem Epos über den haitianischen Revolutionär Toussaint Louverture und einem Black-Panthers-Drama mit.

Während die Platten und Filme von Will Smith oder Ice Cube in Richtung Massenverwertung verflacht sind, nutzt Def sein Standbein vor der Kamera, um sich am Mikrofon alle Freiheiten zu erlauben. Sein epochales Debüt "Black On Both Sides" von 1998 machte ihn zum Auserwählten der sozial engagierten Conscious-Rap-Bewegung. Eine Abkehr vom materialistischen Mainstream schien möglich. Doch auf dem Nachfolger "The New Danger" von 2004 zog er Fluchtlinien in Richtung Rock und eckte sogar mit antisemitischen und schwulenfeindlichen Äußerungen an.

Kampfansage und Abschied

Zwei Jahre später kehrt Mos Def nun in seinen Heimathafen zurück. Trotz des Bezugs zum klassischen HipHop laufen die Erwartungen allerdings ins Leere. Obwohl Hitmacher wie die Neptuns Beats beisteuerten, wirkt "True Magic" absichtlich unterproduziert. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein Künstler mit einem derartigen Schnellschuss aus seinem Vertrag befreit. Besonders wenn der Partner Jimmy Iovine von Geffen heißt, der von U2 über Eminem und 50 Cent bis zu Gwen Stefani den Markt so fest im Griff hält, dass er auf authentische, aber letztlich kleine Fische wie Mos Def verzichten kann.

Seinen Abgang nutzt Mos Def dennoch dazu, um zum Beispiel das Hauptgeschäft seines Labels zu unterwandern, indem er in "Thug Is A Drug" die vom Konzern forcierte Obsession mit Gangsta Rap dekonstruiert. Neben der moralischen Misere im HipHop thematisieren gleich mehrere Stücke rassistische Aktionen der Polizei. Der Rapper reflektiert auch seine Verhaftung bei den MTV Awards im vergangenen August, als er auf der Straße einen kontroversen Kommentar zum Hurrikan Katrina rappte. In "Dollar Day" greift er Präsident Bush sowie den Pop-Samariter und Iovine-Kumpanen Bono wegen unterlassener Hilfeleistungen an.

Mittlerweile steht Mos Def mit seiner kompromisslosen Haltung ziemlich alleine im großen Rapzirkus da. Zwischen dem Nihilismus des Cocaine Rap und den Partykanonen aus dem Süden ist wenig Platz für gesellschaftskritische Fragen. Damalige Mitstreiter wie Common oder Talib Kweli liebäugeln mittlerweile mit den Charts, so dass ihr Kampf um soziale Gerechtigkeit heute lediglich als das bessere Verkaufsargument erscheint. Ihre Message ist zur Marktnische geworden.

"True Magic" markiert somit das unrühmliche Ende der Allianz von Independent Rap und Major-Industrie. Niemand ist dabei reich und berühmt geworden, und die Verhältnisse haben sich nicht gebessert. Das Scheitern aber hat gezeigt, dass sich das revolutionäre Potential der HipHop-Kultur nicht in gut vermarktbaren Gesten erschöpfen kann. Vielleicht ist es vielmehr die exzessive Zurschaustellung von Materialismus und Sexismus, die der Öffentlichkeit den Spiegel vorhält und die gesellschaftliche Doppelmoral aufdeckt.


"True Magic" ist bei Geffen/Universal erschienen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Musik

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP