Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Beim Hören der neuen CD von Modest Mouse findet Jan Wigger Schweiß, Wahnsinn und Verderben. Ansonsten: Zarter Folk-Schmelz von den Bright Eyes und ein King of Uncool, der jeden Rocker zur Verzweiflung bringt.
Modest Mouse – "We Were Dead Before The Ship Even Sank"
(Epic / Sony)
Für ungläubiges Erstaunen und kurzzeitige Jubelarien sorgte vor einiger Zeit die Tatsache, dass Johnny Marr, im früheren Leben Gitarrengott und kongenialer Songwriting-Partner von Morrissey bei The Smiths, unverhofft neues Mitglied der hochgeschätzten Indie-Band Modest Mouse aus Portland, Oregon wurde. Und sagen wir es mal so: Selbst Menschen, die damals in den Achtzigern die Gitarrenläufe der kompletten "Meat Is Murder"-LP mitpfeifen konnten, dürften Schwierigkeiten haben, Marr auf "We Were Dead Before The Ship Even Sank" überhaupt zu identifizieren. Zu selbstverständlich und spielerisch hat er sich in den Modest-Mouse-Kosmos aus Schweiß, Wahnsinn und Verderben eingefügt, zu weit entfernt sind Sänger Isaac Brock und der Rest der Band von schwärmerischem, britischen Gitarren-Pop entfernt. "We Were Dead Before The Ship Even Sank" (ein absolut typischer Modest-Mouse-Albumtitel) changiert wieder zwischen Wachträumen und Spinnereien, hinreißendem New-Wave-Funk ("Dashboard"), Isaac Brocks bekanntem Belfern ("Education"), purem Genie ("Parting Of The Sensory") und wundervollstem Folk-Pop ("Missed The Boat"). Man stellt auch mehrfach fest, was für ein toller Sänger Isaac Brock eigentlich ist und bleibt wohl auch in Zukunft allein mit der Meinung, dass Modest Mouse auf "The Lonesome Crowded West" (1997) am allerbesten waren.
(8) Jan Wigger
Bright Eyes – "Cassadaga"
(Polydor / Universal, 6. April)
Und hätte man Conor Oberst an die dunkle Seite des Mondes versetzt, er könnte nicht einsamer sein. Tatsache: Während die Mitglieder der Berliner Punk-Band Beatsteaks höchstens Ende Dreißig sein dürften, aber schon jetzt aussehen, als seien sie gemeinsam mindestens 250 Jahre alt, liegt der Fall bei Oberst anders: Keine 25 musste der gern als weinerlich bezeichnete Songschreiber werden, um mit "I’m Wide Awake It’s Morning" bereits sein Alterswerk zu veröffentlichen. Frage: Kann man diese Platte, auf der zarter Folk-Schmelz, Americana und süßer Schmerz zusammenflossen, eigentlich noch steigern? Gegenfrage: Soll es jetzt nicht sogar ein Unplugged-Album von Korn geben? Möglich ist alles. In medias res: Mit "I’m Wide Awake..."-Songs wie "First Day Of My Life" oder "At The Bottom Of Everything" war Oberst auf der Höhe seiner Kunst, auf "Cassadaga" geht er einen Schritt zurück, ohne sich selbst zu verlieren. Und wie toll sind nun "Four Winds" und "Make A Plan To Love Me" geworden! Auch das Liebeslied "No One Would Riot For Less" zählt von nun an zu Obersts schönsten und düstersten
Stücken: "From the madness of the governments / To the vengeance of the sea / Everything is eclipsed by the shape of destiny / So love me now / Hell is coming / Kiss my mouth / Hell is here." Oder wie es "Bild am Sonntag" ausdrücken würde: Höllisch gut! (8) Jan Wigger
Low – "Drums And Guns"
(Sub Pop / Cargo)
Man darf sich schon etwas darüber wundern, dass nun ausgerechnet das ungefähr zehnte Low-Album "Drums And Guns" all die Lobpreisungen und überschwenglichen Besprechungen bekommt, die Mimi Parker, Alan Sparhawk und Matt Livingston rechtmäßig zur Jahrtausendwende und also mit den LPs "Secret Name" und "Things We Lost In The Fire" hätten erhalten müssen. Eine Revolution bezüglich des Bandsounds, ein musikalischer Richtungswechsel oder einfach die kompletteste aller Low-Platten ist "Drums And Guns" nämlich nicht. Es fiept, beept und pocht etwas mehr als gewöhnlich, die Mundharmonika bläst zum letzten Gefecht, kompositorisch liegt das Trio aus Duluth, Minnesota etwa auf dem Niveau von "Trust" (2002). Das Gesamttempo "gemächlich" zu nennen, wäre eine Untertreibung. "And all you pretty people / You’re all gonna die." zieht Sparhawk gleich im ersten Song die Worte lang. Näher an die Wahrheit kommt er nicht mehr.
(7) Jan Wigger
Mika – "Life In Cartoon Motion"
(Casablanca / Universal)
Abgeschlagenheit und Müdigkeit? Tiefe, schwere Atmung? Azetongeruch des Atems? Dann stehen sie unter Umständen auch ohne die Mika-Platte schon kurz vor dem diabetischen Koma und sollten sich umgehend behandeln lassen. Trotzdem der Hinweis für Zuckerpatienten: Finger weg von "Life In Cartoon Motion". Michael Holbrook Penniman, wahrscheinlich Anfang 20, in Beirut geboren und in Großbritannien schon maßlos erfolgreich, zitiert auf seinem Debüt alles, was den ehrlichen, ungerührten Rocker in die Verzweiflung treibt: Queen, Bee Gees, Scissor Sisters, George Michael, Cutting Crew, Elton John, Michael Jackson und zahllose One Hit Wonder. Weil Uncool das neue Cool und Mika der King of Uncool ist, kann er auf "Billy Brown", "Relax, Take It Easy" oder "My Interpretation" machen, was er will: Lennon/McCartney, Frankie Goes To Hollywood und Robbie Williams beklauen, falsettieren, bis der Arzt kommt und reuelos große (die Singles!) und etwas weniger große Pop-Momente feiern. Vor dem Mr.-Mister-Comeback aber bitte nochmal eben Bescheid sagen.
(6) Jan Wigger
The Rakes – "Ten New Messages"
(V2)
Das Rakes-Debüt "Capture / Release" erschien 2005 einserseits genau zur richtigen, andererseits genau zur falschen Zeit: Alle hatten ihr ganzes Geld schon dem örtlichen Koksdealer, Hard-Fi oder Mando Diao hinterhergeschmissen - das schlaue Quartett, das selten aus der Hüfte schießt und eher auf die lange Distanz wirkt, kam zu spät. Komisch, dass "22 Grand Job", "Retreat" und "Strasbourg" dann doch in jeder Frisuren-Disko liefen. "Ten New Messages" hat ein sehr ödes Cover, aber sehr gute Songtitel: "The World Was A Mess But His Hair Was Perfect" und "When Tom Cruise Cries" schreiten so exakt und punktgenau voran, dass man es leider doch noch mal sagen muss: Entweder haben sämtliche Mitglieder der Rakes jeweils fünf Wire-Alben im Schrank oder sie sind brillante Lügner. Insgesamt guter Nachschlag mit überragenden ("Little Superstitions") und eher langweiligen ("On A Mission") Tracks.
(6) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)
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