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10.05.2007
 

Eurovision Song Contest

"Eruptionen des Stolzes"

Peter Urban ist die deutsche Stimme des Grand Prix. Seit zehn Jahren kommentiert er den Eurovision Song Contest für die ARD. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die Entwicklung des Wettbewerbs, nationale Musikerweckungen und Roger Ciceros Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie eigentlich noch Grand Prix oder Eurovision Song Contest?

Urban: Eurovision Song Contest, aber manchmal rutscht noch Grand Prix raus, auch um in der Moderation ein wenig Abwechslung zu haben. Sonst wirst du ja affig, bei der langen Bezeichnung.

Eurovision-Kommentator Urban: "Ich hab's lieber etwas simpler"
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DDP

Eurovision-Kommentator Urban: "Ich hab's lieber etwas simpler"

SPIEGEL ONLINE: Richtige Puristen bleiben aber bei dem alten Namen.

Urban : Richtige Puristen hängen sogar "de la Chanson" an.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie welche? Echte Schlagertraditionalisten?

Urban : Klar, aber schon der Begriff des Schlagers ist ja zwiespältig. Viele bestehen auf traditionelle Abläufe, hätten gern die alten Jurys wieder, aber die Rückkehr zum Schlagerambiente will man ja auch nicht. Es ist ein deutsches Phänomen, Vorurteile gegenüber einem Schlagerwettbewerb zu hegen. Die meisten Länder haben stets seriöse Künstler entsandt, während es bei uns immer die leichtere Ecke war.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile zählt sowieso der Event.

Urban : Es ist ja auch kein Song-Wettbewerb allein, sondern eine Fernsehsendung. Mir wäre allerdings manchmal lieber, die Künstler würden mehr Wert auf Musik legen. Wenn es nur ums Gutaussehen geht, stört es mich. Ich hab's lieber etwas simpler.

SPIEGEL ONLINE: Dann war Vorjahressieger Lordi nichts für Sie?

Urban : Doch, es war nur keine vernünftige Darbietung fürs Familienprogramm. Exzentrik ist gut, solange die Musik ein gewisses Niveau hält. Diese musikalische Abwechslung kann von mir aus häufiger stattfinden.

SPIEGEL ONLINE: Auch der deutsche Vorentscheid hat dieses Jahr versucht zu variieren: etwas "Bravo"-taugliches, etwas Seriöses, etwas für Thirtysomethings.

Urban : Die Mischung ist in der Tat logisch. Ein junges Poptrio, ein alter Intellektuellenrocker, ein angesagter Swingsänger. Dass der mit so großem Vorsprung gewinnt, hätte ich nicht erwartet, was aber auch dafür spricht, dass die Leute Überraschungen wollen, nicht nur Erfolgsgaranten. Obwohl - Cicero hat auch schon Platin und den Echo gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich in Ihren elf Jahren als Moderator noch geändert?

Urban : Mehr Rock, dass es kein Orchester mehr gibt, dafür Halbplaybacks. Aber alle Veränderungen kamen in Wellen. Wenn etwas erfolgreich ist, wird es kopiert. Als mit Ruslana eine rhythmische Ethno-Nummer gewann, kamen im Jahr darauf fünf ähnliche Beiträge. 2006 hat ein Hardrocksong gewonnen und prompt gibt's mehr Rock. Aber auch das ist keine klare Linie. Man könnte jetzt das Visuelle, Rhythmische als Trend bezeichnen, aber direkt davor gab es noch die Olsen Brothers aus Dänemark, zwei ältere Herren mit Wandergitarren.

SPIEGEL ONLINE: Was hierzulande freilich das Zuschaueralter widerspiegelt.

Urban : Das stimmt, aber die Quoten sind nach wie vor sehr hoch und in Deutschland waren sie unter jungen Zuschauern besonders gut, als Stefan Raab, Guildo Horn oder Max Mutzke antraten.

SPIEGEL ONLINE: Oder wenn jetzt Monrose angetreten wären.

Urban : Möglich, aber warum haben die dann den Vorentscheid nicht gewonnen? Was über die Raab-Schiene kommt, zieht jedenfalls ein junges Publikum an. In Schweden ist der Wettbewerb für alle Generationen ein Muss, die haben schon beim Vorentscheid 70 Prozent. In England dagegen nehmen Jüngere das nur noch als Comedy wahr.

SPIEGEL ONLINE: Absteigen kann Deutschland nicht mehr.

Urban : Nein, wir finanzieren einen großen Teil des Wettbewerbs als eines von vier Ländern. Ich persönlich bin mit internationaler Rockmusik groß geworden, die auch in meinem normalen Berufsleben als Radiomoderator eine wichtige Rolle spielt. So gesehen kommentiere ich den Grand Prix als Event, das macht mir Spaß. Er ist ein Kult- und Kulturereignis, das die Entwicklungen der Popmusik reflektiert, aber sicher nicht bestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Dafür hat es den Charakter einer nationalen Erweckungsveranstaltung angenommen. Gerade bei neueren Teilnehmern schafft ein Sieg kollektive Identität und nationales Selbstbewusstsein.

Urban : Das hat sich geändert, ganz klar. Gerade ehemalige Sowjetrepubliken und der Balkan empfinden den Wettbewerb als Möglichkeit, ihre nationale Identität darzustellen, und behandeln ihn wie eine Staatsangelegenheit, die von offizieller Seite unterstützt wird. Aber auch als die Türkei oder Griechenland das erste Mal gewonnen haben, waren das nationale Eruptionen des Stolzes. Gerade in einer Zeit, wo man in der riesigen EU unterzugehen droht, kann man so wieder nationale Besonderheit und Größe zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Stört sie diese Nationalisierung?

Urban : Nicht, solange man sie in Grenzen hält. In Deutschland ist das oft schwer zu verstehen, diese Euphorie gibt es bei uns nicht.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist fraglich, ob die alten Nationen je wieder eine Chance haben, durch die Phalanx osteuropäischer Länder zu dringen.

Urban : Es gibt sicher eine Tendenz, füreinander zu stimmen, aber das liegt auch am ähnlichen Musikgeschmack, der etwa auf dem Balkan vorherrscht. Aber das reicht nicht. Man muss Stimmen aus allen Ländern bekommen, um zu gewinnen. Die Hilfsstimmen helfen für Platz 8 bis 12; fürs Gewinnen reichen die Bruderländer nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Wächst die Euphorie umgekehrt proportional zur Größe des Landes?

Urban : Da ist was dran. In Birmingham dagegen ging die Show im Alltag fast unter.

SPIEGEL ONLINE: Was wohl passiert, wenn Malta mal gewinnt?

Urban : Unvorstellbar. Ausnahmezustand!

SPIEGEL ONLINE: Und Roger Cicero?

Urban : Er wird Eindruck machen, weil er live unglaublich gut ist. Ich sehe ihn zwischen 10 und 15. Vorne erwarte ich Russland, Bosnien, Griechenland oder Schweden.

SPIEGEL ONLINE: Lagen Sie schon mal richtig mit einem Tipp?

Urban : Nee. Deswegen würde ich darauf auch nicht allzu viel geben.

Das Interview führte Jan Freitag

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