Von Uh-Young Kim
Ein Abend vor dem Fernseher kann zurzeit schnell zur Folter werden: Bohlens Vulgärausfälle, Banales bei "Big Brother", Casting von Karnevalsjecken im Dritten – wohin der Finger auch zappt, wird man dazu gezwungen, peinlich berührt wegzugucken. Für wie dumm halten die Programm-Macher eigentlich ihre Zuschauer?
Kandidaten von "The (White) Rapper Show": "Vehikel für den guten Kampf"
Was "The (White) Rapper Show" von den üblichen Casting- und Reality-Shows unterscheidet, ist die subkulturell geprägte Haltung. Dafür sind die Macher vom New Yorker Ego Trip-Kollektiv bekannt, neben Magazinen und Platten brachte das fünfköpfige Mediengeschwader 2002 das explosive Listenwerk "Big Book of Racism" heraus. Zum Team aus Musikjournalisten, Graffitidesignern und HipHop-Spezialisten gehört auch Autor Jeff Mao: "Wir verstehen die Musik, wo sie herkommt, und wie sie in die Geschichte der Aneignung afroamerikanischer Kulturen durch Weiße einzuordnen ist. Die Show kommentiert die Verwandlung der einstigen Ausdrucksform farbiger Communities in Amerikas dominante Mainstreamkultur."
Battle ohne geheuchelte Solidarität
Zu den Kandidaten zählen so hassens- und liebenswerte Gestalten wie der kauzige John Brown, der sich wie bestellt "König der Vorstädte" nennt, oder das White-Trash-Nesthäkchen G-Child, deren Vorbild der Kommerzrapper Vanilla Ice ist. Den Beweis, dass eine gute Figur alleine noch keinen MC macht, erbringt die blonde Misfit. Ein Ethnologie-Student wiederum nervt seine Umwelt mit politischer Korrektheit. Schnell wird klar, warum sich HipHop besonders für Formate eignet, in denen es um Wettbewerb und Authentizität geht. Während "DSDS"-Kandidaten bei jeder Gelegenheit Rotz und Wasser heulen, um Solidarität mit ihren Konkurrenten zu heucheln, begeben sich die Rapper offen und originell in den Battle um das Preisgeld von 100.000 Dollar.
Bei den täglichen Aufgaben treffen sie auf wahre HipHop-Ikonen, darunter Old-School-Legenden wie Grandmaster Flash oder aktuelle Stars wie Juelz Santana. Moderiert wird die Sendung von MC Serch von der Gruppe 3rd Bass aus den Achtzigern. Halb Sporttrainer, halb Militärausbilder stellt er als weißer Rapper der ersten Stunde die Respektsperson dar, die Dieter Bohlen und Detlef D! Soost so gern sein wollen. Ihm zur Seite steht "Superproducer" Prince Paul (u. a. De La Soul). Wenn es um die Bewertung von Nachtclubhits geht, sitzen auch mal Stripperinnen in der Jury.
Zur Strafe eine Sklavenkette
In bester HipHop-Manier werden die Rituale von Casting-Shows gesampelt und dem urbanen Kontext angepasst. Der provokante Humor, der noch im letzten Set-Detail steckt, fordert permanent den rassistischen Diskurs heraus. Wie in einem Wirklichkeit gewordenen Sketch von Comedy-Star Dave Chappelle müssen sich die Kandidaten vorkommen, wenn sie statt im Studio in einer Quiz-Show vor einem afroamerikanischen Publikum landen, wo ihr Wissen über schwarze Stereotypen getestet wird. Als die Latina Persia das unvermeidliche N-Wort ein paar Mal zu oft in den Mund nimmt, muss sie zur Strafe einen Tag mit einer schweren Sklavenkette um den Hals herumlaufen, auf dem das Schimpfwort eingraviert ist.
Den Vorwurf, sich - wie sonst im Fernsehen üblich - bloß über ihre Kandidaten lustig zu machen, entgegnet Mao allerdings entschieden: "Viele der Aufgaben repräsentieren in konzentrierter Form, was sie durchmachen müssten, wenn sie da draußen tatsächlich eine Karriere anstreben würden. Wenn wir sie nur erniedrigen wollten, würden wir sie dann mit Hitproduzenten wie Just Blaze ins Studio schicken? Wir haben darauf geachtet, dass sich die Charaktere während der Staffel weiterentwickeln können. Und mal ganz im Ernst: Der Respekt, den wir unseren Kandidaten entgegenbringen, übertrifft bei weitem die Achtung, die weiße Produzenten über Dekaden für schwarze Darsteller aufgebracht haben."
Vision von guter Unterhaltung
So balanciert die Show kontrovers zwischen Komödie, Kommentar und Wettbewerb. Wer am Ende gewinnt, darüber sollen die Skills entscheiden. Kein stundenlanges Geplänkel, um noch mehr Werbung unterzubringen - MC Serch und seine Kollegen verstehen ihr Handwerk und machen kurzen Prozess. Tatsächlich gelingt es in den Ausscheidungsrunden, den Blick auf die Fähigkeiten am Mikrophon zu lenken. Dabei treten aber auch die Grenzen des Konzepts deutlich hervor: "The (White) Rapper Show" spricht eigentlich nur HipHop-affine Zuschauer an. In der Spezialisierung liegt aber auch die Stärke. Wo alles glatt gebügelt ist, um die größtmögliche Zielgruppe anzusprechen, kann es passieren, dass am Ende keiner mehr zuschaut. Eine Tendenz, die sich gerade bei "Big Brother" abzeichnet: dort ist der künstliche Alltag mittlerweile im realen angekommen - wie langweilig.
Auch darf man nicht vergessen, dass die HipHop-Kultur längst keine Nische mehr ist. Nicht nur in den USA hat sie die Modewelt, die Universitäten und die Medienbranche durchdrungen. Rapstars treten regelmäßig außerhalb von MTV im US-Fernsehen auf. Aber auch hier stellt "The (White) Rapper Show" eine Ausnahme dar: Mit dem Ego-Trip-Kollektiv tragen Nerds mit Haltung und Humor ihre Vision von guter Unterhaltung an die Massen, ohne ihr Konzept verwässert zu haben.
Indem sie ständig mit neuen Ideen, Spielen und Wendungen überraschen, legen sie auch den eigentlichen Motor von Casting-Shows frei: Es geht um den Prozess des Konkurrenzkampfs, nicht um das Ergebnis. Den Traum vom Starsein, den die Ideologie kulturindustrieller Betriebsamkeit suggeriert, nutzen Ego Trip als "Vehikel für den guten Kampf", wie Mao die Guerillataktik bezeichnet. Selbst dem größten "DSDS"-Fan dürfte langsam dämmern, dass solche Shows keine transzendentalen Popstars hervorbringen, da diese in der kalten, harten Realität schlichtweg nicht mehr existieren.
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