Von Daniel Haas
Various Artists: "Luxury Soul 2007"
(Expansion/Rough Trade)
Sie sind Mitte 30, haben irgendwie genug von der Beweihräucherung der "guten alten Zeit", als Soul angeblich noch viel mehr Seele hatte und Ray Charles für Bürgerrechte kämpfte, können sich andererseits aber auch nicht für R&B und seinen sexuellen Eskapismus erwärmen: Was bleibt Ihnen dann?
Vielleicht erst einmal ein Kurztripp nach England, dem Mutterland der Soul-Liebhaberei. Dort gibt es zahllose Veranstaltungen, die sich auf so genannten Adult Soul spezialisiert haben - Musik, die man auch ohne Bauchnabelpiercing, Haarverlängerung oder HipHop-Tanzkurs hören kann.
Organisiert werden die "Allnighter" und "Weekender" unter anderem von Plattenfirmen. Expansion zum Beispiel gehört zu den ersten Adressen für diesen Sound; Label-Chef Richard Searling gilt als Doyen unter Sammlern und DJs. Jedes Jahr gibt man mehrere exzellente Sampler heraus ("Soul Togetherness"), die "Luxury"-Reihe ist luxuriös günstig (drei CDs für zwölf Euro) und präsentiert eine umfassende Auswahl an Songs zum Abtanzen und Mitschmachten.
Wem England zu weit ist, der kann übrigens am 23. März ins Ostseebad Weißenhäusser Strand fahren: Dort geht der erste Soul-Weekender Deutschlands über die Bühne. Der Rave für die Generation 30 plus mit Stars, die wie Marva Whitney und Ann Sexton so gründlich vom Mainstream vergessen wurden, dass man sie um so hingebungsvoller feiern sollte.
"Your Love Finally Ran Out" - wenn das kein Balladentitel ist! Und der Song erst: eleganter Soul, komponiert von Siebziger-Ikone Sam Dees, aufgepeppt mit Disco-Funk. Irgendwo zwischen Kitsch und Klassizität bewegen sich auch die restlichen Songs dieses wunderbaren Albums, das Atlantic Starr 1982 eingespielt haben.
Die Band kennen heute nur noch DJs, Sammler und ein paar Soul-Begeisterte, die in den Achtzigern nicht zu alt waren für Disco und nicht zu jung für den gewagten Mix aus R&B-Schmelz und Tanzboden-Gerumpel. 1978 gab die neunköpfige Truppe mit "Atlantic Starr" ihr Debüt . Der Erfolg kam aber erst 1980, als sich die Band mit James Carmichael, dem Produzenten der Commodores und von Lionel Ritchie, zusammentaten.
"Brilliance" trägt seinen Titel zu Recht: Die Verbindung von bewährten Funk-Tugenden (Sexyness, Präzision), Soul-Themen (Liebe, Herzschmerz, Trennung) und Zukunftsbegeisterung (Drum-Computer) überzeugt mit jedem Beat. Es empfiehlt sich, Atlantic-Starr-Alben abwechselnd mit innovativem R&B von Justin Timberlake oder Nelly Furtado zu hören - dann merkt man, wie die alten Helden die jungen vorbereitet haben.
Gladys Knight: "Before Me"
(Verve/Universal)
Gladys Knight gehört zum Pantheon des Pop wie Stevie Wonder oder Aretha Franklin. Wie gut, dass sie sich nicht auf den Kultstatus zurückgezogen hat und weiter Platten aufnimmt. Natürlich ist ihr Sound glamourös und auch ein wenig konventionell geworden - die Sechziger sind ja auch vorbei; die großen Hits - von "I Heard It Through The Grapevine" bis "Midnight Train To Georgia" sind inzwischen Bestandteil der globalen Pop-Folklore.
Knight spielte mit ihren letzten Alben Bombast-Gospel ("One Voice") und breit orchestrierten Luxus-Soulpop ("At Last") ein, der auf die Showtreppe großer Kasinos besser passte als in den Club oder auf den heimischen Plattenteller.
Jetzt verwaltet die 55-Jährige ihr Jazz-Erbe. "Before me", vor ihr kamen die legendären Sängerinnen Amerikas: Billie Holiday, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn. Ihnen erweist sie mit ihrem unverwechselbar kraftvollen und zugleich fragilen Timbre Reverenz. Innovativ sind diese Einspielungen nicht, aber "Stormy Weather", "Good Morning Heartache" oder "Come Sunday" mit einem Touch Motown - das lässt sich hören.
Sean Price: "Jesus Price Superstar"
(Duck Down/Groove Attack)
Traditionalisten schauen wehmütig zurück auf jene Zeit, als Stars wie Nas und Jay-Z bahnbrechende Alben einspielten. In dieser Zeit etablierte sich auch das Kollektiv Boot Clamp Clik, eine Supergruppe des Underground HipHop, zu der neben den Reimkünstlern Buckshot und Smif-N-Wessun auch Priice gehörte.
Der hat im Schatten der neuen Osküsten-Superstars wie 50 Cent und P.Diddy eine Karriere-Achterbahnfahrt hinter sich, die ihn vom DJ-Darling zum Drogendealer und wieder zurück beförderte. Sein neues Album schert sich um aktuelle Sound-Moden kein bisschen - es wird präzise gereimt, solide Soul gesampelt, die Beats sind taff und unprätentiös. Jay-Z und Nas warten heute mit Rap-Blockbustern auf, wo jeder Song ein kleines Vermögen wert ist. Price ist ihr prekarisierter Bruder, bei dem man schnell (das Album ist nur 47 Minuten lang) auf seine Kosten kommt.
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