Von Heiko Behr
DJ MEHDI
Tanzende Models, schwitzende DJs, rotierende Discokugeln. Das glamouröse Image von Ed Banger Records aus Frankreich wird momentan in der Blogosphäre ständig reproduziert. Überall tauchen Partyfotos und kleine Videoschnipsel auf, die ewige Jugend und hemmungslosen Hedonismus versprechen. Abseits dieser Bildgewalt hält sich Labelchef Busy P – als Pedro Winter auch Manager von Daft Punk – dezent zurück und quittiert die einhellige Begeisterung mit Schweigen. Er legt lieber mal in New York, mal in Rio, mal in Tokio als DJ auf und bereist mit seiner Clique die Welt. Dazu gehören neben der blutjungen Uffie (von der noch zu hören sein wird) vor allem das Duo Justice, SebastiAn und DJ Mehdi, dessen Album "Lucky Boy" nun auch in Deutschland erscheinen wird. Subtilität wird anderswo ausbuchstabiert, Mehdi setzt in seinen Breakdancetracks auf brachiale Effekte, knarzende Synthies, vorhersehbare Spannungsbögen. Funktionale Musik für die Clubs also, wenn die Euphorie schon von der Decke tropft. Und deswegen natürlich großartig.
http://www.myspace.com/djmehdi
http://www.edbangerrecords.com/
http://www.myspace.com/uffie
THE APPLES IN STEREO
Vieles kann man den nimmermüden Blog-AutorInnen vorwerfen, aber eines sind sie nicht: voreingenommen. In ihrer Parallelwelt kann es passieren, dass eine bereits seit 15 Jahren existierende Band plötzlich aus dem Nichts zum "hot shit" ausgerufen wird – nach einer fünfjährigen Pause. The Apples In Stereo sind so eine Band. Sänger Robert Schneider bietet dabei natürlich eine hervorragende Identifikationsfolie für die einsamen Musiknerds vor ihren flimmernden Rechnern: ein bebrillter, haarloser, dicklicher Matheliebhaber, der seine Songs auch schon mal "Non-Pythagorean Composition" nennt und dazu gleich eine 12-Ton-Skala neu entwickelt hat (erläutert wird das System im üppigen Bonusmaterial der aktuellen CD). Musikalisch orientiert man sich am Kanon (genau: Beatles und Beach Boys), ohne Ehrfurcht werden dabei zahllose obskure Instrumente aufgeboten, man ergießt sich in saftigen Sixties-Melodiebögen inklusive Chorgewalt. Nicht nur für ambitionierte Freaks eine echte Reise.
http://www.applesinstereo.com/ http://www.myspace.com/theapplesinstereo
JESSE SYKES & THE SWEET HEREAFTER
Besonders in Europa hat der unverwüstliche Johnny Cash mit Rückendeckung von Rick Rubin viel getan für eine Musikrichtung, die oftmals immer noch entweder mit rückwärtsgewandtem Staub und düsteren Rednecks oder albernen Neo-Coyboys wie Billy Ray Cyrus assoziert wird: Country. Doch mittlerweile öffnen sich immer mehr Indie-Liebhaber vor allem dessen coolerem Bruder, Alternative Country genannt und ganz weit weg vom Fließbandbetrieb in Nashville. Die Wurzeln dieses Trends reichen zurück bis in die Achtziger, als Bands wie Giant Sand, Uncle Tupelo oder die Cowboy Junkies sich den musikalischen Wurzeln der amerikanischen Einöde zuwandten. Jesse Sykes und ihre Backingband The Sweet Hereafter knüpfen an diesen Sound an: Düsterer Gothic-Countryrock, mit verwitterter Stimme vorgetragene intime Texte, zurückhaltend, abwartend. Den entscheidenden Kick erhält Jesse Sykes momentan durch ihr besonders in Bloggerkreisen renommiertes Label Barsuk Records, das Liebhaberthemen wie Nada Surf, Death Cab for Cutie, The Long Winters oder Menomena betreut. Ohne diesen Rückhalt wäre diese Musik vielleicht ein bißchen zu unauffällig. Auf der Labelseite wird das Album komplett gestreamt.
http://jessesykes.com/
http://www.myspace.com/jessesykesandthesweethereafter
http://barsukmusic.blaireau.net/jessesykes
FULTON LIGHTS
Manchmal ist ein Blog nur der Anfang. So entschied sich der Macher von www.catbirdseat.org irgendwann, ein Kleinstlabel namens Catbird Records auf die Beine zu stellen. Dort werden nun Cover handgemalt, mit unterschiedlichen Motiven bedruckt und schließlich in Handarbeit verpackt und verschickt. So viel Liebe zum Detail wird von befreundeten Blogs gern honoriert und so wandert momentan das Ein-Mann-Projekt Fulton Lights durch die Szene, dessen selbstbetiteltes Album eben dort in limitierter Auflage erscheint. Andrew Spencer Goldmann, Kopf von Fulton Lights, hat gemeinsam mit Mitglieder der Alternative-HipHop-Combo Dälek und anderen Szeneköpfen eine behutsam pulsierende, elektronische Folkplatte aufgenommen, die man durchaus mit den ebenfalls aus Brooklyn stammenden Grizzly Bear vergleichen könnte. Wunderschöne Musik für entgeisterte Großstädter – oder wie es in "The Sound of the City" heißt: "The absence of the electric hum / And the sound of the wind blowing through empty city streets" – eine Veröffentlichung in Europa steht leider nicht an, eine Bestellung beim Label direkt kann man nur wärmstens empfehlen.
http://www.fultonlights.com/ http://www.myspace.com/andrewspencermusic
GREAT LAKE SWIMMERS
Die Great Lake Swimmers sind ein gutes Beispiel dafür, dass sich das unermüdliche Touren auszahlt, irgendwann zumindest. Viele Poster in der Blogosphäre geben momentan offen zu, dass ihnen die Band aus Toronto um Frontmann Tony Dekker zunächst nicht weiter aufgefallen war. Erst die Live-Erfahrung, von der plötzlich immer mehr schwärmten, ließ sie dann zum Blogger-Darling mutieren. Und sie sind es zu Recht. Ähnlich wie die mittlerweile groß gewordenen My Morning Jacket nehmen die Great Lake Swimmers ihre Musik stets in ungewöhnlicher Umgebung auf, verlassenen Weizensilos etwa, oder alten Kirchen. Die semiakustischen Folksongs sind sorgsam ausarrangiert, die hohe, weiche Stimme steht immer im Zentrum. Vergleiche mit Sufjan Stevens bleiben dabei natürlich nicht aus, sind aber noch etwas hochgegriffen. Ihr mittlerweile drittes Album "Ongiara" kommt am 20. April.
http://www.myspace.com/greatlakeswimmers http://www.greatlakeswimmers.com/
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